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Grenzgang zwischen Risiko und Erfolg

Hansjörg Auer spricht offen über die Kehrseiten des sportlichen Erfolgs. Damiano Levati (1), Elias Holzknecht (1), Lukas Ennemoser (1)

Hansjörg Auer spricht offen über die Kehrseiten des sportlichen Erfolgs.

 Damiano Levati (1), Elias Holzknecht (1), Lukas Ennemoser (1)

Im Gespräch. Kletterer Hansjörg Auer spricht über sein neues Buch, den Verlust eines langjährigen Freundes, Leistungsdruck und die Liebe zu den Bergen.

Von Rubina Bergauer

Sie sind vor Kurzem von einer Expedition aus dem Himalaya zurückgekommen. Sie haben versucht, den Südostpfeiler am Annapurna III erstzubegehen. Wie ist es gelaufen?

Hansjörg Auer: Wir haben nicht erreicht, was wir wollten – die Erstbesteigung auf dieser Route hat nicht geklappt. Das ist natürlich enttäuschend. Aber die Erfolgschancen beim Expeditionsklettern sind nun einmal recht gering. Rund zwei Drittel der Vorhaben sind nicht erfolgreich – manchmal ist man bereits nah dran. Dann gibt es wieder Projekte, bei denen man sich verschätzt hat, weil man nur auf Erfahrungswerte von anderen zurückgreifen kann und sich die geplante Expedition als gefährlicher oder viel schwieriger herausstellt, als zunächst angenommen. Dazu muss man die perfekten äußeren Bedingungen vorfinden. Zumindest konnten wir auf die Ama Dablam (6812 m, Anm.) klettern.

Anfang November ist Ihr Buch „Südwand“ erschienen. Reinhold Messner hat das Vorwort verfasst. Was verbindet sie beide?

Auer: Reinhold Messner kenne ich seit einigen Jahren. Er verfügt über sehr viel Erfahrung und wir haben unter anderem für seinen Film „Still Alive“ zusammengearbeitet. Zudem habe ich ihm meine Ausrüstung von meiner Free-Solo-Begehung des „Weg durch den Fisch“ an der Marmolado Südwand aus dem Jahr 2007 für sein Museum überlassen. Reinhold hat angeboten, das Vorwort für mich zu schreiben. Das ist natürlich eine Aufwertung für mein Buch.

In ihrem Buch erwähnen Sie, dass Sie bereits als Bub mit Ihrem Vater in den Bergen unterwegs waren. Hat er Ihre Leidenschaft für den Alpinismus geweckt?

Auer: Die Liebe zu den Bergen habe ich bestimmt von meiner Mama mitbekommen, den Drang, Großes zu erreichen, eher von meinem Papa (lacht). Meine Eltern sind keine Kletterer. Ich denke, meine Brüder und ich haben diesen Sport in unserer Sturm- und Drang-Phase für uns entdeckt. Wenn man jung und fanatisch ist, dann will man eben extremere Sachen machen.

Ihre Projekte und Expeditionen sind immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Wie geht Ihre Familie damit um?

Auer: Natürlich ist es nicht leicht für sie, mich gehen zu lassen. Aber ich habe ja nicht von heute auf morgen mit Himalaya-Expeditionen gestartet. Das ist ein langer Prozess, der es auch den Menschen in meinem Umfeld ermöglicht, sich auf die Situation einzustellen. Meine Mama weiß außerdem, dass ich auch umdrehen kann. Dass der Gipfelsieg kein zwanghaftes Muss ist, wenn die Umstände dafür nicht passen. Ich habe nicht vor, russisches Roulette zu spielen, und ich glaube, das ist für die Angehörigen beruhigend zu wissen. Ein gewisses Restrisiko bleibt jedoch bestehen.

Im Jahr 2007 sind Sie an der Marmolado Südwand den „Weg durch den Fisch“ free solo geklettert und wurden quasi über Nacht in der Szene bekannt. Von ihrem Vorhaben wussten aber ursprünglich nur wenige Eingeweihte. Warum?

Auer: Wenn ich ohne Seil durch eine Felswand in den Dolomiten klettere, dann ist das etwas, das Freunde und Familie nicht bewundern. Sie würden eher versuchen, es einem auszureden, da es sich um ein risikoreiches Unterfangen handelt. Ich wollte niemanden damit belasten, deswegen habe ich es nur meinen Eltern und meinem Bruder erzählt. Denn bei der Familie ist solche Geheimhaltung nicht angebracht. Sie hat ein Recht, über solche Vorhaben Bescheid zu wissen.

Sie selbst hatten nie Zweifel am Erfolg der Solo-Tour?

Auer: Nein. Man entschließt sich ja nicht spontan zu einer Solo-Klettertour. Ich habe jahrelang auf den perfekten Moment gewartet, denn für so ein Projekt muss alles stimmen. Wenn ich dann am besagten Tag mit Zweifeln gestartet wäre, dann wäre bereits im Vorfeld etwas schiefgelaufen.

Inwiefern hat dieser Tag Ihr Leben verändert?

