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Damit es nicht zwickt und richtig sitzt

Passende Kleidung für Kinder im Rollstuhl ist keine Mode von der Stange. Das wissen auch Linda Gasser und Laura Maier. Die Schülerinnen der HTL Dornbirn haben je ein Outfit für zwei Mädchen entworfen, die auf Rollstühle angewiesen sind.

Dunja Gachowetz

Die Hose rutscht langsam immer weiter nach unten. Vielleicht sitzt das Beinkleid schon so tief, dass der Ansatz der Unterhose zu sehen ist. Deren Träger hebt leicht sein Gesäß an, zieht die Hose dorthin zurück, wo sie hingehört. Ein Handgriff, der vielleicht unbewusst ausgeführt wird. Wenn bei Martina Hehle (11) und Pia Pichler (14) die Hosen zwicken oder zu tief rutschen, können sie nicht einfach aufstehen und diese richten. Die Mädchen sitzen im Rollstuhl. Auch können sie auf ihre Bedürfnisse angepasste Kleidung nicht in jedem beliebigen Geschäft kaufen. Denn die Heranwachsenden, die seit ihrer Geburt auf den Rollstuhl angewiesen sind, müssen speziell geschnittene Blusen, Hosen oder T-Shirts tragen, damit sie es bequem haben. „Diese Funktionskleidung ist sehr teuer und sieht oftmals nicht sonderlich gut aus. Ist nicht gerade das, was man als Teenager gerne anziehen möchte“, wissen Linda Gasser (19) und Laura Maier (20). Die jungen Frauen absolvieren gerade die Matura an der HTL Dornbirn mit Ausbildungsschwerpunkt Bekleidungstechnik. Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit haben die Noch-Schülerinnen für Pia und Martina je eine Bluse, Jacke und Hose entworfen und gefertigt. Und zwar ganz nach den Wünschen und auf die Bedürfnisse der Mädchen abgestimmt.

Die Idee, der Diplomarbeit einen sozialen Aspekt zu verleihen, hatte Linda. „Ich bin dann auf Laura zugegangen und habe sie gefragt, ob sie Interesse hätte mitzumachen“, erzählt die Maturantin. Und die 20-jährige Laura zögerte nicht und war mit dabei.

Die gemeinsame Diplomarbeit ist aber nicht das erste soziale Engagement von Linda. „Über meinen Vater kenne ich Josef Fritsche, den Obmann von Stunde des Herzens. Selbst habe ich auch schon bei einigen Aktionen mitgeholfen, etwa wenn Lebensmittel für die hilfsbedürftigen Menschen gesammelt worden sind“, erzählt die 19-Jährige. Als die jungen Frauen ihr Vorhaben dem engagierten Bürserberger vorstellten, mussten sie ihn nicht lange überzeugen. Fritsche half den Maturierenden gerne und stellte den Kontakt zu Martina und Pia her.

Von Anfang an hat sich das Mädchen-Quartett gut verstanden. „Martina und Pia haben auch gleich gesagt, dass wir sie nicht mit Samthandschuhen anfassen sollen. Sondern sie ganz normal wie andere Menschen behandeln sollen“, sagt Laura. Da die Outfits ganz auf die Bedürfnisse der Jugendlichen abgestimmt sein sollen, haben die Schülerinnen deren Wünsche anhand eines Fragebogens abgefragt. „Beispielsweise trägt Martina Beinschienen und hat eine Narbe auf dem Bauch. Deswegen mussten wir darauf achten, dass sie die Hose leicht an- und ausziehen kann und der Bund nicht auf die Narbe drückt“, erklärt Laura. Gelöst wurde dies mit Reißverschlüssen am Hosenbein sowie einem elastischen Bund, ähnlich wie bei einer Umstandshose.

Bei Pia war es den Matu­rantinnen wichtig, dass der Teenager einfach und leicht in Bluse und Jacke schlüpfen kann. „Aufgrund ihrer Erkrankung ist die Beweglichkeit von Pia eingeschränkt. Sie tut sich schwer in Blusen zu schlüpfen, da sie die Arme nicht so weit nach hinten halten kann“, erklärt die 19-Jährige. Die Lösung: Die Wickelbluse und die Jacke sollten in zwei Hälften teilbar sein. „Damit am Rücken nichts drückt, haben wir uns für einen Klett- und gegen einen Reißverschluss entschieden. Damit Pia genügend Bewegungsfreiheit hat, wurden unter die Arme auch Keile eingearbeitet“, berichtet Linda.

Tipps fürs perfekte Outfit

Obwohl die Nachwuchsdesignerinnen von Anfang an auf die Wünsche der Mädchen Rücksicht genommen haben, kamen sie auf viele Lösungen erst bei den Anproben. „Wir haben unzählige Prototypen gefertigt, bis es endlich gepasst hat. Aber nicht nur Pia und Martina haben uns immer gesagt, was noch nicht ganz perfekt ist. Auch ihre Eltern haben uns Tipps gegeben, was noch besser gemacht werden könnte. Schließlich wollten wir nicht nur den Mädchen bequeme Outfits bieten. Wir wollten auch für jene ein wenig eine Erleichterung, die ihnen beim Anziehen helfen“, berichten sie. Und für die hilfreichen Tipps sind sie sehr dankbar.

Die beiden Outfits zu schneidern, das sei schon eine Herausforderung für die HTL-Schülerinnen gewesen. Denn in den vergangenen fünf Jahren hätten sie nur gelernt, Gewänder für perfekte Körper zu fertigen. „Auch haben wir nicht gelernt, Kleidung für Kinder zu nähen“, meint Linda.

Das Fertigen der Outfits war aber nicht die einzige Aufgabenstellung, die die Maturantinnen zu bewältigen hatten. „Vorgehensweise, Schnitte und Techniken mussten wir in unserer Diplomarbeit mit dem Titel ‚Getragen mit Leichtigkeit – Bekleidung für Kinder im Rollstuhl‘ beschreiben“, erklären sie. Wie viele Stunden haben sie seit vergangenen Sommer in ihre Arbeit gesteckt? „300 war die Vorgabe und bei 400 Stunden haben wir aufgehört zu zählen“, sagt Linda. Sie schätzt, dass das Duo an die 500 Stunden in die Abschlussarbeit investiert hat.

Sponsoren gefunden

Welche Note ihnen ihre Betreuungslehrerin Andrea Romagna-Mießgang geben wird, wissen die Maturantinnen noch nicht. „Aber wir haben ein gutes Gefühl“, sagen sie.

Neben zwei Modellen suchen und die Outfits fertigen, mussten auch Sponsoren von dem Vorhaben begeistert werden. „Auch hier hat uns Josef sehr geholfen“, sagen die jungen Frauen. Die Verantwortlichen der Unternehmen Getzner Textil, Fein Jersey und Sperger Stoffe erklärten sich bereit, Stoffe kostenlos zur Verfügung zu stellen. „Und der krönende Abschluss war sicher das Fotoshooting mit Fotograf Daniel Mock. Das hat uns allen sehr viel Spaß bereitet“, sagen die jungen Frauen und lächeln.

„Bei 400 Stunden haben wir aufgehört zu zählen“

Linda Gasser und Laura Maier, Maturantinnen der HTL Dornbirn
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