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Eine Frage der Lebensqualität

Interview. Martin Strele ist Obmann des Vereins für Bodenfreiheit. Er spricht über die Raumplanung in Vorarl­berg und die Notwendigkeit von Freiflächen.

Von Rubina Bergauer

Wie sieht es in Vorarlberg momentan in Sachen Bodenverbrauch aus? Zeichnet sich irgendein Trend ab?

Martin Strele: Der Bodenverbrauch ist nach wie vor enorm hoch. Das liegt vor allem daran, dass der Einzelne nicht mehr mit 20 Quadratmeter Wohnfläche pro Person zufrieden ist, sondern weil es bereits 40 bis 45 Quadratmeter pro Person sein müssen. Zudem kommt eine große Menge an Leerstand und sehr gering ausgelasteten Wohnungen und Häusern dazu. Das aktuelle Beispiel in Weiler zeigt, dass die fehlende Mobilisierung von gewidmeten Betriebsflächen dazu führt, dass sogar in der Landesgrünzone nun neue Widmungen erfolgen sollen, um Betriebe anzusiedeln. So etwas ist schwer zu verstehen, wenn es fast 290 Hektar gewidmete Betriebsgebiete gibt, die nicht genutzt werden.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Siedlungsräume?

Strele: Die meisten Städte werden mit dem Alter schöner. Unsere Siedlungsstrukturen werden hingegen hässlicher. In welcher Gemeinde des Rheintals machen wir noch gerne einen Spaziergang mit Gästen aus dem Ausland, um unsere Gegend zu zeigen? Wenn man sich vorstellt, dass sich das Rheintal in den nächsten Jahrzehnten so weiterentwickelt, wird nicht mehr viel von dem übrigbleiben, auf das wir zu Recht stolz sind. Vorarlberg hat meines Erachtens in der Raumplanung viel aufzuholen.

Was glauben Sie sind die Gründe hierfür?

Strele: Bis in die 1970er-Jahre gab es keine Flächenwidmung. Mit einer eher geringen Bevölkerung und weniger Wohnraumbedarf als heutzutage ging das Jahrzehnte lang gut. Nach den 1950er-Jahren kam dann der Boom – die Leute hatten größeren Wohlstand, der Trend ging auch weg von der Landwirtschaft hin zur Lohnarbeit. Es wurde mehr gebaut. Mitte der 1970er-Jahre kam es dann schließlich zu den ersten Flächenwidmungen in Vorarlberger Gemeinden. Und weil man von einem gleichbleibenden Aufwärtstrend ausging, wurde gleich so viel Fläche als Baufläche gewidmet, dass wir bis heute einen riesigen Überhang von Bauland haben. Dabei wurde nicht bedacht, was das für die Zersiedelung der Landschaft und die Dörfer bedeutet. Wir haben in Vorarlberg immer noch so viele gewidmete Flächen, dass sich die Bevölkerung annähernd verdoppeln könnte, ohne dass wir neue Flächen widmen müssten.

Sind das Böden, die nun in der Landwirtschaft fehlen, weil sie als Bauland gewidmet sind?

Strele: Durchaus. Die Bauernhöfe wurden aus vielen Dörfern an die Ortsränder ausgesiedelt. Und die für die Landwirtschaft bestens geeigneten Flächen sind zu Bauland geworden. Da haben die Bauern anfangs auch mitgespielt, weil es sich finanziell lohnte. Nun haben wir zu viel gewidmete Flächen und zudem eine immense Wertsteigerung von Grund und Boden, seit der Finanzmarkt sich nicht mehr als sicherer Hafen eignet. Denn die meisten, die ihr Geld in Grundstücken angelegt haben, wollen diese ja nicht auf den Markt bringen, sondern ihre Werte damit sichern. Wenn dann ein Bauträger oder auch Privatleute ein Grundstück zum Bauen suchen, werden sie kaum mehr fündig. Schon gar nicht im Zentrum einer Gemeinde – wo es Sinn machen würde. Die Folgen sind dann, dass weiter Flächen gewidmet werden – meist am Siedlungsrand –, obwohl wir bereits mehr als genug haben.

Heute hat die Landwirtschaft also mit den Folgen des Bodenverbrauchs kämpfen?

Strele: Landwirtschaft ist kein ökonomisch rentabler Wirtschaftszweig mehr. Wer nicht über geerbte Grundstücke verfügt, wird sich mit der Finanzierung von Böden schwer tun. So viel kann gar nicht erwirtschaftet werden, um die Kosten zu decken. Das ist schon dramatisch, schließlich werden da Nahrungsmittel produziert, und als Konsumenten wollen wir auf Produkte aus der Region zurückgreifen.

In Sachen Planung wäre wohl die Politik gefragt?

Strele: Auf jeden Fall. Doch die Verantwortlichen haben bis heute kein Konzept dafür gefunden, mit den Fehlwidmungen der Vergangenheit und der Hortung von Grundstücken umzugehen. Da traut sich niemand drüber. Besser funktioniert das in Ländern, in denen die Verantwortlichkeit für beispielsweise Wirtschaft und Raumplanung nicht in einer Hand liegt.

