Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Die Schafgarbe: Mittler zwischen Himmel und Erde

Unten im Tal hat an sonnigen Plätzen die Schafgarbe zu blühen begonnen. Eine wichtige und vielseitige Heilpflanze.

Christoph Riedmann

Die Schafgarbe liebt lichte und trockene Standorte und steht gerne am Wegrand, was als Signatur ihrer Fähigkeit Lebenskräfte in eine abgestorbene Umwelt zurückzubringen gilt. Sie steht fest und aufrecht und wirkt dennoch licht und zart. Sie scheint zwischen Himmel und Erde, zwischen Licht und Stoff, Auflösung und Verfestigung zu vermitteln.

Wegen ihrer anmutig geschwungenen, fein ziselierten Blätter wurde sie „Supercilium veneris“, die Augenbraue der Venus, genannt. Auch der zweite Teil des botanischen Namens „Achillea millefolium“ kommt von ihren fein gefiederten Blättern. Es bedeutet „Tausendblatt“, das ist auch ein alter deutscher Name dieser Pflanze. Die Blätter der Schafgarbe sind einzigartig. Sie eignen sich zur Bestimmung der Pflanze und sagen auch viel über ihr Wesen aus. Man könnte sie mit Fühlern oder Antennen vergleichen, die unsichtbare Lebenskräfte aufspüren und aufnehmen, so wie die ähnlich geformten Darmzotten Lebenskräfte aus der Nahrung aufnehmen, worin sie von der Schafgarbe unterstützt werden.

Dioskurides, die antike Autorität der Heilpflanzenkunde, nannte sie „Stratiotes chiliophyllos“ (tausendblättriges Soldatenkraut) und verglich ihre Blätter treffend mit den Federn eines jungen Vogels.

Die Pflanze sieht aus wie ein Doldenblütler, ist aber keiner. Was aussieht wie die Einzelblüte einer Dolde, ist ein ganzer Blütenstand – eine Korbblüte, in der mehrere Einzelblüten in einem blütenähnlichen Gebilde vereinigt sind. So wird die Pflanze wie beispielsweise die Kamille, Ringelblume, Arnika und Sonnenblume den Korbblütlern zugeordnet. Auch darin drückt sich das vielfältige Wesen der Pflanze aus.

So wie die Blätter klare Form und feinste Gliederung, Zartheit und Rauheit miteinander verbinden, verbindet die Pflanzengestalt Erde und Himmel, feste Materie und unsichtbare Lebenskräfte. In den Blüten verbinden sich die Formkräfte von zwei der größten Heilpflanzenfamilien, den Korbblütlern und den Doldenblütlern. Dass die scheinbare Einzelblüte wiederum in Einzelblüten aufgeteilt ist, steigert die zerteilende, auflösende Signatur der Doldenblütler. Das könnte auf starke auflösende und reinigende Heilwirkungen hindeuten. Und wirklich kann die Schafgarbe durch ihre schweiß- und harntreibenden, schleimlösenden, verdauungsfördernden und das Blut bewegenden Eigenschaften den Körper in der Auflösung und Ausscheidung von allerlei Giften, Schlacken und Verfestigungen unterstützen.

Ich kombiniere ihre schonend getrockneten Blüten gerne mit denen von Holunder und Mädesüß, zwei weiteren wichtigen Heilpflanzen mit ähnlicher Signatur (aus vielen weißen Einzelblüten zusammengesetzte Blütenstände), zu meinem 3-weiße-Blumen-Tee, einer einfachen, aber wirkungsvollen Teemischung mit reinigenden, schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkungen und einer erleichternden und durchlichtenden Qualität.

Griechischer Held

Achillea, der Gattungsname, kommt von Achilles, dem berühmten griechischen Helden, der laut der Sage von dem heilkundigen Kentauren Chiron erzogen worden war. Achilles soll Kriegsverletzungen mit Schafgarbe geheilt haben und auch Dioskurides kannte als römischer Armeearzt die wundheilenden Eigenschaften der Schafgarbe und hat sie wohl oft angewendet, weswegen er sie „Stratiotes“ (Soldatenkraut) nannte. Die Soldaten brauchten sie aber auch gegen die damals lebensbedrohliche Ruhr. Wegen ihrer wundheilenden Eigenschaften hieß sie auch Wundkraut, Beilhiebkraut und Zimmermannskraut, weil sich diese in ihrer Arbeit oft verletzten.

