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Das Rad nicht jedes Jahr neu erfinden

Am BRG Dornbirn-Schoren ist Direktor Reinhard Sepp zufrieden mit Ablauf und Ergebnissen der VWA.

Von Sonja Schlingensiepen

Kritik an den vorwissenschaftlichen Arbeiten (VWA) äußerten in der vergangenen Woche Eltern- und Schülervertreter auf Bundesebene: Viele Schüler seien mit der Arbeit überfordert, weshalb Eltern oder Ghostwriter diesen Teil der Maturaprüfung übernehmen würden. Gernot Schreyer vom Bundeselternverband geht davon aus, dass dies bei einem Viertel bis zu einem Drittel der Arbeiten der Fall ist. Zu hohe Ansprüche oder auch schlechte Betreuung durch die Lehrer wurden als Gründe genannt, warum Hilfe von Dritten notwendig ist. Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann kritisierte, dass zu wenig Wert auf den Inhalt der Arbeiten, wohl aber auf die „Verpackung“ gelegt wird.

Am Bundesrealgymnasium Dornbirn-Schoren kann Direktor Reinhard Sepp die Aufregung nicht wirklich nachvollziehen. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung der Schüler mit einem speziellen Thema ist hier durchaus gewünscht. „Ich bin sogar der Meinung, dass die VWA das beste Stück der neuen Reifeprüfung ist“, sagt Sepp. Bei den Arbeiten gehe es nämlich darum, dass sich Schüler selbstständig und über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem Thema auseinandersetzen. „Damit wird genau das erfüllt, was immer eingefordert wird: Schüler können nach ihren eigenen Interessen, ihre Stärken entwickeln. Und dieser Punkt ist bei der vorwissenschaftlichen Arbeit vollkommen erfüllt.“

Von der Bandbreite der Themen, aber auch von der Umsetzung ist Rainer Gögele, Professor für Latein und Religion, beeindruckt. „Bei der Einführung der VWA war ich zunächst skeptisch, bin aber kuriert, weil es eine für mich überraschend hohe Zahl an qualitativ sehr hochstehenden Arbeiten gibt.“ Beispielsweise habe im vergangenen Jahr der Sohn eines Primararztes über Stich- und andere Verletzungen in der Antike geschrieben. „Daran geknüpft war die Frage, ob Verletzungen, die damals zum Tod geführt haben, heute geheilt werden könnten“, berichtet er.

In einer anderen Schule hatte eine Schülerin den Graugänse-Versuch des Verhaltensforschers Konrad Lorenz mit Hühnern nachgestellt, erzählt Sepp. Bei der Präsentation der Arbeit hätte die Schülerin sogar eines der Hühner dabei gehabt. „Es muss also nicht immer Powerpoint sein“, meint der Schulleiter und lacht.

Fakt jedenfalls sei, darin sind sich die beiden Pädagogen einig, dass sich Schüler sehr wohl über einen längeren Zeitraum mit einem Thema beschäftigen können – und auch wollen.

Betreuung gefragt. Die Qualität der Arbeit hängt aus Sicht von Gögele von zwei Faktoren ab: Einmal von der Eignung des Kandidaten und zum anderen von der Qualität der Betreuung. „Es gibt nicht nur ausgezeichnete Schüler, sondern auch mittlere und schwächere. Und diese bedürfen nach meiner Erfahrung und Einschätzung einer intensiveren Betreuung.“ Zweifellos würden einige Schüler mit der Aufgabe, etwa 40.000 Zeichen zu einem Thema zu liefern, an den Rand ihrer Möglichkeiten kommen.

Unterm Strich aber habe das Gymnasium laut Schulorganisationsgesetz auch die Aufgabe, Schüler auf ein Hochschulstudium vorzubereiten, betont der Schulleiter. „Wenn wir diesen Gedanken berücksichtigen, ist es durchaus legitim, zu erwarten, dass im Laufe eines Jahres eine Arbeit von etwa 20 Seiten angefertigt wird. Ansonsten dürfte man an der Studierfähigkeit grundsätzlich zweifeln.“

Nicht genügend. Am BRG Schoren hat es seit Einführung der VWA vor drei Jahren nur vier von knapp 180 Schülern gegeben, die an der Aufgabe gescheitert sind. „Bei manchen war die Ursache, dass sie einfach zu spät begonnen haben und schlussendlich etwas abgegeben haben, das viel zu kurz war“, sagt Sepp.

