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Lochau: Uferlos am Bodensee

Seit dem Jahr 1856 hat die Gemeinde Lochau auf dem Papier keinen Zugang zum Bodensee. Der Uferbereich wird zum Stadtgebiet von Bregenz gerechnet. Doch die Lochauer stört das wenig, berichtet Bürgermeister Michael Simma.

Michael Steinlechner

Nur einen Katzensprung entfernt ist das Bodenseeufer vom Lochauer Rathaus aus. In der Gemeinde gibt es zwei Badestrände und einen Hafen. Und dennoch liegt Lochau eigentlich gar nicht am „Schwäbischen Meer“ – zumindest auf dem Papier. Denn offiziell endet das Gemeindegebiet entlang des Sees mehrere Meter vom Ufer entfernt. Dieses ist Teil des Grundbesitzes der Stadt Bregenz.

Warum dies so ist, weiß der dortige Stadtarchivar Thomas Klagian. „Bei einer Vermessung im Jahr 1856 ist diese Grenze festgelegt und seitdem nicht mehr wesentlich verändert worden“, erklärt er. Aus Sicht des Historikers mutet diese Tatsache kurios an. Denn bereits mehr als 250 Jahre davor hatten sich die Lochauer und Bregenzer 1602 darauf geeinigt, dass das Gebiet der heutigen Landeshauptstadt in der Mitte des Tannenbachs endet. Eine Grenze, die bis heute Bestand hat. Selbst im Jahre 1809 hatten bayrische Vermesser den Lochauern ihren Anteil am Bodenseeufer zugestanden.

Nicht so jedoch jene Beamten, die 1856 auf Geheiß der österreichischen Regierung in Vorarlberg eintrafen. Auf der von ihnen angefertigten Karte reicht das Bregenzer Stadtgebiet weit in den See hinein und zwar im Abschnitt von der Grenze zum damals noch eigenständigen Rieden bis hin zur Leiblach. Lochau ging dabei leer aus.

Keine Begründung

Aus welchem Grund diese Entscheidung damals getroffen worden ist, kann Klagian nicht mit Sicherheit sagen. „Denn im Plan, der damals erstellt wurde, und den dazugehörigen Unterlagen wird keine Begründung angeführt“, berichtet der His­toriker. Spekulationen, dass vielleicht die Bregenzer Stadt­oberen beim Beschluss ihre Finger im Spiel hatten, erteilt er jedoch eine Absage. „Dafür lässt sich in den Protokollen der Stadt kein Beweis finden. Der Grenzverlauf am Bodensee war damals in keiner Sitzung der Entscheidungsträger ein Thema. Auch auf höherer Ebene gibt es keine Hinweise darauf, dass das Urteil der Vermesser beeinflusst worden ist.“

Ohne Fakten kann auch der Experte nur – gut fundierte – Vermutungen über den Grund anstellen. Klagian favorisiert vor allem eine Theorie: Nämlich jene, dass die Beamten bei ihrer Einteilung auch die Fischereirechte für die Bregenzer Bucht berücksichtigt haben. Diese waren damals im Besitz einer einzigen Familie aus der Stadt. „Und derartige Rechte waren früher oft wichtiger als Gemeinde- oder sogar Herrschaftsgrenzen“, erläutert der Fachmann.

So könnte es also durchaus sein, dass dies Einfluss auf die Denkweise der Vermesser gehabt hat. Ganz nach dem Motto: Wenn sowieso nur eine Bregenzer Familie im See fischen darf, gehört dieser auch zur Stadt. Interessant an dieser Sichtweise ist für den Fachmann, dass dabei das Prinzip der Realteilung auf das Gewässer angewandt worden ist. Das heißt, dass auch Bereiche weit weg vom Ufer einem Staat zugerechnet werden. „Und das, obwohl sich in Österreich in solchen Fällen eigentlich die Kondomoniumstheorie durchgesetzt hat. Bei dieser gehört nur die sogenannte Halde – also der ufernahe Bereich – zum Anliegerstaat. Auf der ‚Hohen See‘ kann dagegen jeder Staat seine Gesetze anwenden, solange dadurch nicht die Interessen eines anderen verletzt werden.“

Bis heute gültig

So kurios die damalige Entscheidung der Vermesser und der damit verbundene weitgehend bis heute gültige Grenzverlauf zwischen Bregenz und Lochau ist, so wenig hat dies die Bewohner der Gegend in den vergangenen rund 170 Jahren interessiert. Lediglich 1875 wurde die bestehende Grenzlinie im Zuge des Bahnbaus geringfügig verschoben. Seitdem gehört die Bahntrasse ab dem „Langen Stein“ zum Ortsgebiet von Lochau. „Von großen Streitigkeiten oder Konflikten bezüglich der Gemeindegebiete ist jedoch nichts bekannt“, berichtet Klagian.

Dies bestätigt auch einer, der es wissen muss: der Lochauer Bürgermeister Michael Simma. Schließlich ist er nicht nur für die Verwaltungsaufgaben in der Kommune zuständig. Er ist auch ganz in der Nähe des Bodenseeufers in der Rhombergkaserne – dem heutigen Hotel am Kaiserstrand – aufgewachsen. Das Gebäude liegt auf Lochauer Gebiet. Doch das dazugehörige Badehaus im See gehört zu Bregenz. Beim Umbau der Kaserne zum Hotel musste daher auch die Stadt eine Bewilligung für das Bauwerk im See erteilen. Dies war jedoch kein großes Problem, wie Simma erzählt: „Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen in Bregenz klappt hervorragend. Und es ist nicht unbedingt ein höherer Verwaltungsaufwand. Denn eine Genehmigung muss immer beantragt werden. Ob dies in Bregenz oder in Lochau passiert ist fast kein Unterschied.“

Überhaupt sei es im Interesse aller Beteiligten, wenn die Kooperation funktioniere. Und dies nicht nur mit den Verantwortlichen der Landeshauptstadt. Auch mit den Entscheidungsträgern in den anderen Leiblachtal-Gemeinden wird in Lochau gerne zusammengearbeitet. „Da gibt es keine Berührungsängste“, versichert Simma.

Grund für Verwirrung

Und auch bei den Bewohnern des Ortes ist der Verlauf der Ortsgrenze kein großes Thema. Viele der jüngeren Bürger kennen die kuriose Geschichte in diesem Zusammenhang gar nicht im Detail. Dies ist manches Mal Grund für Verwirrung. „Wenn es etwa darum geht, wer auf dem Radweg für die Schneeräumung zuständig ist“, berichtet der Bürgermeister. Oder als vor einiger Zeit ein toter Schwan am Ufer des „Schwäbischen Meers“ gefunden worden ist. Denn in solchen Fällen ist es üblich, dass die Behörden wegen möglicher Seuchengefahr informiert werden – Stichwort Vogelgrippe. „Und da dachten auch viele Menschen, dass das tote Tier in unseren Zuständigkeitsbereich fällt. Allerdings wurde es am Ufer gefunden. Damit lag es an den Verantwortlichen in Bregenz, den Sachverhalt zu klären.“

Der Verlauf der Grenze und die „See-Losigkeit der Lochauer“ ist also höchstens für kleine Kabbeleien unter Nachbarn gut. Doch auch hierfür hat Simma eine Antwort parat: „In solchen Fällen hilft es, die Bregenzer daran zu erinnern, dass die Spitze ‚ihres‘ Hausberges Pfänder eigentlich Lochauer Gemeindegebiet ist“, sagt er und lacht.

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