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„Der Fokus muss weg von der Systemdiskussion“

Interview. Der angehende WKV-Direktor Chris­toph Jenny spricht über zukünftige Herausforderungen für die Organisation, die internationale Wirtschaftslage und seine Bildungsvision.

Von Johannes Hofer

Ab 1. Jänner sind Sie Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg (WKV). Haben Sie schon Neujahrsvorsätze – zumindest berufliche?

Christoph Jenny: Die ergeben sich für mich in erster Linie aus den Herausforderungen, die ich in der Zukunft erwarte. Die heutige Zeit ist durch einen tiefgreifenden und sehr raschen Wandel geprägt. Eine solche Entwicklung kann auch an einer Organisation wie der Wirtschaftskammer nicht spurlos vorübergehen. Es geht darum, jeden Tag – durchaus auch selbstkritisch – zu hinterfragen, wie wir in unserer Arbeit einen möglichst großen Nutzen für die Vorarlberger Unternehmen stiften können.

Wo ist da konkret anzusetzen?

Jenny: Es werden gerade Zukunftsthemen wie die Digitalisierung und die Bildung sein, die wir schon derzeit intensiv bearbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Land wird derzeit etwa eine digitale Agenda entwickelt, die noch im Herbst vorgestellt werden soll. Ebenso liegt der Fokus auf der Weiterentwicklung unserer Serviceleistungen. Die Unternehmer sind sehr zufrieden damit, aber die Angebote werden noch zu wenig in Anspruch genommen.

Im Zuge der WKO-Reform, die noch vor dem Sommer beschlossen wurde, sollen Mitgliedsbeiträge reduziert, gleichzeitig aber neue Leistungen angeboten werden. Wie kann das erreicht werden?

Jenny: Einerseits durch den Ausbau digitaler Serviceleistungen. Andererseits muss unsere Organisation intern effizienter aufgestellt werden. So sollen etwa künftig nicht mehr alle Serviceleistungen in allen Landeskammern angeboten werden, sondern manche in einzelnen Kammern für ganz Österreich.

Einer Ihrer Zuständigkeitsbereiche bei der WKV ist die Bildung . Wie sollten da die Weichen künftig gestellt werden?

Jenny: Der Fokus sollte weggelenkt werden von einer Systemdiskussion hin auf die Orte, wo Bildung passiert. Debattiert wird in Österreich vor allem über Strukturen, über Zuständigkeiten, über Kompetenzen. Was die Kinder aus meiner Sicht brauchen, ist letztlich aber nicht das beste Bildungssystem, sondern die besten Schulen.

Und was braucht es dafür?

Jenny: Zunächst braucht es in den Schulen Offenheit für Neues, die Bereitschaft, sich zu verändern. Und das unter Umständen in Kooperation mit anderen, die gewisse Dinge bereits besser machen. Im Rahmen eines WKV-Projekts kooperieren seit drei Jahren drei Vorarlberger Mittelschulen in der Hofsteigregion mit der Integrierten Gesamtschule (IGS) Göttingen, die bereits einmal den deutschen Schulpreis gewonnen hat. Dabei geht es darum, einzelne Aspekte aus deren pädagogischem Konzept aufzugreifen und hier zu implementieren.

Was für Aspekte sind das?

Jenny: In der IGS Göttingen steht das teamorientierte Lernen im Mittelpunkt. Die Schule ist bekannt für das Tischgruppenmodell, das dort seit mehr als dreißig Jahren erfolgreich praktiziert wird, aber etwa auch für eine sehr intensive Elternarbeit. Diese Kooperation trägt auch bereits in den hiesigen Projektschulen erste Früchte. Was dabei aber wichtig ist: Es soll in unseren Schulen nicht nur immer wieder Neues angefangen, sondern auch evaluiert werden. Für das WKV-Projekt wurde daher eine wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Göttingen sichergestellt.

Wo sollte in der weiterführenden Bildung der Schwerpunkt liegen?

Jenny: Oft wird argumentiert, dass für eine Gesellschaft eine möglichst hohe Bildung das Beste ist. Dennoch kann niemand absprechen, dass Österreich trotz einer noch eher bescheidenen Akademisierungsrate im internationalen Vergleich durchaus erfolgreich ist. Maßgeblich ist für mich daher eine Ausbildung, die zur jeweiligen Region und zur dortigen Wirtschaft passt.

Ein Beispiel, bitte.

