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Der Arrangeur von Schallereignissen

Der Schlinser Komponist Gerold Amann wird 80. Musik schreibt er immer noch – in seinem ureigenen Amann-Stil und am Computer.

Von Susanne Geißler

Am Dienstag feiert er seinen 80. Geburtstag, der Wegbereiter der Neuen Musik im Ländle. Zum Thema Älterwerden sagt Gerold Amann nur: „Der Mensch muss mutig sein, wenn er alt wird. Damit er seinen Humor nicht verliert.“ Und für eine Sekunde wirkt er sehr ernst. Doch schnell huscht es wieder über sein Gesicht, das für ihn typische spitzbübische Lächeln, das ihn wesentlich jünger wirken lässt.

Überhaupt liebt es der Schlinser, die Dinge auf eine komische lustige Art zu präsentieren. Und er blickt auch gerne auf sein Leben zurück. Der Komponist hat dem Land so außergewöhnliche Dinge wie zum Beispiel das Laienspiel „Die Vögel“, bei dem die Darsteller der Vögel ausschließlich über Interjektionen miteinander kommunizieren, oder Konzerte mit tanzenden Baggern und morsenden Maschinen geschenkt. Interjektionen sind universell verständliche Laute, die mit einer Betonung verbunden werden, wie zum Beispiel „hm?“ oder „mhm!“. Und wenn dieser Mann von den Anfängen seiner Liebe zur Musik erzählt, tut er das auch nicht auf gewöhnliche, sondern auf unterhaltsame Art und Weise.

Beobachtet genau. „Ich wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Schnifis geboren. Als Kind wurde ich bei dem Versuch zu juchzen zurechtgewiesen. ‚Jetzt wird nicht gejuchzt, jetzt ist Krieg‘, haben sie zu mir gesagt“, erzählt er und untermalt das Gesagte mit theatralischen Handbewegungen. Dann fährt er fort: „Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, habe ich im Radio eine Bruckner-Sinfonie gehört. Von dem Moment an war ich fest entschlossen: ‚So etwas möchte ich auch einmal können.“ Er habe sich ans Klavier gesetzt und versucht, dem Instrument solche Töne zu entlocken – ohne bis dahin richtigen Klavierunterricht gehabt zu haben. Irgendwann habe ihn seine Mutter dann zur Seite genommen und gesagt, dass das so nichts wird. Daraufhin ging er auf den Dachboden. Von dort hatte er einen guten Blick auf die Umgebung. Er sah die Berglandschaft und beschloss, diese mit Noten nachzuzeichnen. In dem Moment wurde die Methode geboren, die Amann sein gesamtes restliches Musikerleben häufig anwenden würde: Genau zu beobachten und das Gesehene dann in Musik umzuwandeln. Als Junge setzte er sich nämlich anschließend wieder ans Klavier und hörte sich an, wie das, was er da gerade geschaffen hatte, nun eigentlich klang.

Will Innovatives. Heute schreibt der Komponist, der in Graz Musik studierte und später am Bundesgymnasium Bludenz Musik und am Landeskonservatorium Komposition unterrichtete, seine Partituren auf dem Computer. In manchen Bereichen, wie etwa der Technik, ist er sehr gerne mit der Entwicklung der Zeit mitgegangen. In anderen weniger. An manchen Tendenzen stößt er sich sogar sehr. Vor allem an der Entwicklung der Musik, wie er immer wieder betont. Es gibt für seinen Geschmack heute zu wenige im Land, die etwas wirklich Individuelles schaffen. Er wirft den Vertretern der herrschenden Postmoderne vor, sie würden häufig nur traditionelle Sachen nutzbar machen.

Eigenes bringen. Amann jedoch schätzt Leute, die etwas Neues bringen, Innovationen. Er habe auch alle seine Schüler dahingehend unterrichtet, dass sie das Eigene hervorkehren sollten. Und die Namen derer, die bei ihm „in die Lehre gingen“ können sich sehen lassen: Herbert Willi, Georg Friedrich Haas, Gerald Futscher, Michael Floredo oder Johanna Doderer, um nur einige zu nennen. „Ich wollte keine kleinen Amännle aus ihnen machen“, sagt Amann und nickt energisch mit dem Kopf. Er selbst habe auch immer versucht sein ganz Eigenes, „Amanntypisches“ zu kreieren.

Und ganz eigen war und ist seine Musik allemal. Er ließ zum Beispiel Traktoren und Blasmusikkapellen durch einen Tunnel fahren und gestaltete daraus ein Konzert. Er untersuchte, ob mit dem Echo Kanon gesungen werden kann und ließ in seinen Stücken Kunstkäse von Ohrwürmern zerfressen. Er beschäftigte sich mit Vogel- und Gibbongesängen und unterhielt seine Zuschauer mit einer Hassgeschichte über die Liebe. „Ich traue meinem Publikum eben etwas zu“, erklärt der Schlinser dazu nur. „Es sind kompetente Leute.“ Dadurch habe er im Land eben 100 Zuhörer und nicht 100.000.“ Bildlich gesprochen.

