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interview

„Crowdfunding wird an Bedeutung zunehmen“

FH-Professor Markus Ilg hat im Auftrag der Wirtschaftskammer Vorarlberg eine Studie zu Crowd­funding erstellt. Im Interview spricht er über diese neue Finanzierungsform, deren Chancen und Risiken.

Was versteht man unter Crowdfunding?

markus ilg: Die Finanzierung eines Projekts oder eines Unternehmens durch die Beteiligung von vielen Personen über das Internet – wobei es das auch schon vor dem Internet gegeben hat. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Freiheitsstatue, Sie wurde wesentlich über einen Zeitungsaufruf durch viele kleine Beiträge finanziert.

Und wann und wie hat sich die Variante übers Internet entwickelt?

ilg: Das ist erst in den letzten Jahren passiert. In Europa wurden die ersten Crowdfunding-Plattformen 2011 gegründet. Es ist derzeit ein Boom, der stark zunimmt, sich aber noch – absolut gesehen – auf geringem Niveau bewegt. In Österreich haben wir sechs oder sieben Crowdfunding-Plattformen. Im vergangenen Jahr betrug das österreichische Crowdfunding-Finanzierungsvolumen insgesamt nur drei Millionen Euro.

Es gibt ja verschiedene Formen von Crowdfunding?

ilg: Ja, eine ist eher spendenbasiert, das Crowddonating. Beim Crowdsponsoring erhält man eine Gegenleistung, die aber eher ideeller Art ist, etwa eine Konzertkarte. Bei Crowdinvesting geht es um echtes Risikokapital. Dort wird investiert mit dem Ziel, eine Rendite zu erhalten. Dafür geht der Investor aber erhebliche Risiken ein. Relativ neu ist dann noch das Crowdlending, bei dem Kredite von Privaten an Private über Crowdlending-Plattformen vergeben werden.

Kommt Crowdfunding dann zum Zug, wenn man von der Bank kein Geld bekommt?

ilg: Das kann man so nicht sagen. Crowdinvesting ist geeignet für Startup-Unternehmen oder für Unternehmen, die in Wachstumsbranchen tätig sind. Das ist riskant, und Banken sind hier aufgrund oft fehlender Sicherheit meist nicht der richtige Ansprechpartner. Eine Bank ist kein Venture-Capital-Finanzierungsinstitut, Dafür gibt es spezialisierte Unternehmen, die allerdings nur in Startups oder Wachstumschancen investieren, die vom Volumen her viel größer sind.

Sie haben im Auftrag der Wirtschaftskammer eine Studie primär zum Thema Crowdinvesting erstellt. Was genau haben Sie untersucht?

ilg: Ein Ziel war es, Crowdfunding im Kontext anderer Finanzierungsinstrumente darzustellen: Was ist es, welche rechtlichen Rahmenbedingungen sind damit verbunden, welche Chancen und Risiken? Teil zwei besteht aus einer Umfrage unter Crowdfundingplattformen in Deutschland, Österreich, der Schweiz. Der dritte Aspekt war die Befragung der Mitglieder der Wirtschaftskammer Vorarlberg zum Thema.

Und was waren die zentralen Ergebnisse?

ilg: Die Untersuchung des Crowdfundings hat zu mehreren wichtigen Erkenntnissen geführt: Derzeit sieht sich Crowd­funding mit einem dynamisch entwickelndem Rechtsrahmen konfrontiert. Die rechtlichen Rahmenbedingungen werden aktuell in Deutschland angepasst, und auch auf europäischer Ebene gibt es intensive Bestrebungen einer Vereinheitlichung. Klar geworden ist, dass die teilweise unterschiedliche und komplexe Ausgestaltung der vertraglichen Bedingungen des Crowdfundings dazu führt, dass ein Investor sehr genau Bescheid wissen muss. Es ist sich wahrscheinlich nicht jeder Kleininvestor bewusst, dass er – im Crowdinvesting – Kapital zur Verfügung stellt, auf das er auf Jahre hinaus keinen Zugriff hat und dass natürlich die Gefahr des Totalverlustes besteht. Es besteht dafür aber auch die Möglichkeit, an der Wertsteigerung von Unternehmen zu partizipieren.

Mit welcher anderen Investitionsform wäre das vergleichbar?

ilg: Eine verbreitete Form des Crowdfundings läuft über sogenannte partiarische Nachrangdarlehen. Das sind Darlehen, die im Fall der Insolvenz des Schuldners hintangereiht sind. Die Zahlungsansprüche des Investors sind am ehesten mit jenen von Eigenkapitalgebern vergleichbar. Der wesentliche Unterschied, der wichtig für die kapitalsuchenden Unternehmen ist, besteht darin, dass der Crowdinvestor kein Mitspracherecht hat. Weiters hat die Studie auch wichtige Nebeneffekte des Crowdfundings gezeigt.

Welche?

ilg: Etwa der Marketingeffekt. Beim Crowdfunding beteiligen sich viele nicht professionelle Investoren an einem Unternehmen. Ihr Interesse am Produkt des Unternehmens ist oft auch emotionaler Art. Zudem wird allein durch die Beschäftigung mit der Crowdfunding-Kampagne Aufmerksamkeit auf das Unternehmen gelenkt. Ein zweiter Aspekt ist der Marktforschungseffekt. Unternehmen profitieren von Rückmeldungen zum Produkt durch die Investoren. Wichtig für Investoren ist, eine Risikostreuung vorzunehmen, also nicht in ein, sondern in mehrere Unternehmen zu investieren. Für die Unternehmen ist die Auswahl der richtigen Plattform wichtig, weil diese teilweise unterschiedliche Arten der Finanzierung anbieten und bestimmte Schwerpunkte haben.

