Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Aufstieg, Niedergang und Wiederauferstehung

Die wechselvolle Geschichte der Vorarlberger Traditionsmarke Kästle Ski ist nun in der vom Wirtschaftsarchiv konzipierten Wanderausstellung „Bergab Bergauf – 90 Jahre Kästle Ski“ zu sehen.

Brigitte Kompatscher

Es war um 1900, als Anton Kästle an sein Wohnhaus in der Graf-Maximilian-Straße in Hohenems eine Wagnerei anbaute, in der ein knappes Vierteljahrhundert später die erste Kleinserie von Ski gefertigt werden sollte. Ski, die später jahrzehntelang von Weltmeistern und Olympia­siegern gefahren wurden und eine der großen Vorarlberger Traditionsmarken begründeten.

Laut Überlieferung hat Kästle Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Ski für seinen 1904 geborenen gleichnamigen Sohn gemacht, berichtet der Leiter des Wirtschaftsarchivs Christian Feurstein von den Anfängen. Feurstein hat gemeinsam mit der Historikerin Vanessa Hämmerle die nun zu sehende Ausstellung „Bergab Bergauf – 90 Jahre Kästle Ski“ kuratiert. Mit dem Titel stellen sie einerseits die Assoziation zum Skifahren her, nehmen aber auch Bezug auf die wechselvolle Geschichte des Unternehmens, die 1924 mit einer Kleinserie von Ski aus Vollesche begonnen hat. Die vom damals 20-jährigen Junior produziert wurden.

Marke „Arlberg“

Nicht viel mehr als zehn Paar dürften das gewesen sein, vermutet Feurstein. Und er erzählt, dass damals in vielen Wagnereien Ski hergestellt wurden, weil die Wagner über das geeignete Wissen im Umgang mit Holz verfügten. 1935 hat Anton Kästle junior dann die Werkstatt des Vaters übernommen und zugleich in Vorarlberger Skifabrik Anton Kästle umbe­nannt – wobei die Ski, die anfangs unter der Marke „Arl­berg“ und erst ab den 1950er-Jahren unter „Kästle“ verkauft wurden, nach wie vor nur ein Produkt unter vielen des Betriebes war.

Ab 1940 sind Lieferbücher vorhanden, in denen aufgelistet ist, an wen die Ski verkauft wurden. Eine Reihe von Privatpersionen sind dabei, aber auch Sportgeschäfte. Bereits 1938 hatte Kästle Metallski patentieren lassen – ein Ansatz, dessen Weiterentwicklung er aber vermutlich aufgrund des Zweiten Weltkriegs zunächst nicht weiterverfolgte. In den Kriegsjahren wurde die Produktion dann nahezu eingestellt. Allerdings ist Unterlagen zu entnehmen, dass das Unternehmen Anfang der 1940er-Jahre Ski für die Wehrmacht herstellte, erzählt Hämmerle.

Aushängeschilder

Fehlende Rohstoffe und mangelnde Kaufkraft dürften die Ursachen dafür gewesen sein, dass der Betrieb erst einige Jahre nach Kriegsende wieder richtig ins Laufen kam. Bereits 1941 hatte Kästle allerdings eine Liegenschaft mit einer ehemaligen Stickereihalle in der Wildbachstraße gekauft. Ab Ende der 1940er-Jahre entstanden dort die ersten Zubauten und schon 1950 rückten Kästle-Ski das erste Mal ins internationale Rampenlicht: Trude Jochum-Beiser wurde damit in Aspen (USA) Weltmeisterin. Eine Zusammenarbeit mit Sportlerinnen und Sportlern, die in den folgenden Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil der Marketingstrategie wurde. Toni Sailer, Egon Zimmermann, aber auch die US-amerikanische Olympia­siegerin von 1952 Andrea Mead-Lawrence und später Pirmin Zurbriggen, Anita Wachter oder Kjetil André Aamodt gehörten zu den Aushängeschildern des Hohenemser Unternehmens.

Finanzielle Schwierigkeiten

1958 erfolgte dann ein größerer Ausbau am Standort und 1961 die Fertigstellung einer großen Halle für die Metallskiproduktion. „Die Eröffnung war ein großes gesellschaftliches Ereignis“, erzählt Feurstein. Anfang der 1960er-Jahre wurden auch schon die ersten Kunststoffski produziert. Einige Jahre später geriet das Unternehmen dann zum ersten Mal in wirtschaftliche Schwierigkeiten – zu den Ursachen gebe es bis heute verschiedene Meinungen, sagt der Wirtschaftsarchiv-Leiter.

Da gab es die Ansicht, dass zu viel Geld in den Spitzensport investiert wurde aber auch die Kritik, sich nicht wie andere Skiproduzenten auf ein Material spezialisiert zu haben, sondern dreigleisig zu fahren. Und dann gibt Feurstein noch zu bedenken, dass Kästle wie viele Unternehmen in jener Zeit von einem Handwerker ohne kaufmännische Ausbildung gegründet worden war. Während in anderen Firmen in jenen Jahren dann aber oft schon die zweite Generation, die auch kaufmännisch ausgebildet war, am Werk war, war das bei Kästle nicht der Fall.

