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Der Schritt über die eigenen Grenzen

Ursprünglich war Flamenco nur ein Hobby für Robin-Bowman. Stiplovsek (5)

Ursprünglich war Flamenco nur ein Hobby für Robin-Bowman.

 Stiplovsek (5)

Die USA verließ Rachel Robin-Bowman mit dem Ziel, Opernsängerin zu werden. Angekommen ist sie in Vorarlberg – als Flamenco-Tänzerin und -lehrerin.

Von Johannes Hofer

Die Erinnerungen sind frisch, auch wenn es bereits Jahrzehnte her ist. „Ich bin vor dem Fernseher gesessen, und die Tränen rannen mir über das Gesicht“, sagt Rachel Robin-Bowman. Was die US-Amerikanerin da als Jugendliche im Jahr 1985 auf dem Bildschirm sah, gab letztlich den Anstoß zu ihrer Karriere. Eine Karriere, die sie bis nach Hohenems führen sollte, wo die Tanzlehrerin heute das Flamenco-Studio Llegando führt.

Abschied. Allein, ein geradliniger Weg war es nicht, den Robin-Bowman verfolgte. Denn die Fernsehsendung hatte mit Flamenco herzlich wenig zu tun: Es war der Abschiedsauftritt der Opernsängerin Leontyne Price. Ein letztes Mal gab die berühmte Sopranistin die Aida, dann markierten ein Rosenregen und 25-minütiger Applaus ihren Abschied von der großen Bühne. Für Robin-Bowman war klar: So eine Karriere wollte sie auch. Im Rampenlicht stehen, die Menschen mit ihrer Stimme verzaubern, nach furiosen Auftritten beschenkt werden. Am nächsten Tag malte sie Leontyne Price in Lebensgröße an ihre Zimmerwand. Sie nahm Gesangsstunden, begann später ein entsprechendes Studium an der Juilliard School, einem renommierten Musikkonservatorium in New York.

Bei ihren Eltern dürfte sie mit dieser Wahl offene Türen eingerannt sein. Musik hatte in der Familie der Wahl-Vorarlbergerin seit jeher eine große Rolle gespielt. Ihr Vater war evangelischer Pfarrer, die Mutter leitete den Kirchenchor, dementsprechend viel Zeit verbrachte sie in der Kirche mit Musizieren. Es war „irgendwie vorgezeichnet“, dass sie singen sollte, findet Robin-Bowman heute.

Ausgleich. Allerdings verspürte die Amerikanerin schon während des Gesangsstudiums den Drang zum Tanzen. „Die ganze Zeit im Proberaum zu verbringen und zu singen, war fad. Mir fehlte die Bewegung“, erzählt die 47-Jährige. Was sie genau wollte, wusste sie nicht. Also suchte sie sich ein Tanzstudio, verkündete schlicht: „Ich habe am Samstag um drei Zeit. Was gibt es da für mich?“

Zwei Kurse standen um diese Zeit auf dem Programm: ein afrikanischer Tanzstil und Flamenco. Robin-Bowman entschied sich nach ein paar Schnupperstunden für letzteren. „Es entsprach einfach mehr meinem Wesen. Und natürlich gab es da diese schönen Klamotten“, erzählt sie. „Und die Lehrerin war sehr ‚flamenca‘.“ Dramatisch, divenhaft, ausdrucksstark, meint sie damit wohl – eben das, was die damals 25-Jährige auch an der Oper faszinierte.

Intensivierung. Noch war das Flamenco-Tanzen jedoch nur Hobby. Nach ihrem Master-Abschluss ging Robin-Bowman nach Spanien. Ein Stipendium ermöglichte ihr, sich in die dortige Gesangskultur zu vertiefen – auch in Flamenco-Tanz und -Kastagnettenspiel. Die Liebe zu dieser Stilrichtung wuchs, das Tanzen blieb indes reiner Ausgleich.

Schließlich war es für die junge Sängerin Zeit, einen Weg zu gehen, der typisch sei für amerikanische Opern-Anwärter: nach Deutschland. Robin-Bowman zog nach München, um bei Agenturen vorzusingen und so ins Geschäft einzusteigen. „Das war so anstrengend. Es gab extrem viel Konkurrenz“, erzählt sie. Vor allem habe ihr das nötige Durchhaltevermögen gefehlt, um die ewig gleichen Absagen wegzustecken: „Vielleicht nächstes Jahr.“ Oder: „Wow, super Stimme! Aber wir brauchen Sie jetzt nicht.“

Übergang. Mit der Zeit bemerkte Robin-Bowman, dass sie immer mehr tanzte und sich immer weniger im Gesang übte. Bis sie schließlich zu der Überzeugung kam, dass es besser wäre, das Singen ganz bleiben zu lassen. Leicht fiel es ihr trotzdem nicht, diesen Schritt zu tun. „Es war schlimm, wie eine Scheidung“, sagt sie.

