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interview

Auf den Satz „Ändere dich!“ folgt Panik

Über die Notwendigkeit von Veränderungen und wie Menschen damit umgehen, spricht die Psychologin Boglarka ­Hadinger im Interview – und am Donnerstag bei einem Vortrag in Lingenau.

Sie sprechen am Donnerstag in Ihrem Vortrag über Veränderungen. Wollen Menschen überhaupt Veränderungen oder verharren Sie nicht viel lieber im Status quo?

Boglarka hadinger: Die Notwendigkeit einer Kursveränderung tritt in unser Leben meistens von außen ein. Immer wieder. Das ist ein ganz wichtiges Phänomen, gleichgültig ob es sich dabei um eine körperliche Veränderung, eine Beziehungsveränderung oder eine Systemveränderung handelt. Interessant ist dabei unsere innere Reaktion. Denn der Aufruf: „Ändere dich!“ erscheint uns gnadenlos. Etwas im Menschen will das nicht. Und ich finde dieses „etwas“ sehr, sehr ermutigend.

Inwiefern?

hadinger: Ich arbeite seit 30 Jahren mit Menschen und sehe, dass es ein gutes Zeichen ist, wenn wir das, wer wir sind, und das, was uns wichtig ist, nicht einfach wegwerfen. Es ist ein gutes Zeichen, wenn auf den Satz „Ändere dich!“ zuerst Panik folgt. Sie bedeutet, dass in jedem Menschen etwas Beständiges, etwas Verlässliches vorhanden ist. Das ist gesund. Der Trick ist: Wenn man sich vornimmt, nicht sich, sondern etwas zu ändern, löst sich der Widerstand auf. Dann können wir etwas an unserem Verhalten korrigieren. An unseren Zielen. An unserem Denken.

Warum ist das so?

hadinger: Der Zuspruch, sein zu dürfen, wer man im Innersten ist, befreit. So hat man Kraft – und auch Kreativität – bestimmte Dinge am Verhalten, an den Einstellungen, an Zielen oder an der Beziehungsgestaltung zu korrigieren. Dann ist man auch beratungsoffener. Wenn die Bedrohung, dass man sich komplett umdrehen müsste, wegfällt, dann sind Menschen, aber auch Institutionen bereit für eine Kurskorrektur. Dann kann eine wirkliche Kurskorrektur stattfinden und nicht jene großartigen Wendemanöver, die laut angekündigt werden und nach einiger Zeit genau in das Gegenteilige kippen. Langfristig ist das wie beim Essverhalten: Wenn ich von heute auf morgen beginne, nichts zu essen, wiege ich nach drei Wochen zwei Kilo mehr als vorher. Weil mein Gefühl einfach nicht mitmacht. Im Innersten ein anderer zu werden – das kriegt keiner hin. Nicht einmal eine Organisation. Zum Glück. Das bedeutete nämlich eine Verarmung der Welt.

Was motiviert Menschen zu Veränderungen?

hadinger: Wenn die genannte Bedrohung wegfällt, dann sind Menschen sehr wohl in der Lage, eine gute Kurskorrektur durchzuführen. Wir können Ziele korrigieren, die nicht mehr sinnvoll sind. Einstellungen, die nicht mehr zum Reifealter stimmen. Kommunikations- und Beziehungsformen, die das Leben und die Liebe besser gelingen lassen. Manchmal muss hierfür der Leidensdruck groß sein. Manchmal „lockt“ der Sinn: Ich sehe, dass eine gute Veränderung für alle ein Gewinn wäre. Und manchmal ist die Motivation ein zufällig erfolgter Erfolg: Wir sehen, dass wir mit einem anderen, reiferen Verhalten oder mit klügeren Zielen einfacher, leichter leben. Das gilt für Eltern-Kind-Beziehungen ebenso wie für ein Unternehmen.

Gibt es Menschen, die sich leichter mit Veränderungen tun als andere?

hadinger: Es gibt Menschen – interessanterweise sind es häufiger Männer – die leichter große Veränderungsvorhaben ankündigen und diese von anderen auch hart einfordern. Denken Sie nur an großartig angekündigte Schulreformen, an den Bolognaprozess, an spektakuläre Ideen mancher Unternehmensberater und an Firmenfusionen. Oft sind es Männer in Führungspositionen, mit einem bestimmten Profil, die sehr schnell die Marschrichtung ändern, wenn etwas im Augenblick nicht erfolgversprechend genug erscheint. Allerdings enden 50 Prozent der Firmenfusionen im Konkurs. Der schnelle Fahnenwechsel hat einen hohen Preis. Interessanterweise fehlt diesen Menschen etwas, das sie selbst erst nach der Mitte ihres Lebens formulieren können: Es ist der rote Faden des eigenen Profils. Es fehlt die Konstante, das Verlässliche.

Also gibt es verschiedene Typen?

hadinger: Es gibt die zwei Extreme: Das eine Extrem ist, dass man nie etwas verändern, nichts korrigieren will und innerlich schrittweise verhärtet. So war zum Beispiel Kaiserin Elisabeth. So agieren manche Institutionen. Und so sind natürlich auch wir in manchen Jahren unseres Lebens. Da sind wir stur und trotzig. Das mündet irgendwann in der Katastrophe. Das andere Extrem, dass man ständig alles wendemanöverartig reformiert und sich „mega neu“ gibt, häuft sich in den letzten Jahren. Nach einigen Jahren merkt man aber, dass hier, innen, etwas ausgehöhlt, etwas leer ist. Da bleiben das eigene Profil, die Identität, das, was einem wichtig ist, auf der Strecke.

