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Evangelium

Die vertrockneten Gedanken

Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm. Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

markus 1, 12–15

Es gibt diese geniale Idee, dass man sich jeden Abend den Tag nochmal durch den Kopf gehen lassen soll. Man bemerkt dann die vielen Momente, die einfach vorbeischweben und mit Bewusstsein nicht wirklich was am Hut haben. Lauter Momente, die wir dann ganz trivial nach gut und schlecht ordnen. Wir ärgern uns dann über die schlechten und vergessen dabei, uns über die guten zu freuen.

Das eigentlich Geniale dieser Idee liegt aber ganz woanders. Sie lässt nämlich das Ordnen weg. Sie geht noch ein bisschen weiter und meint, dass man ein paar Momente behalten und andere von seinen Schultern streifen soll. Und all das, ohne sie zu beurteilen. Wenn wir uns ehrlich sind, war beurteilen ja in der Schule damals schon ein totaler Schwachsinn. Wir stecken ja ohnehin in diesem Leben der Beurteilung fest. Mathe, Zahltag, Pensum, Deutschdiktat, Sport, Jacke, Sportjacke, Auto, Haustüre, Foto und Befindlichkeitsstatus. Es gibt ja immer die Möglichkeit, seine Meinung über die Dinge kundzutun. Immer. Und überall!

Das Ganze hat aber einen ganz zentralen Vorteil für unsere eigene, ganz individuelle Doofheit: Wir lenken uns mit unseren Meinungen von uns selber ab und sehen unsere Befugnis ganz oft darin, uns Gedanken über die anderen zu machen. Die anderen. Das sind Dinge, Menschen, Parteien, Parteimenschen, Religionen, Radikale, Glaubende und Worte. Die anderen kann alles sein. Hauptsächlich aber nicht wir selber. Stellt euch vor, wir müssten den Spiegel, den wir der Welt jeden Tag vorhalten, bewusst oder unbewusst, einmal umdrehen. Nüchtern zurückgeworfen auf uns selber. Frei von der Möglichkeit zu beurteilen. Befreit von den anderen, über die wir uns immer Gedanken machen. Nackt vor dem Spiegel.

Das bringt uns zur Wüste. Dort verliert der Beurteilungsalltag nämlich seine komplette Kraft. Denn die Wüste spiegelt ja nur, ist heiß, trocken und gibt einem jede Menge Material zum Graben oder Sandburgen bauen. Oder Luftschlösser. Luftspiegelungsschlösser. Egal aber, wie ein Standpunkt, eine Meinung oder die prinzipielle Ausrichtung im Leben ausschaut. In der Wüs­te vertrocknet man irgendwann, egal was man gerade davon halten mag. Es gibt dann nicht mehr viele Möglichkeiten. Eigentlich nur eine. Umkehren nämlich.

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich so schreiben wollte. Aber ich nehme diesen Moment mit ins abendliche Ritual und schau dann, ob ich ihn behalte. Und natürlich, ob ich mich dann nach Beurteilung sehne, weil’s ja immer so war.

Und dann schicke ich manche Gedanken in die Wüste, wo sie dann vertrocknen. Irgendwelche anderen freuen sich dann sicher über mehr Saft. Mal sehen, ob ich mich selber darin erkenne. In diesem Spiegel, in den ich plötzlich selber hineinschaue, wenn ich umkehre.

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