Jenny: Aufgrund der in Vorarl­berg stark ausgeprägten Sachgüterproduktion ist für uns die Lehrlingsausbildung ganz wichtig. Und noch ein Aspekt spielt eine Rolle: Es sollte in erster Linie immer darum gehen, für die einzelnen Jugendlichen eine Ausbildungsschiene zu finden, die für sie persönlich die beste ist. Natürlich sind Eltern oft geneigt zu sagen, „dem Kind soll es einmal bessergehen“. Und drängen darum auf Matura und Studium. Aber wenn ich mir dann die Abbruchquoten während des Studiums anschaue, ist dieser Weg letztlich für viele doch nicht der richtige.

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann argumentiert, die duale Ausbildung bereite gut auf den Job vor, sei aber in einer sich ändernden Berufswelt möglicherweise zu unflexibel. Sehen Sie das als Leiter der Lehrlingsstelle auch so?

Jenny: Diese Erfahrung mache ich bis jetzt nicht. Dass der Trend in Richtung breiter aufgestellte Ausbildung geht, kann ich bestätigen. Aber was das angeht, sind wir in Österreich bereits seit etwa zehn Jahren dabei, in der Lehrlingsausbildung verstärkt mit Modullehrberufen zu arbeiten. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass es zuerst eine gemeinsame Grundausbildung gibt, danach bietet sich die Möglichkeit, sich in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln.

Hierzulande wird derzeit ein Rekordwirtschaftswachstum verzeichnet. Wird sich der Trend fortsetzen lassen?

Jenny: Nachdem die geopolitische Lage immer unsicherer, die Volatilität (Schwankungsbreite, Anm.) auf den internationalen Märkten immer größer wird, sind Prognosen schwierig. Wenn überhaupt, sind aus meiner Sicht nur kurz- und mittelfristig Voraussagen möglich. Derzeit sieht die Prognose für die nächsten Jahre aber durchaus positiv aus. Sowohl was den Export als auch das Wirtschaftswachstum als Ganzes betrifft.

Vorarlberg ist sehr export­orientiert. Wie kommen die heimischen Betriebe mit der unsicheren Lage klar, die Sie angesprochen haben?

Jenny: Im Umgang gerade auch mit den geopolitischen Entwicklungen liegt eine der großen Stärken der Vorarlberger Unternehmen. Es ist doch erstaunlich, wie erfolgreich die Vorarlberger Unternehmer mit ihren Mitarbeitern auf den internationalen Märkten tätig sind.

Haben Sie bereits Erfahrungen zu den Auswirkungen des Brexit gemacht?

Jenny: Es ist eine gewisse Unsicherheit da. Die Verhandlungen ziehen sich, konkrete Zwischenergebnisse lassen auf sich warten. Die Unternehmer sagen durch die Bank, dass sie vorsichtiger planen. Aber es ist mir noch nicht zu Ohren gekommen, dass sich Vorarlberger Unternehmer aus dem britischen Markt zurückziehen wollen.

Immer wieder werden Wirtschafts- und Umweltinteressen als Gegenpole dargestellt. Wie beurteilen Sie das?

Jenny: Für mich sind Umwelt und Wirtschaft zwei Seiten einer Medaille. Beides sind für uns wichtige Lebensgrundlagen. Die Wirtschaft ist die Basis für den Wohlstand im Land, und die Umwelt ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die hohe Lebensqualität. Wichtig ist es aber, die richtige Balance zwischen den Interessen zu finden.

Im Hinblick auf die Debatte um die Landesgrünzone: Sehen Sie einen Widerspruch zwischen einem begrenzten Vorrat an Flächen und einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum ausgerichtet ist?

Jenny: Hierzulande genießen die Einwohner einen überdurchschnittlich hohen Wohlstand und eine überdurchschnittlich hohe Lebensqualität. Das beweist für mich, dass verschiedene Interessen schon in der Vergangenheit mit Augenmaß in Einklang gebracht worden sind.

„Kinder brauchen nicht das beste Bildungs­system, sondern die besten Schulen.“

Christoph Jenny, stellvertretender Direktor der WKV

Zur Person

Dr. Christoph Jenny

Direktor-Stellvertreter der ­Wirtschaftskammer Vorarlberg,
ab 2018 Direktor

Geboren: 9. April 1965 in Brand

Wohnort: Lauterach

Ausbildung: Studium der Rechtswissenschaften in Innsbruck

Familienstand: verheiratet mit Gabriele, ein Sohn (23) und eine Tochter (19)

Hobbys: Wandern, Radfahren, ­Joggen, Skitouren

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