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Kämpfer mit großer Lust an der Provokation

Von einem, der auszog, die Welt zu verändern – und es Jahrzehnte später immer noch versucht: Bernhard Amann wird 60.

Brigitte Kompatscher

Nein, altersmilde ist er nicht geworden. Er kann sich immer noch wunderbar aufregen über die „Wappler“ und „Dumpfbacken“, die er in allen Bereichen ortet, und auch die Lust an der Provokation, gepaart mit einer Portion Selbstironie, ist ihm über die Jahrzehnte nicht abhanden gekommen. Am Mittwoch wird der Hohenemser Lokalpolitiker und Sozialarbeiter Bernhard Amann 60 Jahre alt und kommt damit eigentlich in ein Alter, in dem es die meisten aufgegeben haben, permanent gegen Widerstände anzurennen. Nicht so Amann, denn „mit autoritären Institutionen habe ich immer Probleme gehabt“. Um dann mit einem breiten Lachen hinzuzufügen: „Das liegt offensichtlich in der Verwandtschaft“, zu der etwa auch ein streitbarer Geistlicher gehört, der sein Taufpate ist.

Geboren wurde Bernhard Amann am 21. Mai 1954 als zweites von sieben Kindern, sechs davon Buben, des früheren Hohenemser Langzeitbürgermeisters Otto Amann. Nachdem es in der Familie eine Stickerei gab, „hat die Verwandtschaft gemeint, das es jemand in der Textilschule braucht“. Und Bernhard ging hin, wenngleich das Ganze auch nach dem Abschluss immer ein „fremdes Ding“ geblieben ist, wie er heute erzählt. Der Textilschule folgte eine Schlosserlehre als Stickmaschinenmonteur und „da ist dann der Bruch gekommen“.

In jenen Jahren begann sein politisches Engagement – in der Jungen ÖVP, deren Obmann in Hohenems er zwei Jahre lang gewesen ist. „Daher kenne ich die Pappenheimer auch alle“, sagt er, mit einem dröhnenden Lachen, das im Laufe des Gesprächs noch einige Male ertönen wird. „Wir hatten 120 Mitglieder und die JVP war viel liberaler als heute. Auch „Legalize“ hat damals angefangen“ – die Legalisierung von Cannabis, für die er mit Vehemenz seit Jahrzehnten kämpft.

Feindbild Keßler

Gekämpft hat er auch als junger ÖVPler – vor allem für eine Absetzung des damaligen ÖVP-Landeshauptmannes Herbert Keßler, wie er sagt. Weil das nicht gelungen sei, sei er 1972 aus der Partei ausgetreten. Und hat in der Folge noch jahrelang Konflikte mit Keßler ausgetragen, der zu seinem deklarierten Feinbild wurde. „Keßler hat stark zu meiner Emanzipation und Autonomie beigetragen“, beschreibt der Hohenemser diese Beziehung heute ironisch. Das Christlich-Soziale des Vaters hat Amann hingegen geprägt, „allerdings bin ich schon als Ministrant gescheitert“. Und während er dem Vater einen moralischen Antirassismus attestiert, sei seiner politisch, nicht missionarisch. Und schon früh sei das sogenannte Empowerment, also die Autonomie und Selbstbestimmung, im Mittelpunkt gestanden, beschreibt er sein politisches Credo.

Einen beruflichen Richtungswechsel gab es für den Hohenemser Mitte der 70er-Jahre, als er sich zum Besuch der Sozialakademie entschloss. „Ich hatte schon immer den Hang, die Welt zu verbessern“, meint er nicht ganz ironiefrei. Und etwas gelernt habe er dort – nämlich „wie man es nicht machen soll. Dieses Helfersyndrom, diese Hierarchien“, damit kann er auch heute noch nichts anfangen. Ein Praktikum führte ihn damals zu Franco Basaglia, dem Protagonisten der Antipsychiatriebewegung. Und parallel dazu hat Amann in jenen Jahren auch das autonome Jugendzentrum „Konkret“ in Hohenems gegründet. „Wenn der Vater bei der Wahl dann wieder ein Prozent verloren hat, war es halt ich. Aber er ist immer zu mir gestanden.“

Folgenreiches Interview

Von der JVP ging es also direkt in die autonome Szene und in eine Gemeindebedienstetenstelle als Sozialarbeiter der Stadt Hohenems. 1979 gründete Amann auch einen Verein von und mit Drogensüchtigen, einen Vorläufer der heutigen Drogenberatungsstelle Ex & Hopp in Dornbirn, deren Obmann er ist. Seine Sozialarbeiter-Stelle war der Hohenemser 1983 nach fünf Jahren allerdings wieder los. Ein von Harald Kloser geführtes Interview im Wann & Wo, in dem Amann die Landesregierung beschimpfte, die Legalisierung verschiedener Drogen forderte und dem von der RAF ermordeten Hanns Martin Schleyer bescheinigte, selber schuld zu sein, war der Auslöser für eine Krisensitzung und in der Folge seine Kündigung. Seit damals arbeitet Amann als Selbstständiger.

Und angeeckt hat er auch in den folgenden Jahren – wo immer es nur ging: ob es nun seine Jugendarbeit war, die Arbeit mit den Drogensüchtigen oder die Kulturarbeit, wo er jeweils auch auf Bundesebene aktiv war. Einmal wurde er wegen übler Nachrede verurteilt, zu 12.000 Schilling bedingt, die dann in Innsbruck noch auf 18.000 Schilling erhöht wurden. Ein anderes Mal saß er als Betreiber eines Piratensenders eine Nacht in St. Gallen im Gefängnis und später verlor er Prozesse wegen Wohnungsvergaben. Ein Autounfall mit Körperverletzung führte hingegen 1993 dazu, dass er sämtliche Funktionen zur Verfügung stellte und erst nach dem Prozess wieder aufnahm.

