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In einer völlig neuen Rolle

Mehr als zehn Jahre saß Katharina Wiesflecker (50) auf der Oppositionsbank, kämpfte sich durch Zeiten, als die Grünen nur zwei Abgeordnete stellten. Seit 15. Oktober ist die Wahl-Schwarzacherin Mitglied der Landesregierung.

Sonja Schlingensiepen

Das Bild im Büro von Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker zeigt eine Frau mit nachdenklichem Blick. Um sie herum turbulentes Treiben. „Die Darstellung ist von Johanna Berchtold. Ich finde, dass das Bild ganz gut in mein Büro passt“, sagt Katharina Wiesflecker und lacht. Im Atelier der jungen Vorarlberger Künstlerin hat sie das Gemälde selbst ausgesucht. Zum einen wegen des Motivs, zum anderen aber auch deshalb, weil der Vater der jungen Künstlerin, der Kommunalpolitiker Wolfgang Berchtold, Mitbegründer der ersten schwarz-grünen Koalition in Götzis gewesen ist.

Nach rund drei Monaten fühlt sich die 50-Jährige ganz wohl in ihrem nicht mehr ganz so neuen Amt. „Es macht große Freude, in einer Position zu sein, in der man Dinge umsetzen und entscheiden kann. Das hat schon eine besondere Qualität.“

Nach einem intensiven Wahlkampf und den Regierungsverhandlungen mit der ÖVP hat Wiesflecker keine einfachen Ressorts übernommen. Soziales, Pflege, Kinder- und Jugendhilfe, Frauen und Kleinkindbetreuung fallen seit 15. Oktober 2014 in ihren Verantwortungsbereich.

Anspruchsvoll seien die ersten Tage gewesen. Die großen Themenfelder Pflege, Mindestsicherung, Kinder- und Jugendhilfe seien die größte Herausforderung. „In diesen gesellschaftlichen Bereichen spielen sich auch die meisten Veränderungen ab. Die richtigen Antworten zu finden und politisch umzusetzen wird sicher auch nicht einfacher.“

Bestandsaufnahme

Nach der kurzen Einarbeitungszeit im Herbst will Wiesflecker jetzt eine Art „Bestandsaufnahme“ vornehmen. „Ich möchte wissen, wo Vorarlberg im Bereich der Pflege steht und welche Probleme es gibt. Wo wollen wir 2025 sein und was muss getan werden, um dorthin zu gelangen?“, erklärt sie. Dabei will die Landesrätin aber nicht Maßnahmen verordnen, sondern die Ergebnisse in eine Gesamtanalyse einfließen lassen.

Ziele definieren

Im Pflegebereich sei bisher die Strategie verfolgt worden, möglichst lange zu Hause zu pflegen, und Menschen ab Pflegestufe 4 in Altenheimen aufzunehmen. Die Konsequenz: Die Bewohner brauchen intensivere Pflege. „Jetzt ist die Frage, ob wir wollen, dass sich Pflegeeinrichtungen mehr zu einer Art Sterbehäuser entwickeln. Oder ob dort auch andere Aufgaben übernommen werden – etwa im Bereich der Kurzzeitpflege“, verdeutlicht Wiesflecker die ganz unterschiedlichen Zielsetzungen.

Seit 1993 mischt die gebürtige Tirolerin in der Politik mit. Zunächst als Landesgeschäftsführerin der Grünen, später als Landtagsabgeordnete. 2002 rückte sie für Sabine Mandak nach, die Nationalrätin wurde. Das erste Jahr als Abgeordnete war kein einfaches. Nicht nur die Geburt von Tochter Hannah fiel in diese Zeit. Zusammen mit Johannes Rauch bildete Wiesflecker das grüne Abgeordneten-Duo. Das bedeutete damals: Kein Klubstatus, keine Mitarbeiter, kein Recht, Anfragen oder Anträge zu stellen. Und die Wahl-Schwarzacherin musste sich zwangsläufig bei nahezu allen Themen auskennen. Von A wie Abfallwirtschaft bis W wie Wissenschaft. Erst 2004 wurde der Klubstatus zurückerobert, die Themenbereiche wieder auf vier Personen verteilt. „In dieser Zeit habe ich gelernt, Prioritäten zu setzen und ressortübergreifend zu denken. Das kommt mir jetzt sehr zugute.“

Das Thema Armutsbekämpfung sei so ein Beispiel für ressortübergreifendes Arbeiten. „Wenn die Zahl der Armutsgefährdeten in den kommenden fünf Jahren sinken soll, ist nicht nur die Soziallandesrätin gefragt.“ Im Bereich Wirtschaft wird es entsprechende Beschäftigungsinitiativen brauchen. Im Bereich Wohnen wurde der Bau von 2500 gemeinnützigen Wohnungen vereinbart. Im Bereich Bildung soll die Zahl der Risikoschüler halbiert werden. „Bei den Regierungsverhandlungen ist es ganz gut gelungen, das Thema Armut in den Ressorts unterzubringen. Gemessen werden wir aber daran, wie es uns gelingt, diese Dinge umzusetzen.“