Die Schafgarbe kann also nicht nur lösen, sondern auch stillen. Schon immer wunderten sich die Menschen über ihre gegensätzlichen Eigenschaften – etwa darüber, dass sie Nasenbluten hervorrufen (wenn man ein Blatt in die Nase steckt) und stillen (wenn man ihren Saft schnupft) kann. Dementsprechend kann sie sowohl bei zu starker Regelblutung und Harninkontinenz als auch bei zu schwacher Regelblutung und Harnverhaltung helfen. Sie scheint eine allgemein ausgleichende Wirkung zu haben, weswegen sie auch „Heil aller Welt“ genannt wird. Wegen ihrer Anmut und ihrer heilsamen Wirkungen auf die Niere und die weiblichen Organe ist sie eine Venuspflanze, als Soldatenkraut eine Marspflanze und wegen ihrem wandelbaren, vermittelnden und auflösenden Charakter eine Merkurpflanze (der dem Merkur zugeordnete Zwillingmonat hat soeben begonnen).

Schon seit mindestens 60.000 Jahren schätzen die Menschen die Schafgarbe als Mittler zwischen der materiellen und geistigen Welt, wie Grabfunde in Shanidar (Iran) gezeigt haben. Viele Kulturen nutzten die Schafgarbe zum Orakeln. Für Weissagungen mit dem chinesischen I Ging, einem etwa 5000 Jahre alten Werk, verwendet man bis heute getrocknete Schafgarbenstängel. In der europäischen Kultur standen Vorhersagen in Liebesdingen im Vordergrund. So legte man sich frisch gepflückte Schafgarbe unter das Kopfkissen, um in der Nacht von dem Menschen zu träumen, der als Liebespartner für einen bestimmt sei. Oder das verliebte Mädchen drehte ein Schafgarbenblatt dreimal in der Nase. Bekam sie dadurch Nasenbluten, war ihr der Auserwählte hold.

Geruch und Geschmack

Die vielfältigen Qualitäten der Schafgarbe zeigen sich auch in ihrem Geruch und Geschmack. Sie ist süß und bitter, herb und aromatisch und hat auch salzige Qualitäten. Wegen ihren verschiedenen Heilwirkungen und weil ihr Charakter auch getrocknet erhalten bleibt, eignet sie sich sehr gut für Kräuterteemischungen. Ich brauche sie für den „UrTee“ (meine Reinigungsmischung), den „FeeTee“ (meine Frauenkräutermischung) und den Mag-n-Tee (meine Verdauungsmischung). Außerdem ist sie auch ein hervorragender Einzeltee, weil sie verschiedenste Qualitäten harmonisch in sich vereint. Wenn der Aufguss türkis wird, ist das ein Zeichen für eine gute Qualität. Die Farbe stammt vom Azulen, einem der vielen heilkräftigen Wirkstoffe der Schafgarbe. Einige meiner Lieblingskräuter (wie Beifuß, Meisterwurz, Engelwurz, Edelwurz, Sonnenhut …) ergeben einen türkisfarbenen Tee, was für mich auf starke Heilwirkungen, vor allem für das Immunsystem, hinweist.

Alles in allem ist die Schafgarbe eine tonisierende und ausgleichende Heilpflanze. Sie kann Lebenskräfte in erstarrte Bereiche zurückführen, sie hilft die Harmonie der körperlichen und seelischen Funktionen zu bewahren oder wiederherzustellen – sodass man den „Kopf im Himmel und die Füße auf der Erde hat“, das heißt, dass Visionen, Gedanken, Emotionen und Taten in gesunder Weise zusammenwirken.

Christoph Riedmann betreibt den BaumRaum in Lustenau, baut Kräuter selbst an oder sammelt diese. Kontakt: info@treetea.net. Auch die Anmeldung für die Kräuterführung am kommenden Wochenende sollte per e-Mail erfolgen.

Artikel 1 von 11
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.