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Wenn ohne Smartphone nichts mehr geht

Immer dabei und immer im Einsatz? Das Smartphone ist ein Alltagsgegenstand mit Suchtpotenzial.  Shutterstock, Klaus Hartinger

Immer dabei und
immer im Einsatz? Das Smartphone ist ein Alltagsgegenstand mit Suchtpotenzial. 
 Shutterstock, Klaus Hartinger

Interview. Andreas Prenn von der Werkstatt für Suchtprophylaxe (Supro) spricht über das Suchtpotenzial von Smartphones, sozialen Netzwerken und Computerspielen.

Von Rubina Bergauer

Das Handy ist zum alltäglichen Begleiter geworden – Computerspiele und soziale Netzwerke sind dadurch stets nur einen Tastenklick entfernt. Ab wann lässt sich von einer Sucht sprechen?

Andreas Prenn: Bei der Computerspielsucht gibt es klare Kriterien, die der Betroffene erfüllt, um als süchtig zu gelten. Beim Handy ist es etwas anders, denn rein medizinisch gesehen gibt es keine Handysucht. In diesem Fall wird von einer Impulskontrollstörung gesprochen.

Um was handelt es sich dabei konkret?

Prenn: Eine Impulskontrollstörung liegt vor, wenn jemand dem Impuls, ständig auf sein Handy zu schauen, seine gesamte Zeit und Aufmerksamkeit darauf zu richten, nicht widerstehen kann. Eine Form davon ist auch das sogenannte „Fear of missing out“- Phänomen.

Also die Angst, irgendetwas zu versäumen. Das tritt vor allem in Verbindung mit den sozialen Medien auf. Die Betroffenen befürchten, dass, wenn sie nicht zeitnah auf das Geschehen im Netz oder in der Whatsapp-Gruppe reagieren, sie dann irgendwann keine Rolle mehr spielen, keine Beachtung mehr finden. Das verursacht natürlich auch einen gewissen Druck.

Wer ist davon am ehesten betroffen?

Prenn: Das sind in erster Linie Menschen, die sich im realen sozialen Leben schwer tun, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufzubauen. Dabei handelt es sich oft auch um Personen, die über einen sehr geringen Selbstwert verfügen. Sie brauchen daher oft und schnell Feedback, um ihr Ego zu pushen. Dieses Bedürfnis wird in gewisser Weise via Handy und über soziale Netzwerke befriedigt – derjenige oder diejenige hat eine Plattform, kann sich darstellen und erhält meist unmittelbar Feedback darauf. Dadurch können sich Menschen auch plötzlich verändern.

Inwiefern?

Prenn: Sie beobachten, was in den Netzwerken funktioniert, was Reaktionen hervorruft, und stellen sich je nachdem dar. Können beispielsweise eine andere politische Gesinnung einnehmen als bisher, oder geben intime Details preis, weil es mehr Reaktionen darauf gibt.

Überspitzt formuliert eine Jagd nach Likes in der virtuellen Welt?

Prenn: Genau. Die Jagd nach schnellen Reaktionen im Netz, egal ob positiv oder negativ – das vermittelt das Gefühl, jemand zu sein, etwas zu bedeuten.

Soziale Netzwerke sind relativ junge Errungenschaften. Wie hat denn die Jagd nach Reaktionen davor ausgesehen?

Prenn: Jugendliche beispielsweise haben eine Phase während der Pubertät, in der sie ihre Selbstwirksamkeit testen. Das erfolgt, indem sie Dinge tun, die sozial – vor allem in der Familie und im unmittelbaren Umfeld – nicht anerkannt sind. Das war früher natürlich um einiges einfacher. Da reichte es schon, in zerrissenen Hosen oder mit langen Haaren aufzutauchen. Das funktioniert heute nicht mehr, weil unsere Gesellschaft liberaler geworden ist. Mit Tattoos oder Piercings fällt man kaum mehr auf. Das haben zum Teil auch die Erwachsenen. Da wird es für Jugendliche mitunter schwer, diese für sie wichtige Aufmerksamkeit zu spüren.

Ab welchem Zeitpunkt geht die Suche nach Aufmerksamkeit in der virtuellen Welt in die falsche Richtung?

Prenn: Wenn dies zum alleinigen Lebensinhalt der Betroffenen wird. Das Team der Supro erhält in der Woche zwei bis drei Anrufe von besorgten Eltern, die glauben oder befürchten, dass ihr Kind handy- oder computerspielsüchtig sein könnte. Dann gilt es zunächst abzuklären, ob die Mädchen oder Burschen auch noch anderen Interessen nachgehen. Zum Beispiel ­Hobbys haben und Freunde in der realen Welt treffen. Wenn sie medienfreie Aktivitäten ausführen und am realen Familienleben teilhaben, dann sind die Befürchtungen meist unbegründet. Diese basieren dann auf dem Unverständnis der Erwachsenen, aus welchem Grund der Nachwuchs vergleichsweise
viel Zeit mit dem Handy verbringt.

Sozusagen ein Missverständnis zwischen den Generationen?