Und was haben die Mitglieder der Wirtschaftskammer gesagt?

ilg: Eine Erkenntnis war, dass Crowdfunding für etablierte Unternehmen kein interessantes Instrument darstellt. Im Gegenteil, die sehen auch die Gefahr, dass der Anschein entstehen könnte, dass sie andere Finanzierungsquellen nicht nutzen können. Diese Gefahr besteht bei ganz jungen Unternehmen nicht. Der vorher beschriebene Marketingeffekt wird auch von den jungen Unternehmen stärker wahrgenommen als von den etablierten.

Gibt es Vorarlberger Unternehmen, die sich derart finanziert haben?

ilg: Es gibt einzelne Kleinunternehmer. Bei der Studienpräsentation war etwa Daniel Leeb dabei, der ein Produkt entwickelt, das die Sicherheit beim Fahrradfahren erhöht, einen intelligenter Blinker.

Um was für Summen geht es bei Crowdinvesting?

ilg: Die sind typischerweise klein. Es funktioniert in der Regel ab 50.000 Euro. In der Studie hat sich gezeigt, dass die meisten Unternehmen eine Finanzierung zwischen 100.000 bis 150.000 Euro suchen. Je bekannter das Instrument wird, umso mehr wird auch dieser Rahmen ansteigen. Derzeit gibt es aber rechtliche Obergrenzen: In Deutschland sind das 100.000 Euro, in Österreich 250.000 Euro, und auf europäischer Ebene wird über eine Grenze von fünf Millionen Euro diskutiert. Es ist davon auszugehen, dass in Deutschland noch in diesem Jahr die Grenze auf eine Million Euro anhebt. Das scheint mir vernünftig, weil wir uns hier in einem unregulierten Bereich befinden. Gleichzeitig ist aber die derzeitige Grenze für viele Investoren zu gering.

Wer ist der klassische Crowd­investor?

ilg: Er ist ein Privatanleger und laut einer deutschen Studie zwischen 30 und 40 und männlich. Typischerweise sind es nach meiner Erfahrung Leute, die im IT-nahen und im Start­up-Umfeld unterwegs sind, die somit eine inhaltliche Nähe zu den Themen haben, die sie finanzieren. Die investierten Beträge liegen zwischen hundert bis zu ein paar tausend Euro.

Gibt es schon Untersuchungen darüber, wie viele Totalausfälle es bei durch Crowdinvesting finanzierten Unternehmen gibt?

ilg: Man müsste neben der Anzahl der Unternehmen die Höhe des Ausfalls berücksichtigen, und da ist mir keine Untersuchung bekannt. Klar ist aber, dass immer wieder Ausfälle stattfinden. Die Plattform Seedmatch in Deutschland veröffentlicht regelmäßig einen Jahresbericht. Laut dem letzten hatte eine Handvoll Unternehmen Insolvenz angemeldet. Wir sind im Risikokapitalbereich. Man kann nicht davon ausgehen, dass so ein Investment immer klappt. Aus Sicht des Investors geht es vor allem darum, eine Wachstumsstory mitzumachen. Und da sind die Ergebnisse derzeit bis auf Einzelfälle offen, weil das Finanzierungsinstrument einfach noch zu jung ist.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Crowdinvesting entwickeln?

ilg: Dass es an Bedeutung zunimmt, ist offensichtlich. Hinter den derzeit noch geringen absoluten Finanzierungshöhen stehen sehr hohe Wachstumsraten. In Österreich hat sich das Volumen in einem Jahr vervierfacht. Aus meiner Sicht kann sich aber eine noch ganz andere Dynamik entfalten: Wenn ich Crowdfunding nicht als Finanzierungsinstrument für sich sehe, sondern als Element in einem Finanzierungsmix eines Wachstumsunternehmens.

Was heißt das?

ilg: Wenn es dem Unternehmen gelingt, über ein Crowdfunding zu zeigen, dass man ein gutes Produkt hat, das stark genug ist, um Risikoinvestoren zu gewinnen, dann erhält das Unternehmen wirtschaftliches Eigenkapital. Dieses verbessert die Finanzierungsstruktur und damit das Rating bei der Bank. Das heißt, das Unternehmen erhält nicht nur Geld, sondern auch neue Finanzierungsmöglichkeiten im klassischen Bereich. Möglicherweise liegt ein Potenzial für die Zukunft in einer Zusammenarbeit von Crowdfunding-Plattformen und Banken: Crowdfunding kann genutzt werden, um den hochriskanten Bereich aus der Finanzierung herauszunehmen und dadurch junge Startup-Unternehmen aus Sicht der Banken kreditfähiger zu machen.

Interview:

Brigitte Kompatscher

Zur Person

Markus Ilg, geboren 1966 in Bludenz, lebt in Feldkirch.

Seit 2013 ist er Studiengangsleiter Betriebswirtschaft an der FH Vorarlberg, seit 2009 Hochschullehrer für Controlling.

Ilg hat bis 2009 Banken im Controlling beraten. Als Softwareentwickler konzipierte er Software in betriebswirtschaftlichen und medizinischen Anwendungsbereichen.

Ilg promovierte am Lehrstuhl Controlling an der Universität Stuttgart-Hohenheim, ist Diplom-Ökonom und besitzt einen Abschluss als akademisch geprüfter ­Informationstechniker.

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