Aber er hat gemeinsam mit anderen viel auf die Beine gestellt in diesen Jahren, immer mindestens in drei Bereichen gleichzeitig: den Drogenverein als Einrichtung etabliert, das Transmitter-Festival gegründet, einiges im Bereich Jugendzentren vorwärts gebracht oder Radio Proton installiert. Und 1994 in Hohenems „Die Emsigen“ gegründet, mit denen er 1995 mit zwei Mandaten in die Hohenemser Stadtvertretung eingezogen ist. Dass das nicht früher passiert ist, obwohl er immer schon parteipolitisch aktiv sein wollte, wie er sagt, hat familiäre Gründe. „Mein Vater war bis 1990 Bürgermeister und gegen ihn anzutreten wäre lächerlich gewesen.“ Auf Landesebene ist er drei Mal mit zwei unterschiedlichen Gruppierungen angetreten. Den Einzug in den Landtag hat er nie geschafft. „Unsere Wähler schlafen um 12 Uhr bei Wahlschluss noch“, sieht er da als Hauptproblem.

Von 2000 bis 2005 war Amann Jugendstadtrat in Hohenems, von 2005 bis 2010 Obmann des Prüfungsausschusses und seit 2010 Stadtrat für Soziales, Integration, Gesundheit, Senioren und Wohnungsvergabe. Verkörpert sieht er seine Politikauffassung im 2012 eröffneten autonomen Zentrum „ProKonTra“, in dem eine Reihe von Initiativen für große und kleine Menschen untergebracht sind. „Das ist nicht nur Blabla, sondern das, was wir wollen, sichtbar gemacht“, wirkt er sichtbar stolz.

„Totale Transparenz“

Und dann entweicht ihm doch noch so ein Satz wie „klar neigt man im Alter zu mehr Harmonie“, um dann mit einem Lachen wieder festzustellen, dass „ich stolz darauf bin, dass in Hohenems so viel gestritten wird. Das ist konfliktuelle Demokratie, totale Transparenz, und dass es hie und da auch ziemlich tief geht, muss halt auch sein.“ Ob das seine Kollegen in der Stadtvertretung auch so sehen, sei jetzt mal dahingestellt.

Bernhard Amann polarisiert und tut das nach wie vor. Mit Samthandschuhen hat er seine Gegner nie angefasst und Konflikte, etwa mit Primar Reinhard Haller, jahrzehntelang bis heute am Laufen gehalten. „Mit dem Land ist die Beziehung aber immer besser geworden“, sagt er, um dann zu bilanzieren, dass man einiges vorwärtsgebracht habe, man mit einigem aber auch gescheitert sei. „Sachen für die ich mich engagiert habe, haben sich etabliert“, zieht er ein Resümee. „Allerdings hat man die Weiterentwicklung versäumt“, kann er sich Kritik dann doch wieder nicht verkneifen. „Ich habe immer ordentlich provoziert und mich in diesem Land immer in der Ecke gefühlt“, sagt Amann.

Als Teil des Establishments sieht er sich nach wie vor nicht beziehungsweise „diese Schicki-Micki-Bussi-Bussi-Verdichtung ist mir zuwider“, wie er es formuliert.

Ein neues und äußerst befriedigendes Betätigungsfeld scheint Amann – wenn man seinen begeisterten Worten folgt – in seiner Funktion als Seniorenstadtrat gefunden zu haben. „Dort rede ich auch über Cannabis und helfe denen, die mich früher kritisiert haben.“ Auf ein vorsichtiges, dass es sich dabei ja auch um Menschen seines Jahrgangs handeln dürfte, kommt ein erstauntes „Das ist eine völlig neue Herausforderung. Mit denen habe ich nie etwas zu tun gehabt“. Und er erzählt von anfänglichen Berührungsängsten, die durch den Kontakt zu einem anderen Verständnis geführt hätten. „Die Senioren sind begeistert von mir.“

Den gesellschaftspolitischen Auftrag, etwas zu verändern, spürt er nach wie vor: „In Vorarlberg braucht es einen zivilgesellschaftlichen Widerstand.“ Allerdings dürfe man nicht stur und böse werden. „Viele, die früher auf die Straße gegangen sind, sind heute reaktionär und verhärmt.“ Er ist weder das eine noch das andere und will auch in den nächsten Jahren seine Inhalte, an denen sich nie etwas geändert habe, wie er beteuert, weiter vertreten: in der Kommunalpolitik, der Drogenarbeit und der Kultur. Ausgleich zu seiner Arbeit findet er seit 1997, als er mit einigen Krisen konfrontiert war, im Laufen. Bis zu 120 Kilometer sind es, die Amann jede Woche runterspult. „Die Lauferei erspart mir den Psychiater.“

Imagepflege

Und dass er 60 wird? „Das höre ich nur, wenn ich mit meinem sechsjährigen Sohn skifahren gehen. Die fragen ihn, ob er mit dem Opa unterwegs ist.“ Was zu Protesten bei Vater und Sohn führe.

Am Mittwoch kommt Bernhard Amann rechtzeitig zu seinem Geburtstag von einem zweiwöchigen Tunesien-Urlaub mit Sohn Pauli zurück. „Wir sind an der lybischen Grenze“, sagt er, um dann mit einem weiteren Lachen zu ergänzen, „um die Revolution riechen zu können.“ Konsequenz auch in der Imagepflege – und das auch mit 60 noch.

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