Für Gögele ist das Schreiben der Arbeit auch eine Sache der Disziplin. Die angehenden Maturanten müssten in der Lage sein, sich die Zeit einzuteilen und auch Ferientage zu nutzen. „Erfahrungsgemäß gibt es immer ein paar Schüler, die das nicht können. So haben wir versucht, das Zeit-Problem zu entschärfen: Wir haben die jungen Damen und Herren freundlich eingeladen, zu bestimmten Terminen eine bestimmte Textmenge abzuliefern.“ Dadurch hätten die Betreuer Zeit, Rückmeldungen zu geben. Die Schüler wiederum könnten Verbesserungen vornehmen. Würden die Termine nicht eingehalten, hätten die Lehrer zwar keine rechtliche Handhabe, aber „wir haben von Seiten der Schule alles getan, um Schüler zu motivieren, diese Selbstdisziplin aufzubringen.“

Von einer Überforderung der jungen Generation könne zumindest im westlichsten Bundesland keine Rede sein, meint der Schulleiter. „Ich kann nicht für ganz Österreich sprechen, wohl aber für Vorarlberg, weil ich auch aufgrund von diversen Treffen und Direktorenkonferenzen weiß, wie es in anderen Schulen zugeht.“ Aus seiner Sicht werden die Schüler gut vorbereitet. Bereits in der sechsten Klasse gibt es für alle angehenden Maturanten Veranstaltungen an der Fachhochschule in Dornbirn, bei denen über vorwissenschaftliche Arbeiten und die Themenfindung informiert wird. In der siebten Klasse wird an der Landesbibliothek erklärt, wie korrekt zitiert wird. Es gibt Hinweise, wie Fachliteratur zu finden ist oder wie Fernleihe funktioniert. „Es gibt auch schulinterne Kurse zur Einführung in das vorwissenschaftliche Arbeiten. Und wenn die Schüler gut vorbereitet werden, schaffen sie es, eine gute Arbeit abzugeben – wenn sie es wollen.“

Dass Eltern oder andere Ghostwriter in jenem Maße einspringen, wie dies Schreyer vermutet hat, wollen Sepp und Gögele nicht glauben. Sicher mag es sein, dass manchem bei der schriftlichen Arbeit nur schwer oder gar nicht nachzuweisen ist, dass diese nicht vom Verfasser selbst geschrieben wurde. „Dort wird die einzige Möglichkeit sein, sich als betreuender Lehrer auf die Präsentation und Diskussion so vorzubereiten, dass im Gespräch klar zum Vorschein kommt: Hat der junge Mensch sich einschlägig mit dem Thema befasst oder kennt er den Inhalt der Arbeit nicht sehr genau“, meint Gögele. Plagiate hätte es am BRG Schoren noch nie gegeben – vermutlich auch deshalb, weil alle Schüler wüssten, dass alle eingereichten Arbeiten eine Plagiat-Software durchlaufen.

Beurteilungsraster. Und wie sieht es mit der gerechten Benotung der korrekt abgegebenen Arbeiten aus? „Die Notengesetzgebung beruht auf der Leistungsbeurteilungsverordnung“, antwortet Sepp. Es gebe ein Beurteilungsraster, das gerne mal kritisiert werde. Statt „Wortklaubereien“ zu betreiben, setzt Sepp auf Kommunikation. „Wir haben uns untereinander und auch mit anderen Schulen verständigt, sodass die Benotung gerecht erfolgen sollte.“

Auf einen externen Gutachter – wie ebenfalls auf Bundesebene gefordert – würde Sepp gerne verzichten. „Im Prinzip gibt es diesen ja schon, denn in jeder Maturaklasse sitzt ein externer Vorsitzender einer anderen Schule – ein Direktor oder qualifizierter Lehrer mit Erfahrung.“ Und es sei üblich, dass der Vorsitzende unter anderem die verschiedenen Arbeiten studiere.

Von einer generellen Abschaffung der VWA hält Gögele nichts. „Wenn ein System kaum etabliert ist und erst wenige, aus meiner Sicht aber positive, Erfahrungen vorliegen, bin ich dagegen, dies wieder zu ändern. Alle zwei Jahre etwas neu zu erfinden, halte ich schlicht und ergreifend für einen Unsinn.“

Neue Reifeprüfung

Die neue Reifeprüfung besteht aus drei verschiedenen Säulen. Die zentrale Säule ist die schriftliche Reifeprüfung. Zudem gibt es die schulautonome, mündliche Prüfung. Die dritte Säule ist die vorwissenschaftliche Arbeit (VWA). In diesem Jahr mussten die angehenden Maturanten ihre schriftliche Arbeit bis Freitag einreichen. Die Arbeit umfasst zwischen 40.000 bis 60.000 Zeichen und muss verpflichtend eine Fragestellung beinhalten.

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