Schritt für Schritt

Der Heizkostenzuschuss ist erhöht worden, der Zugang zur kostenlosen Kinderbetreuung für Armutsgefährdete im Regierungsprogramm festgehalten. Doch für die Umsetzung braucht es Zeit. Ein Modell muss erarbeitet werden. Mit den Gemeinden muss über die Kostenteilung verhandelt werden. Und natürlich muss alles im Budget berücksichtigt werden. Trotz der gesetzten Schritte weht Wiesflecker ein rauer Wind seitens der Opposition entgegen. Zu Unrecht, meint die 50-Jährige: „Was kann ich in diesen drei Monaten mehr erreichen, als diese Dinge Schritt für Schritt anzugehen? Deshalb habe ich es auch ein Stück weit als ungerecht empfunden, so kritisiert zu werden. Ich hab mir immer gedacht, was tun sie mit mir, wenn ich mal wirklich etwas Unangenehmes entscheiden muss?“

Natürlich habe sich nach dem Wechsel auf die Regierungsbank auch die Beziehung zu anderen Parteien, insbesondere zu den Sozialdemokraten verändert. „Mich irritiert vor allem die sehr persönliche angriffige Ebene. Und es tut mir auch ein bisschen leid, da wir früher gut zusammengearbeitet haben.“

Als Sozialsprecherin der Grünen hatte sie in den vergangenen Jahren oft Kritik an der Arbeit von Soziallandesrätin Greti Schmid geäußert. Sieht Wiesflecker die Dinge heute anders? „Ich habe Greti Schmid nicht auf der persönlichen Ebene angegriffen und habe mich auch nicht negativ über positive Dinge geäußert. Außerdem hat meine Kritik im Bereich Pflege damals ja auch etwas bewirkt. Beispielsweise wurde der Personalschlüssel verändert.“

Wesentlich harmonischer verläuft das Privatleben der Landesrätin. „Was meine Anwesenheitszeiten betrifft, waren mein Mann und meine elfjährige Tochter noch nie sehr verwöhnt. Ich habe immer viel gearbeitet. Aber wir haben ein gutes Miteinander. Die beiden unterstützen mich, und bei meiner Tochter hat es den Begleiteffekt, dass sie etwas selbstständiger geworden ist.“ Und zumindest im Privatleben kommt Wiesflecker die Ressortverteilung entgegen: „An den Wochenenden sind eher weniger Termine, sodass mehr Zeit für die Familie bleibt als gedacht.“

„Hängengeblieben“

Verantwortlich dafür, dass die Tirolerin seit 30 Jahren in Vorarlberg lebt, ist deren ältere Schwester Eva Maria. „Nach der Matura wollte ich in Wien Textildesign studieren, im Bereich Modedesign arbeiten“, verrät die Landesrätin. Stattdessen zog sie ins Ländle und übernahm die Karenzvertretung in der Firma ihres Schwagers. „Das war damals ein kleines Unternehmen, das im Laufe von vier Jahren von vier auf 40 Mitarbeiter gewachsen ist. Die Arbeit dort war ziemlich abwechslungsreich und hat mir so gut gefallen, dass ich hängengeblieben bin – auch privat.“

Statt Modisches zu kreieren strickt die 50-Jährige nun am Modell „kostenlose Kinderbetreuung für Armutsgefährdete“. „Frauen sollen Beruf und Familie verbinden können. Dadurch haben sie die Möglichkeit, sich auch im Hinblick auf die Pension finanziell abzusichern.“ Weitere Schwerpunkte, die Wiesflecker setzen will, sind die Erstellung einer Sozialstrategie sowie Verbesserungen bei den Mitarbeiterinnen der mobilen Hilfsdienste. Zumindest teilweise sollten diese angestellt werden.

Entscheidungen

Dass die budgetären Vorgaben eng sind, ist der Schwarzacherin durchaus bewusst. Es gilt, das Geld an der richtigen Stelle einzusetzen. „Wir haben uns entschieden, in Bildung zu investieren, und haben ein umfangreiches Maßnahmenpaket erstellt, das nun Priorität haben muss“, erklärt die Landesrätin. Bei anderen Dingen, wie etwa bei der rehabilitativen Übergangspflege in Dornbirn, mussten Abstriche gemacht werden. „Wichtig ist, dass Politiker entscheiden. Auch wenn es unangenehme Dinge sind. Denn Nicht-Entscheiden kann viel Geld kosten und regt die Menschen am meisten auf.“

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