Prenn: Mitunter. Das Handy ist heutzutage quasi ein Multitaskingwerkzeug und vereint Telefon, Fotoapparat, Wecker, Uhr, Kalender, Walkman, Computer und anderes mehr. Das heißt, es wird vieles per Handy erledigt, wofür es früher mehrere Geräte brauchte. Dabei ist das Telefonieren gar nicht mehr die wichtigste Funktion. Diejenigen, die ihr Handy zum Lebensmittelpunkt machen, sind meist jene, die, wie gesagt, im realen Leben nicht die Beachtung und Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen. Eine weitere wesentliche Komponente ist die Vorbildwirkung der Eltern. Wenn diese selbst nicht im richtigen Maß mit Smartphone und Co. umgehen können, dann wird das für Jugendliche auch schwer zu lernen.

Wann ist Ihrer Meinung nach
ein Kind alt genug für ein eigenes Handy?

Prenn: Wenn das Kind von der Volksschule in eine weiterführende Schule wechselt, kann man sich als Elternteil diesen Schritt überlegen. Davor brauchen die Kleinen kein eigenes Handy. Im Bedarfsfall – zum Beispiel bei einem Ausflug – können Mama oder Papa ihr Handy der Tochter oder dem Sohn leihen. Denn es muss klar sein, dass ein Smartphone auch die Tür zu den Gefahren des Internets öffnet. Es gilt zudem abzuklären, wie groß überhaupt der Wunsch des Kindes nach einem Handy ist.

Wie gehen Eltern diesbezüglich am besten vor

Penn: Indem man den Nachwuchs fragt, wie viel er finanziell dazu beitragen will. Wenn es weniger als die Hälfte ist, dann ist das Bedürfnis nach dem neuesten Iphone wohl doch nicht so groß. Bevor man dem Nachwuchs ein Handy zur Verfügung stellt, sollten zudem klare Regeln vereinbart werden. Die Eltern können mit ihren Kindern einen familieninternen Handyvertrag ausarbeiten. Da kann zum Beispiel festgehalten werden, dass während des gemeinsamen Mittagessens, dem Lernen oder nachts handyfreie Zone herrscht. Man kann auch gemeinsam mit dem Nachwuchs zu einem vereinbarten Zeitpunkt die Inhalte des Handys durchsehen und kritische Funde besprechen. Der Umgang mit den sogenannten Neuen Medien ist vor allem ein Erziehungsthema. Dabei geht es darum, Grenzen zu setzen, Freiheiten zu gewähren und das Selbstbewusstsein zu stärken.

Sind Kinder in Sachen soziale Medien, Computerspiel- und Handysucht besonders gefährdet?

Prenn: Es trifft genauso Erwachsene. Prinzipiell kann gesagt werden, dass Computerspiel­ssucht vor allem ein männliches Problem ist. Frauen sind eher im Kommunikationsbereich gefährdet. Die ältere Generation hat allerdings den Vorteil, dass sie sich noch an Zeiten ohne Smartphone und Facebook erinnern kann und nicht schon damit aufgewachsen ist. Für die Jungen ist das meist gar nicht vorstellbar. Bei neuen technischen Errungenschaften ist es oftmals so, dass es eine mitunter bedenkliche Richtung einschlägt, bevor es sich wieder einpendelt und das Interesse nachlässt. Prinzipiell gilt: ohne Lebenskompetenz keine Medienkompetenz.

Was macht die Faszination von Computerspielen aus?

Prenn: Bei allen digitalen Medien und beim Computerspiel im Speziellen wird das Erwartungs- und Belohnungshirn perfekt bedient, indem diese schnelle Erfolgserlebnisse bieten. Dadurch ist der Suchtfaktor extrem hoch. Viele Kinder sitzen allerdings aus Langeweile vor dem PC oder der Konsole. Daher ist es wichtig, ihnen medienfreie Alternativen anzubieten. Am besten sind gemeinsame Unternehmungen im Freien. Denn die Therapie eines computerspiel­süchtigen Kindes ist schwer, da es im Gegensatz zu einem Erwachsenen über keine Referenzen verfügt, wie das Leben vor der Sucht war.

Wo wird Betroffenen beziehungsweise auch deren Angehörigen geholfen?

Prenn: Man kann jederzeit anonym bei der Supro anrufen, um eine erste Einschätzung der Situation durch einen Experten zu erhalten. Zudem gibt es Suchtberatungsstellen und Psychotherapeuten im Land, die sich auf diesem Gebiet auskennen. Wichtig ist auf jeden Fall abzuklären, was dem eigentlichen Problem, der Sucht, zugrunde liegt. Denn es nützt nichts, Symptome zu behandeln, wenn der Betroffene dafür nicht die Fähigkeiten erlangt, außerhalb der virtuellen Welt zurechtzukommen.

Information

Supro

Andreas Prenn ist dreifacher Familienvater und Stellenleiter der Supro-Werkstatt für Suchtprophylaxe

Am Garnmarkt 1, Götzis

Tel.: 05523/54941
info@supro.at www.supro.at

www.saferinternet.at

www.handywissen.at

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