Dazu kam, dass Robin-Bowman allmählich in den Zustand gerutscht war, wie er sich nach einem Kulturschock einstellt. „Ich hatte meinen Aufenthalt in Europa anfangs nur als Übergangszeit angesehen. Aber plötzlich wurde mir klar, dass sich mein Leben jetzt dauerhaft hier abspielt. Zu allem Überfluss zwangen mich meine Freundinnen, Deutsch zu lernen, und es fiel mir so schwer, mich auszudrücken.“

Dafür habe sie sich – quasi als Kompensation – rasch ganz dem Tanzen hingegeben. Finanziell über Wasser hielt sie sich zu dieser Zeit mit Büroarbeiten und als Kindermädchen, fuhr daneben oft nach Spanien und trat mit ihrem damaligen Partner auf. Dieser war ein in der Szene bekannter Flamenco-Gitarrist.

Mit ihrem Freund zog Robin-Bowman schließlich nach Kärnten, bezog dort ein Haus. Doch wirklich angekommen an ihrem Bestimmungsort war sie da noch nicht, wie sich herausstellte. Als die Beziehung in die Brüche ging, übersiedelte sie nach Vorarlberg. „Komm doch zu uns“, hatten einige Bekannte hierzulande bereits früher immer wieder gesagt. Denn die Amerikanerin hatte sich in Deutschland und Österreich mittlerweile in der Flamencoszene etabliert und regelmäßig Workshops veranstaltet.

Berufung. Eigentlich hatte Robin-Bowman sich auf der Bühne gesehen: erst als sterbende Operndiva, dann als leidenschaftliche Flamenca. Doch schließlich wurde ihr klar, dass das Unterrichten ihre eigentliche Berufung ist: „Der Prozess, den Tanzschüler durchmachen, interessiert mich mehr als die Auftritte.“ Wer sich selbst offen gegenüberstehe, beim Tanzen die eigenen Grenzen auslote und auch mal überschreite, der entwickle sich in vielerlei Hinsicht weiter. Auch, aber eben nicht nur in Bezug auf die körperlichen Fähigkeiten. Indem neue Bewegungsabläufe geübt werden, bilden sich zugleich auch neue Verknüpfungen im Gehirn. Beim Flamenco sei es gut möglich, verschiedene, teils extreme Qualitäten auszuprobieren, erklärt die angehende Tanztherapeutin. „Das Sanfte und die Power-Sachen“, wie sie es umschreibt.

Die Technik sei letztendlich zweitrangig. Doch wer drei bis vier Jahre lang ernsthaft Flamenco tanze, der werde ein anderer Mensch, erklärt die Wahl-Dornbirnerin. „Kein besserer. Aber ein anderer. Es geht darum, sich selbst kennenzulernen.“

Eben diese stetige Weiterentwicklung wollte Robin-Bowman auch im Namen ihres Studios festhalten: „Llegando“. Das sei Spanisch für „ankommend“, erläutert sie. Mit einem „d“ am Ende. Damit möchte sie ausdrücken, dass auch erreichte Ziele letztlich nur Etappen sind, jeder Schritt ein Zwischenschritt. Im Leben gehe es ja darum, sich immer wieder zu überlegen: „Wo möchte ich noch ankommen?“

Am rechten Fleck. Robin-Bowman wird sich diese Frage in nächster Zeit wohl nicht so schnell stellen. Erst im September hat sie die Räumlichkeiten auf dem Hohenemser Kästle-Areal bezogen. „Jetzt habe ich das, was ich immer wollte“, sagt sie. Auch wenn es lange gedauert hat, bis sie über die verpasste Opernkarriere hinweg war, trauert sie dieser nun nicht mehr nach. „Ich glaube, es ging mir eigentlich nicht ums Singen“, stellt Robin-Bowman für sich fest. „Ich strebte nach etwas anderem, Unerreichbarem. Obwohl ich den Gesang liebte, war das nie wirklich meins.“ Und doch hat sie dieser Weg an den Ort geführt, der der richtige für sie ist: Das Studio Llegando, wo stetige Neu-Ankunft auf dem Programm steht. Als Rachel Robin-Bowman 1985 der Schlussarie von Leontyne Price lauschte und ihr die Tränen übers Gesicht rannen – da hat sie sich wohl nicht gedacht, dass sie sich einmal in Hohenems angekommen fühlen wird.

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In ihrem neuen Studio „Llegando“ fühlt sich die gebürtige US-Amerikanerin bestens aufgehoben.

Zur Person

Rachel Robin-Bowman

Geburtsort: Grand Rapids, MI

Wohnort: Dornbirn

Ausbildung: Master of Music, Fortbildungen im Flamenco-Bereich, derzeit Ausbildung zur Tanztherapeutin

Familie: verheiratet, ein Sohn aus erster Ehe

Hobbys: Wandern, Lesen

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