Warum sind Männer, wie sie vorher gesagt haben, veränderungsfähiger? Wie erklären Sie sich das?

hadinger: Die meisten Frauen sind mit ihrem Grundwesen, mit ihren Gefühlen, stärker verbunden als die meisten Männer. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber: Viele Männer „amputieren“ sich – zum Beispiel für eine große Karriere – von ihrem Grundwesen und von ihren Grundwerten. Das geht mit mehr Testosteron tatsächlich leichter. Von dem, wofür sie als junge „Helden“ brannten, trennen sie sich in den Erfolgsjahr­zehnten ihres Lebens. Somit werden Ziele gesetzt, Entscheidungen getroffen, die rational – und vor allem finanziell gesehen – erfolgreich, aber menschlich gesehen beschämend sind. Interessanterweise trauern manche Männer im Alter ihren „Heldenträumen“ nach. Da beginnen einige ein neues Leben: ein Leben für die Welt. Dafür gibt es viele Beispiele. Die Unternehmen aber, die stetigem Wandel ausgesetzt sind, schauen nach 20 Jahren entsprechend aus und in einem derartigen Unternehmen werden die Leute orientierungslos.

Wann und wie funktionieren Veränderungen dann?

hadinger: Gute, gelungene Veränderungsprozesse sind durch drei Faktoren gekennzeichnet: Erstens sollten die Ziele einer Kurskorrektur von den Beteiligten als sinnvoll angesehen werden. Dann wollen sie diese auch. Zweitens sollten wir, bei aller Kurskorrektur, Identität wahren und das eigene Profil erhalten. Drittens: Wenn das, was bisher gut war und gelungen ist, gesehen und ausgesprochen wird, erhalten wir Kraft für neue Lebensschritte. Das gilt für einen einzelnen Menschen, für ein Paar, für eine Familie, Institution oder für ein Land. Und natürlich sollten die Schritte der Kurskorrektur nicht unsere Machbarkeitsgrenzen sprengen. Mehr dazu aber am Donnerstag.

Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, die durch viel häufigere Veränderungen gekennzeichnet ist als früher, oder? Wie gehen Menschen damit um?

hadinger: Eine Gesellschaft, die permanent auf Veränderungen pocht, erzeugt Druck. Und stetiger Druck senkt die Lebensfreude und die Kreativität von Menschen. Ich kenne Firmen, die als Motto ihren Mitarbeitern jahrelang den Slogan ausgegeben haben: „Das einzig Sichere ist die Veränderung.“ So eine Idee kann nur Menschen einfallen, die keine Ahnung von Menschen haben. Die Mitarbeiter mussten alle zwei Jahre ihre Wohnorte wechseln, den Arbeitsplatz, die Arbeitskollegen, die Schule der Kinder … Das kostet Kraft und Kreativität. Am Ende wurden die Mitarbeiter gekündigt, weil ihre Produktivität zu gering wurde. Es sind immer Menschen, die eine Veränderung in einem Unternehmen, einem Land oder einer Familie mittragen müssen. Und da gibt es in beide Richtungen ein Zuviel: ein Zuviel an Starrheit, aber auch ein Zuviel an Wandlungsimpulsen. Beide Extreme enden in einem menschlichen Konkurs. Und menschliche Konkurse ziehen immer auch finanzielle Konkurse nach sich. Erfolgreiche Familien und Ehepaare, also Menschen die lange gut miteinander können, und erfolgreiche Firmen ähneln einander diesbezüglich: Sie bewahren ihre Identität und gestalten zugleich gemeinsam eine sinnvolle Kurskorrektur. Das sind die leisen und nachhaltigen Schritte des Lebens.

Auf der anderen Seite sind Veränderungen aber für Entwicklungen dringend notwendig, oder?

hadinger: Genau. Wenn wir zum Beispiel zurückschauen auf die Zeit vor 100 Jahren und diese mit dem Leben heute vergleichen, dann sehen wir, dass in vielen Bereichen unseres Lebens eine Veränderung stattfand und weiterhin stattfindet. Bedenken wir den Zustand an den Geburts-, oder besser gesagt Sterbestationen unverheirateter Mägde. Die Angst der Kinder vor dem schlagenden Lehrer. Die „Behandlungen“ psychisch kranker oder behinderter Menschen. Die Bildungsmöglichkeiten von Mädchen oder die Lebenssituation verwaister Kinder. Kurskorrekturen gab es immer und es wird sie immer geben. Und es ist schön zu wissen, dass jeder von uns aufgerufen ist, seinen Teil dort beizutragen, wo dies möglich und sinnvoll ist. Erheiternd ist im Blick zu behalten, dass jeder von uns in die eine oder andere Richtung zu einem „too much“ neigt und zugleich genau das den anderen vorwirft. Aber das Interessante ist: Wenn wir Menschen nicht von Zeit zu Zeit vor die Tatsache gestellt wären, etwas im Leben korrigieren zu müssen, dann wären wir heute dümmer als es unseren kognitiven Begabungen entspricht. Denn die Notwendigkeit, etwas anders als bisher zu machen, macht uns wach und intelligent.

Interview: Brigitte ­Kompatscher

Extreme enden im Konkurs. Boglarka Hadinger

Zur Person

Boglarka Hadinger, geboren 1955, Leiterin des Instituts für Logotherapie und
Existenzanalyse Tübingen / Wien.

Psychologin und Coach für Persönlichkeitsstärkung. Viktor-Frankl-Preisträgerin. Referentin im In- und Ausland. Entwicklung der mittlerweile international eingeführten Methodenseminare. Dozentin an der Sigmund-Freud-Universität Wien und an der Pädagogischen Hochschule Kärnten.

Vorträge, Seminare, Veröffentlichungen auf der Grenze von Persönlichkeitsbildung, Zukunftsorientierung und Psychotherapie.

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