1965 zog sich der Firmengründer aus der Geschäftsführung zurück und drei Jahre später wurde sein Lebenswerk vom Skiproduzenten Fischer übernommen. Einem Unternehmen, das im gleichen Jahr wie Kästle in Ried im Innkreis aus einer Wagnerei hervorgegangen war. Zwei Jahrzehnte lang sollten die Oberösterreicher nun erfolgreich am Standort Hohenems werken. Es wurde massiv investiert und modernisiert und mit rund 400 Mitarbeitern und einer jährlichen Produktion von 400.000 Paar Ski erreichte Käste in den 80er Jahren seine Höchststände.

Bereist in den 1970er-Jahren wurden auch Langlaufski produziert, später folgten Tourenski, die etwa Reinhold Messner bewarb. 1988 starb der Firmengründer Anton Kästle – ein Jahr, in dem auf „seinen“ Ski große Erfolge bei den Olympischen Spielen eingefahren werden. Ein Jahr später wurde dann auch mit der Produktion von Fahrrädern begonnen – aber das wirtschaftliche Umfeld hatte sich bereits geändert. Schon im Jahr zuvor hatte Fischer eine Skifabrik in der Ukraine eröffnet. „Die Massenproduktion im Land wurde immer schwieriger“, erläutert Feurstein dazu und verweist dabei auch auf die heimische Textilbranche, die in jenen Jahren stark einbrach.

Fischer habe damals großes Interesse gehabt, die Fabrik in Hohenems abzustoßen – und fand mit dem Benetton-Konzern, der mit Nordica schon eine Skimarke hatte, 1991 einen Käufer. In den ersten Jahren nach der Übernahme wurde noch produziert, aber schon ab Mitte der 1990er-Jahre gab es große Verluste, einzelne Maschinen wurden bereits abtransportiert und 1997 massiv Mitarbeiter abgebaut.

Im Frühjahr 1998 wurde der Standort Hohenems, an dem sich zuletzt noch 40 Mitarbeiter befanden, zugesperrt. Die Marke wurde ein Jahr später „stillgelegt“ und das Betriebsareal an Investoren verkauft, die es in einen Gewerbepark umfunktionierten. Nach über 70 Jahren schien damit ein Stück Vorarlberger Wirtschaftsgeschichte beendet und der Tod einer Traditionsmarke besiegelt zu sein.

2007 wagte aber der gebürtige Dornbirner und Sanierer Rudolf Knünz einen Neustart und reaktivierte die Marke: Mit rund 1000 Paar Ski startete er in die erste Wintersaison 2007/2008 – in der letzten waren es rund 18.000. Produziert werden die neuen Kästle, die im Premiumsegment angesiedelt sind, fast ausschließlich bei Head in Kennelbach. Im Ski-Weltcup ist das neue Unternehmen nicht mehr vertreten. Der Fokus liegt auf dem Freeridebereich, wo man unter anderem mit der Lecherin Lorraine Huber ein Aushängeschild hat. Somit lebt Kästle auch 90 Jahre nach seiner Gründung (wieder): ein phönixhafter Aufstieg nach dem Niedergang, dem ein langer Höhenflug gewünscht sei.

Siehe auch Seite 32

n „Bergab Bergauf – 90 Jahre Kästle Ski“. Wirtschaftsarchiv, Neustadt 37, Feldkirch. Bis 20. Juni, Di. + Fr., 13–17 Uhr. Oktober: Kleiner Löwensaal Hohenems, November: Landhaus Bregenz. Weitere Stationen folgen: www-wirtschaftsarchiv-v.at

das KÄstle-Archiv

Über 300 Paar Ski, Tausende Fotos, Dokumente, Plakate und Geschäftsunterlagen umfasst das Kästle-Archiv, das vor zwei Jahren zur dauerhaften Sicherung dem Wirtschaftsarchiv übergeben wurde. Die früheren Kästle-Mitarbeiter Gebhard Schneider und Horst Wehinger hatten sich bis dahin darum gekümmert, dass der Bestand nicht verloren geht. Das Wirtschaftsarchiv wandte sich daraufhin an das neu gegründete Unternehmen Kästle, wo es auf großes Interesse und Begeisterung stieß. Seit vergangenem Herbst wurde nun der Bestand, aus dem auch die aktuelle Ausstellung bestückt ist, in einem von Kästle unterstützten Projekt von Vanessa Hämmerle aufgearbeitet. Er ist nun auch online über die Datenbank der Vorarlberger Museumsdokumentation einsehbar – zu finden unter www.wirtschaftsarchiv-v.at

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.