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Im Katamaran über den Atlantik

Manfred Vodopivec findet auf einem Segelboot Ruhe und Freiheit. frederick sams

Manfred Vodopivec findet auf einem Segelboot Ruhe und Freiheit. frederick sams

Frei sein. Das war über lange Jahre erklärtes Ziel von Manfred Vodopivec (43) aus Götzis. Für ihn bedeutete diese Freiheit, mit einem kleinen Boot die Welt zu bereisen. Er segelte dann auch über den Atlantik. Und lebte 15 Jahre lang in Mittelamerika. Jetzt wohnt er mit Frau und Kindern in Götzis. Er segelt immer noch: am Bodensee.

Von Susanne Geißler

Oft sind es Schicksalsschläge, die dazu führen, dass jemand seinen gewohnten Lebensweg verlässt und sich auf ein Abenteuer einlässt. Bei Manfred Vodopivec aus Hohenems waren es zwei Ereignisse. Nach der HTL hatte er als Entfeuchter gearbeitet. Der Chef der Firma hätte ihn zu seinem Nachfolger gekürt. Doch der Mann starb, bevor es soweit war. Zur gleichen Zeit ging die langjährige Beziehung von Vodopivec in die Brüche. „Und plötzlich war der lange gerade Weg, den ich immer vor mir gesehen hatte, nicht mehr da“, sagt der heute 43-Jährige.

Leben im Wald. „Ich war ein Jahr lang unnüchtern. Und auch als Sohn war ich zu der Zeit unzumutbar.“ Bevor ihn seine Eltern aus der Wohnung werfen konnten, zog der damals 22-Jährige aus und lebte drei Monate in einem Zelt im Wald. „Höchstens Pilzsammler hätten mich gefunden, so gut versteckt war ich“, erzählt er und zwinkert. „Aber es war wichtig, auf diese Weise aus der Routine auszubrechen, die nur noch aus Saufen nach der Arbeit bestanden hatte.“

Eines Tages hatte er einen Arbeitsunfall und musste am Knie operiert werden. Diese Situation nahm er zum Anlass, seinen Job hinzuwerfen. „Mir wurde im Zelt auch langsam ziemlich kalt, denn es war bereits November“, schildert er. Er reiste nach Jamaika. Nach drei Monaten kehrte er zurück. Er bekam ein Arbeitsangebot von der Firma Eisvogel in Hohenems. Doch noch bevor er überhaupt begonnen hatte mit der Arbeit, erklärte er seinem Chef, dass er nur fünf Jahre bleiben werde. Denn dann werde er sich ein Boot kaufen und auf Reisen gehen. Das habe er schon immer im Hinterkopf gehabt. „Der Chef lachte mich aus. Meine Eltern auch. Aber mich hatte das Reisefieber gepackt.“

Der Hohenemser las ein Buch über das Segeln nach dem anderen. Nach drei Jahren dachte er sich: „Gut, wird das Boot eben kleiner“ – und kündigte. In Norddeutschland kaufte er einen Wharram-Katamaran. Ein Katamaran ist ein Boot mit zwei Rümpfen. Und dieser, den er erworben hatte, war in äußerst schlechtem Zustand. Also reparierte er das Boot so gut es ging. „Eigentlich ist so ein Boot, viel zu klein, um damit aufs offene Meer zu segeln“, erläutert der Abenteurer. „Alle haben versucht, mir das klarzumachen. Aber es war mir egal.“ Er wollte reisen. „Richtig reisen. Unberührte Inseln erreichen. Ich wollte mit der Harpune Fische fangen. Mich nicht um Geld kümmern müssen. Ich hatte auch keines. Und das war gut so. Denn wenn man finanziell abgesichert ist, hindert einen die eigene Bequemlichkeit daran, Abenteuer zu erleben“, erklärt er.

Das Segeln beherrschte er nur theoretisch. Aber der Mann, von dem er das Boot gekauft hatte, segelte mit ihm bis nach England und zeigte ihm alles, was er wissen musste. Von da war er auf sich allein gestellt.

Er segelte durch die Biscaya, denn er wollte in den Süden. Die Biscaya ist eine Bucht des Atlantischen Ozeans, die sich von der Westküste Frankreichs bis in den Norden Spaniens erstreckt. Diese ist für extremen Seegang bekannt. Das sollte Vodopivec am eigenen Leib erfahren. Einmal war er ungewollt mit 21 Knoten unterwegs. Das sind fast 39 km/h. Als er die Segel verkleinern wollte, brach der Spinnakerbaum ab, als wäre er ein Streichholz. Ein anderes Mal spülten ihn hohe Wellen über Bord. Er hatte sich zuvor glücklicherweise festgebunden, so blieb er mit seinem Boot verbunden und konnte sich mit der nächsten Welle wieder hinauf tragen lassen. Häufig segelte er auch nachts. „Eigentlich hätte ich in diesen Gewässern mit meiner wenigen Erfahrung nichts verloren gehabt, aber ich hatte Glück. Und ich tat das Meine dazu, indem ich schnell lernte und niemals aufgab.“

Freund an Bord. In La Coruna, in Spanien, stieß ein Freund zu ihm. Vodopivec erlaubte ihm zunächst nur, bis nach Portugal und Gran Canaria mitzusegeln. Von dort aus wollte er alleine den Atlantik überqueren. „Ich konnte die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen nicht übernehmen.“ Als eine Wahrsagerin vorhersagte, dass sie beide heil in Mittelamerika ankommen würden, durfte der Freund schließlich doch länger an Bord bleiben.

