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interview, Teil 3 – Ende

„Ich muss einen Schutzengel gehabt haben“

Während des Zweiten Weltkriegs war Spar-Pionier Luis Drexel in Russland stationiert. Mit viel Glück gelang ihm die Flucht aus dem Gefangenenlager in Rumänien.

Sie waren im Zweiten Weltkrieg an der Front. Können Sie sich an diese Zeit noch erinnern?

Luis Drexel: Sehr gut sogar. Es war jene Zeit, über die ich sage, dass ich einen Schutzengel hatte. Ich war noch keine 18 Jahre alt, als ich gemustert wurde. Als Junger wäre es eine Schande gewesen, wenn man untauglich gewesen wäre. Und ich sehe heute noch den Vater und die Mutter mit den Geschwistern am Mittagstisch sitzen, als ich ganz stolz von der Musterung zurückgekehrt bin und verkündet habe, dass ich tauglich bin. Der Vater war nicht sehr begeistert und hat gefragt, ob ich mir etwas darauf einbilden würde, tauglich zu sein. Zehn Tage später musste ich nach Innsbruck einrücken.

Wann war das?

Drexel: Am 3. März 1942. Der jüngste Bruder – er war vier Jahre alt – ist damals mit an den Bahnhof gekommen und hat geweint. Die Mutter auch. An meinem 18. Geburtstag, am 8. Mai, wurden wir nach Russland verladen. Ich war immer an der russischen Front. Bei Kriegsende – am 8. Mai 1945 – war ich im tschechischen Olmütz. Von dort bin ich mit zehn Kollegen Richtung Österreich geflüchtet. Am Tag haben wir uns versteckt und in der Nacht sind wir durch die Wälder gegangen. Als wir auf österreichischem Boden waren, wurden wir leichtsinniger. Da haben uns – wir waren inzwischen nur mehr zu zweit – die Russen erwischt und ins Gefangenenlager Neubistritz gebracht. Von dort wurden wir über Brünn im Viehwaggon nach Rumänien in ein Lager mit 60.000 Gefangenen gebracht.

Was haben Sie in diesem Gefangenenlager erlebt?

Drexel: Als junger Leutnant war ich zusammen mit den Offizieren untergebracht. Wir waren durch drei einfache Stacheldrähte von den anderen getrennt. Am Abend kamen drei Außerferner von meiner Kompanie und sagten: „Herr Leutnant, morgen werden die Österreicher entlassen.“ Ich habe mich gefreut, bis sie gesagt haben, dass dies nicht auf die Offiziere zutreffen würde. Da habe ich natürlich ein langes Gesicht gemacht, aber die Tiroler hatten eine Idee. In der Dunkelheit haben sie dann den unteren Stacheldraht angehoben und ich bin zu ihnen gekrochen.

Die anderen österreichischen Offiziere sind Ihnen nicht gefolgt?

Drexel: Es gab noch einen anderen Vorarlberger, der nicht mitkommen wollte. Der hat gesagt: Bist närrisch, wenns di erwisch’n erschüßn‘s di. Er ist erst 1949 heimgekommen. Ich schon am 22. September 1945. Und ich war mir – durch die Ruhr geschwächt – nicht sicher, ob ich das Leben im Gefangenenlager noch länger aushalten würde. Ich bin geflohen, durch Rumänien, durch Ungarn. Am schlimmsten war es durch die drei Besatzungszonen durch.

Aus dem Lager sind Sie so einfach hinausgekommen?

Drexel: Die einfachen österreichischen Soldaten durften das Lager in Hundertschaften mit dem Zug – lauter Güterwaggons – verlassen. Im ersten Transport durften 2500 Personen mitfahren. Ich war in der 27. Hundertschaft und bin leider nicht mehr in den ersten Zug gekommen. Und dann ist es ziemlich heiß geworden, denn es gab eine Durchsage, dass ein aktiver Offizier im Lager fehlen würde. Dieser solle sich melden, denn sonst ginge die ganze Hundertschaft nach Sibirien. Da hatte ich natürlich große Gewissensbisse.

Wie haben Sie es geschafft, aus der misslichen Lage wieder herauszukommen?

Drexel: Ich hatte beobachtet, wer zu den Russen gegangen war, um mich zu verraten. Denn kurz darauf kamen sie zu mir und fragten, ob ich aktiver Offizier sei. Das habe ich verneint, denn ich war ja nur Reserveoffizier. Dann haben sie mich gefragt, ob ich das beweisen kann. Daraufhin habe ich geantwortet, dass ich das nicht könne – obwohl ich das Soldbuch in der Hose gehabt hätte. Ich habe behauptet, dass mir die Tschechen das Buch abgenommen hätten. Ich habe ihnen dann meinen Führerschein gezeigt.

Wie ist die Suche nach dem fehlenden Offizier ausgegangen, was passierte dann?

Drexel: Wenig später kamen die Russen wieder auf mich zu. Sie haben mir die Kappe vom Kopf gerissen und haben festgestellt, dass ich kein Offizier war. Jetzt muss man wissen, dass die Offiziere damals im Gegensatz zur Mannschaft nicht kahlgeschoren waren. Wegen Verlausungsgefahr sollten dies die Offiziere aber auch tun. Mit dem Jüngsten, also mit mir, hat man angefangen. Gerade als die Hälfte meiner Haare wegrasiert war, kam die Meldung, dass die Offiziere ihre Haare doch behalten dürften. Nur ich hatte keine Haare mehr – und das war auch mein Glück. Die Russen haben aufgrund der Frisur entschieden, dass ich kein Offizier sein konnte. Und so konnte ich gehen.

Der Rest der Rückkehr verlief dann weniger spektakulär?

Drexel: Das Problem war, dass ich keinen Entlassungsschein hatte. Als ich am Bahnhof Dornbirn ankam, hat mich der Vorsteher davor gewarnt, zu meinem Elternhaus zu gehen. Die Marokkaner wären gerade dabei, ihren Abschied zu feiern. Aber ich wollte nach Hause. Die Schleichwege kannte ich ja. Und ich wusste auch, dass die Mutter die obere Etage nie absperrte. So bin ich bis zur obersten Veranda hinaufgeklettert und als ich ins Schlafzimmer gekommen bin, hat die Eltern fast der Schlag getroffen. So bin ich heimgekommen. Da muss ich einen Schutzengel gehabt haben.

Wie war es mit der wirtschaftlichen Lage nach dem Krieg?

Drexel: Das war natürlich nicht einfach. Aber damals hat man nur an den Wiederaufbau gedacht. Der Krieg war endlich vorbei. Dann ist der Marshallplan gekommen, der ganz wichtig war, wenig später die Währungsreform. Dadurch hat sich alles positiv entwickelt und jeder hat gearbeitet. Niemand hat an etwas anderes gedacht. Im Gefangenenlager habe ich oft am Sinn des Lebens gezweifelt. Dass Menschen sich einander solche Dinge antun können, wie sie sich im Krieg ereignet haben, habe ich nie verstanden. Und als ich wieder daheim war, habe ich nie wieder nach dem Sinn des Lebens gefragt. Ich hatte immer viel Arbeit.

Sonja Schlingensiepen

„Im Gefangenenlager habe ich oft am Sinn des Lebens gezweifelt.“

Luis Drexel (90) geriet nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in russische Gefangenschaft.
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