Das bedeutet, es bräuchte zunächst einen Umdenkprozess?

Strele: Auf jeden Fall. In Vorarl­berg rühmt man sich gerne, wie innovativ das Land unterwegs ist. Wir haben einen hohen Standard und eine gute Wirtschaftsentwicklung. Aber in einigen Bereichen gibt es auch große Herausforderungen, und denen sollte man sich stellen. Dazu gehört neben Themen wie beispielsweise die Bildung eben auch die Raumplanung. In diesem Bereich können wir von anderen Bundesländern lernen.

Was wäre ein Positivbeispiel in Sachen Raumplanung?

Strele: Aktuell das Bundesland Salzburg und auch die Schweiz. Die machen uns vor, dass Mobilisierung von Bauland durchaus funktioniert. Auch dort ist das Konzept noch nicht perfekt, aber es ist Bewegung im Spiel. Im Ländle heißt es hingegen immer: „Da kann man nichts machen, das wäre ein Eingriff ins Eigentum“. Auch in Deutschland sieht man, was in Sachen Raumplanung möglich ist.

Was zum Beispiel?

Strele: Dort ist verfassungsrechtlich geregelt, dass Eigentum nicht nur zu schützen, sondern auch mit Rechten und Pflichten verbunden ist. Letztere gilt es wahrzunehmen. Besitzt also jemand einen Grund mit einer Baulandwidmung und nützt er diesen jahrzehntelang nicht, dann geht dieser Anspruch verloren. Eine grundlegende Frage ist doch, wieviel wir eigentlich brauchen, um gut zu leben? Wie viel an Wohnraum, Umwelt, Gemeinschaft, Beziehungen, materiellem Wohlstand? „Mitgenommen“ hat noch keiner etwas, und das ewige Streben nach immer mehr Geld und Wohlstand blendet doch vieles aus, was unser Leben zu einem guten Leben macht

Aber mittlerweile hat sich in Sachen Flächenwidmung etwas geändert.

Strele: Ja, täglich werden zwar immer noch fast 1300 Quadratmeter neu gewidmet. Damit ist allerdings immer öfter eine sogenannte Vertragsraumordnung verbunden, das heißt, es wird nicht mehr „auf Vorrat“ gewidmet. Was mit den über 4000 Hektar geschehen kann, die bereits in der Vergangenheit gewidmet und nicht genutzt worden sind, ist noch nicht klar. Die sind weiter Wertanlage für eine sinkende Anzahl von Vermögenden in Vorarlberg. Wir müssen uns allgemein einem Wandel stellen, der sich um Lebensqualität dreht. Diese wird durch den dritten SUV in der Garage wohl kaum gesteigert. Betrachtet man den massiven Bodenverbrauch kritisch, führt das unweigerlich zu einer volkswirtschaftlichen Diskussion und zur Frage der individuellen Mäßigung. Und genau die wäre notwendig. Wir führen diese Diskussion aber nicht. Das klingt ja auch zugegeben nicht sehr sexy.

Was wäre denn für die weitere Entwicklung unserer Siedlungen sinnvoll?

Strele: Eine Idee wäre zum Beispiel, statt nur die Bauflächen nun stärker die Freiflächen zu planen – nach ökologischen, landwirtschaftlichen und städtebaulichen Gesichtspunkten. Auf diese Weise würde die Freifläche selbst gestärkt. Dann entstehen auch klare Grenzen. Genau diese Grenzen sind doch auch die spannendsten Orte. In New York ist der Central Park auch klar abgegrenzt vom Siedlungsraum. Da würde auch niemand auf die Idee kommen, eine neue Firma anzusiedeln, weil es wenig Platz in der Stadt gibt. Außerdem: Früher wurden zum Beispiel auch die Industriebauten in die Höhe und weniger in die Breite gebaut. Viele Beispiele in Vorarlberg zeugen noch heute davon.

Was möchten die Mitglieder vom Verein für Bodenfreiheit denn bewirken?

Strele: Wir werden die Probleme nicht lösen, das ist uns bewusst. Aber wir wollen aufmerksam machen auf dieses Thema. Unter den 300 Mitgliedern befinden sich auch einige Bürgermeister und Regierungsmitglieder. Die Hoffnung und das Ziel bestehen darin, Bewegung in die Sache zu bringen und die Bevölkerung offen und ehrlich zu informieren.

Information

Verein für Bodenfreiheit

Der gemeinnützige Verein Bodenfreiheit setzt sich durch den gezielten Ankauf von Grundstücken dafür ein, dass wichtige Freiflächen dauerhaft unbebaut und öffentlich zugänglich bleiben. Ein fachlicher Beirat beurteilt die Bedeutung der Grundstücke im Sinne der Vereinsziele. Martin Strele ist Obmann des Vereins. Info und Mitgliedschaft: www.bodenfreiheit.at oder
info@bodenfreiheit.at

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