Auer: Der Beantwortung dieser Frage widme ich in meinem Buch einen großen Teil. Die Zeit danach war auch von Schwierigkeiten geprägt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese Klettertour so viel Aufsehen erregt. Auf einmal haben mich die Leute erkannt. Man hat das Gefühl, dass man unter Beobachtung steht. So ein Erfolg hat zwei Seiten: einerseits die Bewunderung, die einem zuteil wird, wenn man Außergewöhnliches leistet. Andererseits wird man als Spinner abgestempelt. Es braucht viel Energie, um da drüber zu stehen.

Nach einer herausragenden Leis­tung, wie Sie diese erbracht haben – ist der Druck groß, wieder so etwas zu schaffen?

Auer: Ich bin überzeugt, dass man solche Vorhaben in erster Linie für sich selbst umsetzen muss. Aber sicherlich gibt es auch eine gewisse Erwartungshaltung, vor allem wenn man vom Sport lebt. Doch wenn die Motivation für die Projekte nicht aus einem selbst kommt, dann kann das auf Dauer nicht funktionieren. Dazu muss in dieser Sportart zu viel investiert werden. Deshalb ist es auch immer ein zweischneidiges Schwert, wenn man bereits in jungen Jahren von einer Firma unter Vertrag genommen wird. Dann ist automatisch dieser Leistungsdruck da und man hat weniger Zeit, in die ganze Sache hineinzuwachsen. Gott sei Dank bekam ich diese großen Verträge damals nicht angeboten. Das wichtige bei Expeditionen ist und bleibt der Berg, Filmaufnahmen, Fotos – all das sollte nicht obers­te Priorität haben.

Sie gehen auch offen damit um, eine Essstörung überwunden zu haben.

Auer: Ja, mittlerweile kann ich darüber sprechen beziehungsweise schreiben. Vor einigen Jahren wäre das nicht der Fall gewesen. Das war kurz nach der Klettertour durch „den Fisch“, als ich plötzlich bekannt war. Ich hatte das Gefühl, zu 100 Prozent funktionieren und die totale Kontrolle haben zu müssen. So bin ich in die Essstörung gerutscht. Im Sommer 2007 habe ich mir in den Dolomiten auch noch zwei Wirbel geprellt. Da habe ich dann gemerkt, dass das so nicht mehr geht.

Im Jahr 2015, beim Abstieg vom Nilgiri South ist Ihr Freund Gerry Fiegl tödlich verunglückt. Wie verarbeitet man so eine Tragödie?

Auer: So ein Unglück drängt alles andere in den Hintergrund und vieles im Leben verliert plötzlich an Bedeutung. Kurz nach dem Absturz ist einem das ganze Ausmaß noch gar nicht so bewusst, denn wir waren mitten im Abstieg und mussten uns konzentrieren, um vom Berg herunterzukommen. Aber sobald man im Basislager zur Ruhe kommt, trifft es einen in voller Härte. Es ist genau das passiert, was man immer vermeiden will. Wir sind zu dritt zu dieser Expedition aufgebrochen und zu zweit nach Hause zurückgekehrt. Das ist unglaublich schwer. Meine Freundschaft zu Alex Blümel, der damals dabei war, ist durch das Erlebte intensiviert worden.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der heutige Alpinismus von der Reduktion lebt. Wie ist das gemeint?

Auer: Gewisse Projekte funktionieren nur, wenn man an Ausrüs­tung, Proviant und Ähnlichem spart. Nur auf diese Weise kommt man so weit beziehungsweise hoch. Allerdings wird es dadurch sehr schnell sehr schwierig, wenn etwas passiert, mit dem man nicht gerechnet hat. Doch das Ganze wird vorab im Team besprochen – jeder weiß folglich um die Konsequenzen. Am Berg ist jeder für sich selbst verantwortlich. Natürlich versucht man zu helfen, wenn etwas passiert. Doch in großer Höhe ist das meist nicht leicht, manchmal sogar unmöglich. Ich denke, dieser Umstand ist für Außenstehende schwer zu realisieren.

Welche Projekte stehen als Nächstes an?

Auer: Ganz ausgereift sind die Pläne noch nicht, aber im Frühjahr geht es eventuell nach Alaska und danach nach Pakistan. Aber zunächst werde ich daran arbeiten, wieder genug Ausdauer und Muskelmasse aufzubauen. Denn beides verliert man nach längeren Aufenthalten in großer Höhe.

Die NEUE verlost ein signiertes Exemplar des Buchs „Südwand“ von Hansjörg Auer. Teilnahme am Gewinnspiel: E-Mail mit Kennwort „Südwand“ bis Mittwoch an elisabeth.weber@neue.at

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Mit Reinhold Messner arbeitete Auer zusammen.

Zur Person

Hansjörg Auer

Hansjörg Auer (geboren 1984 in Zams) ist ein österreichischer Kletterer. Er wurde insbesondere durch die Free-Solo-Begehung der Route „Weg durch den Fisch“ bekannt. Die Begehung gilt als ein Meilenstein des Free-Solo-Kletterns.

www.hansjoerg-auer.at

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