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Evangelium

Gebote der Liebe wegen

In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie bei ihm zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

Mt 22, 34–40

Religionen wird vielfach vorgeworfen, sie würden das Leben bis ins kleinste Detail reglementieren. Da gibt es Essens- und Kleidungsvorschriften, Regeln zu korrektem Sexualverhalten sowieso bis hin zu ganzen Sündenregis­tern, die das gesamte zwischenmenschliche Verhalten bewerten. Als männlicher Sikh etwa darf ich mir die Haare mein Leben lang nicht schneiden, bin ich hingegen ultraorthodoxe verheiratete Jüdin, so darf ich sie nicht zeigen, sondern sollte sie unter einer Perücke oder einem Tuch verbergen. Als lust- und lebensfeindlich werden diese Gesetze immer wieder gebrandmarkt und stoßen oft auf Unverständnis. Besonders wenn ich Muslima bin und ein Kopftuch trage. Warum soll ich mich an einschränkende religiöse Gebote halten, wenn das Nichteinhalten in einer religionskritischen Gesellschaft ohnehin anerkannter ist?

Jesus war vor 2000 Jahren einer, der sich diesen modernen Gedanken wahrscheinlich ähnlich gestellt hat. Viele Gesetze und Gebote haben für ihn nur eingeschränkt Sinn gemacht. Man denke hier zum Beispiel an das Sabbatgebot, an dem das Ährenpflücken wie das Heilen verboten waren, oder an die soziale Vorschrift, den Umgang mit Heiden und Sündern zu meiden. Und dennoch war Jesus ein streng praktizierender Jude, der sich an Fasten- und Essensvorschriften gehalten hat, der die Feste ordnungsgemäß gefeiert hat und sich beinahe ausschließlich mit Juden und Jüdinnen umgeben hat.

Die unterscheidende Sache bei Jesus ist die, nach der er im heutigen Evangelium gefragt wird. Nämlich die Frage nach dem, was am wichtigsten ist. Und das ist für Jesus das dreifache Liebesgebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Diese drei sind die Substanz jeglicher Gesetze und Gebote. Hängen sie nicht miteinander zusammen, so sind sie unsinnig weil liebesfeindlich. In seinem Leben prüft Jesus die Gebote auf ihren Liebesgehalt und trifft nach der konkreten Beurteilung der Situation eine Entscheidung, ob das Gesetz nun einzuhalten ist oder nicht.

Dass Pharisäer und Sadduzäer, die religiöse jüdische Elite damals, damit keine Freude haben, weil ihre Macht dabei ausgehöhlt wird, versteht sich von selbst. Ebenso sollten wir uns nicht anmaßen – sowohl von religiöser als auch von säkularer Seite aus – von außen zu urteilen, ob religiöse Gebote nun fundamentalistisch einzuhalten oder abzulehnen sind. Entscheidend ist der Liebesgehalt darin. Und da wäre es ohnehin vermessen von außen zu urteilen, ob dem so ist. So bleibt nur die Frage an mich selbst: Woran halte ich mich denn, der Liebe wegen?

<p class="caption">Karin Schindler-Bitschnau, katholische Religionslehrerin</p>

Karin Schindler-Bitschnau, katholische Religionslehrerin

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