Gesellschaftskritik. Seine Werke sind durchaus auch gesellschaftskritisch zu sehen. „Ich wollte mit meiner Musik nie die Welt beglücken, sondern immer in Vorarlberg etwas verändern. Ich habe immer dieses Land gemeint“, sagt er. Er legte sich über die Jahre das eine oder andere Mal mit Kulturpolitikern oder anderen Verantwortlichen an. Schon sein allererstes Laienspiel „Goggalori“, das im Jahr 1973 auf der Burgruine in Schlins aufgeführt wurde, wurde heiß diskutiert. „Es ging um den Untergang der bäuerlichen Kultur“, erklärt Amann. „Würde das Werk einem Jugendlichen von heute vorgespielt, könnte der damit nicht mehr anfangen. Als wenn ich ihm eine indische Sage vorführen würde. Er hätte keine Ahnung, worum es geht.“

Im Nachhinein gesehen sei es kein Zufall, dass er das Stück ausgerechnet „Goggalori“ genannt habe. „Goggalori heißt Spinner. Es ist zwar in gewisser Weise nett gemeint, aber es besagt doch, dass jemand ein Spinner, ein Träumer ist. So wurde ich schon als Junge manchmal genannt“, erinnert er sich. Und von manchen im Land wurde und wird er wohl immer noch als solcher gesehen.

Großer Name. „In den 1970er- bis 1990er-Jahren war Vorarlberg ein ungemein offenes Land. Es brach nicht die große Begeisterung aus, aber ich konnte arbeiten und tun, was ich wollte, und habe Aufträge bekommen“, erörtert er. Und er machte sich einen recht großen Namen. Das sagt er allerdings nicht dazu. Ab den späten 1990er-Jahren habe sich die Situation für ihn dann aber fast ins Gegenteil verkehrt. „Ich habe eigentlich selbst keine Erklärung dafür. Ich nehme eben zur Kenntnis, dass das halt nicht mehr meine Zeit ist“, meint er und es wird klar, dass Amann darüber doch enttäuscht ist.

Doch er lässt sich nicht abbringen. Der „Arrangeur von Schallereignissen“, wie er sich selbst nennt, schreibt weiterhin Musik. Und so findet sich auf einer seiner Partituren für Akkordeonspieler über den Noten zum Beispiel die Bemerkung: „Leertaste seitlich des Bassregisters ziehen und drücken. Ergebnis: der Blasbalg ‚atmet‘.“ Amann möchte tatsächlich, dass die Musiker nach gewissen rhythmischen Vorgaben mit ihrem Instrument ein Geräusch machen, das wie Luft holen klingt.

Treu geblieben. Darauf angesprochen, ob er etwas anders machen würde, könnte er sein Leben noch einmal leben, sagt er: „Nein. Klar, manchmal habe ich mich mit einem Falschen angelegt oder bin etwas von meinem Weg abgekommen, aber im Großen und Ganzen bin ich mir immer treu geblieben.“

Und das ist es, was für ihn wirklich wichtig ist. Er habe immer aus einem inneren Drang heraus agiert. „Und ich muss schon auch ganz klar sagen: Dass ich tun konnte, was ich wirklich wollte, und damit auch noch in hohem Maße erfolgreich war, ist doch ein großes Geschenk.“

<p class="caption">Bild links: Auf einem Klavier machte er seine ersten Musiker-Gehversuche. Auf einem Klavier hört er sich auch heute noch an, was er geschrieben hat. Bild rechts: Amann schreibt seine Werke am Computer.   Klaus hartinger (4)</p>

Bild links: Auf einem Klavier machte er seine ersten Musiker-Gehversuche. Auf einem Klavier hört er sich auch heute noch an, was er geschrieben hat.
Bild rechts: Amann schreibt seine Werke am Computer.   Klaus hartinger (4)

<p class="caption">Die Ziehharmonika seines Bruders hält Amann in seinem Arbeitszimmer in Ehren.</p><p class="credit" />

Die Ziehharmonika seines Bruders hält Amann in seinem Arbeitszimmer in Ehren.

„Der Mensch muss mutig sein, wenn er alt wird. Sonst verliert er seinen Humor.“

Gerold Amann, „Arrangeur von Schallereignissen“

Gerold Amann

Komponist

geboren am: 31.10.1937 in Schnifis

wohnt in: Schlins

verheiratet, Kinder

Werkliste: Kammermusikalische Werke, Orchesterwerke, Lieder und Chorwerke, Singspiele, Musiktheater, Musicals, Stücke für Blasmusik; Kunst am Bau

Aufführungen: Musikprotokoll im steirischer herbst Graz, Forum für zeitgenössische Musik Feldkirch, Internationales Musikfest Kiew, Bregenzer Festspiele, Wien, Salzburg, Rostok, Breslau, Krakau, Riga, Helsinki, Malmö, Chios, Chania (Kreta), New York, Indianapolis, Ohio (Erie), Boston, Shanghai, Peking, Kanton; TV-Ausstrahlungen: Goggalori, Spektakel, Waldeslust, Das Lederhosenballett; Zeitton-Porträt ORF u.a.

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