Zunächst jedoch bereiteten sie in Portugal sich und das Boot einen Monat lang gewissenhaft auf die Überfahrt vor. Sie ernährten sich von Fischen und gingen einmal in der Woche in einen nahegelegenen Ort einkaufen. Einmal erlegte Vodopivec mit Pfeil und Bogen sogar eine Möwe. „Die ganze Zeit über hatten wir schon von Hennile mit Pommes geträumt“, erzählt der Abenteurer und lacht. „Als ich Jonathan erblickte, wusste ich, jetzt ist es soweit.“ Jonathan war eine Möwe mit kaputtem Flügel, die außerdem auch noch hinkte. „Er hat uns für diese Tat mit seinem fürchterlichen Fisch-Geschmack gestraft“, sagt der Wahlgötzner. Nie wieder wird er eine Möwe essen.

Nach einem Monat stachen sie wieder in See. Und von Las Palmas in Gran Canaria aus wagten sie schließlich die Überfahrt. „Wir brachen eine Woche vor den Teilnehmern der ARC, auf die wir gestoßen waren, auf. Denn wir wollten es alleine schaffen.“ Die ARC, die Atlantic Rallye für Cruisers, ist ein jährlicher Wettbewerb im November, der es Menschen unter geschützten Bedingungen ermöglicht, miteinander auf ihren Booten den Atlantik zu überqueren. Genau das wollten die beiden Abenteurer jedoch nicht. Sie wollten ihre ureigene Reise fortsetzen. Einen Tag bevor sie lossegelten, kam Vodopivec endlich mit der Navigation mit einem Sextanten klar. Bis dahin hatte er bei der Methode, bei der mithilfe der Höhenwinkelmessung von Sonne und Sternen navigiert wird, immer einen Messfehler gehabt. Der Feund nahm ein GPS mit. Vodopivec wollte jedoch während der gesamten Überfahrt nicht hören, ob er mit seiner Navigation richtig oder falsch lag. „Ich wollte es ohne technische Hilfsmittel schaffen.“

Hurrikan Lenny. Nach nur neun Tagen hatten sie bereits die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Doch dann kam Hurrikan Lenny. Es war der bis dahin stärkste atlantische Hurrikan, der je in einem November aufgezeichnet wurde. Er wurde „Geisterfahrer-Lenny“ getauft, weil er von Westen nach Osten durch die Karibik sauste. Normalerweise bewegen sich solche Stürme immer in die entgegengesetzte Richtung. Gott sei Dank zog er weit nördlich der beiden Seefahrer vorbei und schwächte zunehmend ab. Denn sonst hätten sie ihr Abenteuer nicht überlebt.

„Aber die Wellen waren wahrscheinlich 20 Meter hoch, bloß glücklicherweise auf dem offenen Meer auch zwei- bis dreihundert Meter lang. Dadurch haben wir diese nur als ein Heben und Senken wahrgenommen“, erzählt der 43-Jährige. „Es war wie das Atmen des Ozeans.“ Die weitaus unangenehmere Folge des Sturms war, dass der Wind ihnen entgegen blies. „Es wäre eigentlich möglich, den Atlantik in einem Schlauchboot zu überqueren. Denn Wind und Strömung transportieren einen über kurz oder lang nach Mittelamerika“, erläutert Vodopivec. Doch er und sein Freund mussten den Ozean immer wieder kreuzen, um in die gewollte Richtung segeln zu können. Nach 27 Tagen – sie mussten sich alle vier Stunden beim Steuern abwechseln, denn sie hatten keinen Autopiloten – kamen sie schließlich heil in Tobago an.

Vodopivec blieb 15 Jahre lang in Mittelamerika. Er lebte und arbeitete in Curacao, St. Martin, Guanaja, Venezuela, Tobago und Guatemala. Segelte, fischte, arbeitete als Dachdecker oder reparierte Kühlmaschinen auf Booten. Er gründete eine Firma und importierte Kühlmaschinen und elektrische Bootsantriebe aus Europa. Eine Zeitlang leitete er mit seiner Frau Andrea in Gua­temala auch eine Marina. Andrea ist die Schwester jenes Freundes, mit dem er über den Atlantik gesegelt war. „Sie besuchte ihren Bruder und blieb bei mir hängen“, sagt Vodopivec und zwinkert wieder. Zwischendurch kehrten die beiden für einige Monate nach Österreich zurück, um zu arbeiten oder ihre Familien zu besuchen. Sie kauften schließlich in Guatemala eine Finca, hielten Pferde, Kühe und Schafe. Als das ältere der beiden Kinder ins Schulalter kam, beschlossen sie, nach Vorarlberg zurückzukehren. Seit 2013 leben sie in Götzis.

Vor einem Jahr hat sich Vodopivec erneut ein Boot gekauft und segelt auf dem Bodensee. „Um Abenteuer zu erleben, muss man in Wahrheit nicht weit weg fahren. Es gilt einfach, sich auf den Weg zu machen und Zeit für das Ungeplante zu haben“, sagt er. „Es ergeben sich erstaunliche Dinge. Egal ob in der Karibik oder am Bodensee.“

<p class="caption">Vodopivec bereiste mit seinem Boot nicht nur die Welt, sondern lebte praktisch darauf.  privat (4)</p>

Vodopivec bereiste mit seinem Boot nicht nur die Welt, sondern lebte praktisch darauf.  privat (4)

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