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Baldrian: Berühmt und doch wenig bekannt

Nun blüht der echte Baldrian. Jeder hat schon von ihm gehört. Er ist als die wohl wichtigste beruhigende heimische Heilpflanze bekannt. Doch kaum jemand weiß, wie er aussieht.

Christoph Riedmann

Dabei ist der Baldrian weit verbreitet. Er liebt feuchte, fette und schattige Standorte, wächst aber auch an sonnigen und trockenen Plätzen. Wie die Schafgarbe und der Holunder hat der Baldrian doldenartige Blütenstände, die aus vielen kleinen Blüten zusammengesetzt sind. Diese sind erst rosa und werden im Laufe ihrer Entwicklung weiß. Es ist der Zwillingsmonat (21. Mai bis 21. Juni) – die Zeit der weißen Blütendolden mit ihrer zerteilenden, auflösenden Signatur.

Entsprechend seiner Signatur ist der Baldrian schon seit Hippokrates als reinigendes, harntreibendes, menstruations- und verdauungsförderndes Mittel bekannt. Hildegard von Bingen lobte ihn als Mittel gegen das Seitenstechen (Rippenfellentzündung) und gegen die Gicht (womit sie vermutlich auch Rheuma und Arthritis meinte). Das Kräutlein galt als Mittel zur Ausleitung von Giften und gegen die Pest, was in allerlei Sprüchen wie „Trinkt Baldrian, sonst müsst ihr alle dran“, „Bibernell und Baldrioo, wer drab trinkt, dä chunt devoo!“ zum Ausdruck kam.

Süßlicher Duft

Die frischen Blüten riechen süß und sinnlich, die Wurzeln balsamisch, im Laufe des Trocknens entwickelt sich jedoch der scharfe, durchdringende Baldriangeruch. Katzen lieben Baldrian. Sie gebärden sich wie toll, wenn sie diesen riechen, und wälzen sich in der Pflanze. Daher kommen die Namen Katzenkraut, Katzenwurz, Tollerjahn und Katzegeil. Davon abgesehen ist der animalische Duft die Signatur eines Aphrodisiakums und als solches wurde der Baldrian verwendet. So heißt es in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert: „Wiltu gute Freundschaft machen under mann und under weibe, so nym valerianam und stoß die czu pulver und gib ins czu trincken in Wein.“

Bachholder

Auch der Holunder hat eine animalische Duftnote und wurde als Liebesmittel verwendet. Die Blütenstände dieser Pflanzen ähneln sich (ein wenig sogar die gefiederten Blätter), weswegen der Baldrian, der gerne an Bächen wächst, auch Bachholder genannt worden ist. Wie Paracelsus glaube ich, dass uns die Natur nicht nur die Eigenschaften der einzelnen Pflanzen (Signaturenlehre), sondern auch mögliche Mischungen (etwa von Pflanzen, die am selben Ort wachsen oder zur selben Zeit blühen) aufzeigt. So kann man Baldrianblüten dem Holunderblütenansatz beigeben, um einen „Ruhesirup“ herzustellen, ein Heiltrank gerade für überreizte Kinder. Dazu passen die bald aufgehenden Blüten der Linde und des Mädesüß, weiters Rosen, Lavendel und Melisse.

Wie andere Pflanzen mit einem durchdringenden Geruch galt der Baldrian früher als Mittel gegen die Pest, gegen böse Geister, Würmer, schwarze Magie und Hexerei („Baldrian, Dost und Dill kann die Hex nicht wie sie will“). Er wurde als Heilmittel für die Augen gerühmt und auch für die Milz, Leber, Nieren, Blase, Haut etc. eingesetzt.

Der Baldrian galt als Allheilmittel. Vermutet wird, dass sein botanischer Name „Valeriana“ vom lateinischen valere = kräftig sein, sich wohl befinden, wert sein, stammt. Der deutsche Name Baldrian wird mit dem Lichtgott Baldur in Beziehung gesetzt. Die bis über 1,5 Meter hohe, aufrechte und grazile Pflanze mit ihren eleganten fiedrigen Blättern und den rosa-weißen Blütendolden hat eine schwerelose und lichtvolle Ausstrahlung. So kann man diese Zuordnung zum Gott des Lichtes, der Reinheit und Güte nachvollziehen, gerade wenn man ihre Heilkräfte in Betracht zieht.

Beruhigungsmittel

Heutzutage wird der Baldrian „nur noch“ als Beruhigungsmittel eingesetzt. Immerhin ist die beruhigende, schlaffördernde, entkrampfende und nervenstärkende Wirkung in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt worden und wird allgemein anerkannt. Trotz seiner beruhigenden Wirkung macht Baldrian nicht schläfrig, weswegen er etwa auch bei Prüfungsangst und anderen nervlichen Belastungen während des Tages eingesetzt werden kann. Baldrian ist ungiftig, nicht suchterzeugend und praktisch ohne Nachwirkungen. Allerdings wirkt er nicht bei jedem gleich und die Wirkung kann sich auch umkehren.

Schon im Lorscher Arzneibuch aus dem Jahre 800 wurde seine Wirkung als ausgleichend beschrieben: „Allzu viel Schlaf gleicht er mit Wachen aus, bei übermässiger Schlaflosigkeit sorgt er für den entsprechenden Schlaf, er befreit von Erschöpfung, nimmt die Trägheit.“

Gewöhnlich werden die im Herbst geernteten Wurzeln verwendet. Da jedoch auch die Blüten den charakteristischen Baldriangeruch entwickeln, verwende ich diese für Sirup und Tee und habe damit gute Erfahrungen gemacht.

In der aus der Anthroposophie hervorgegangenen biodynamischen Landwirtschaft (Demeter) wird der Kompost mit Baldrianblütenpräparaten geimpft, was zu einer schnelleren Verrottung und besseren Humusbildung führt. Viele Gärtner berichten zudem von einer Stärkung der Blüten- und Samenkräfte (Pflanzen blühen länger und reichlicher, Samen keimen besser und ergeben gesündere Pflanzen) durch die Behandlung mit Baldrianblütenpräparat. Dieses kann außerdem als Frostschutzmittel etwa für Beeren- und Obstblüten im Frühjahr oder für Tomaten im Herbst verwendet werden. Zur Herstellung werden frische Baldrianblüten entsaftet. Alternativ kann man die Blüten gegebenenfalls mit etwas sauberem Regenwasser gut vermixen und dann durch ein Tuch auspressen. In Flaschen abfüllen und kühl lagern. Zur Anwendung mit Regenwasser vermischen (etwa 100 Tropfen auf zehn Liter Wasser). Pflanzen/Erde/Kompost werden damit gegossen oder besprüht.

Baldrianblüten sollen auch bei der „Kompostierung“ des Darminhalts helfen – das heißt die Verdauung verbessern und die Bauchorgane entspannen.

Und zum Schluss das Loblied auf den Baldrian:

„Loben wir den Baldrian für was er alles kann, tröstet Kind, Mutter und Vater, schenkt Liebesrausch dem Kater, erlöst von quälenden Gedanken. Wie auf Blütenwolkenschafen können wir dann selig schlafen, Licht- und Lebenskräfte tanken, dafür wollen wir ihm danken.“

Christoph Riedmann betreibt den BaumRaum in Lustenau, baut Kräuter selbst an oder sammelt diese. Kontakt: info@treetea.net.

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