Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Ein Leben an der vordersten Front

Interview. Als Reporter hat Friedrich Orter Kriegsgeschehen hautnah miterlebt. Im Rahmen der ­Veranstaltung „Mäder trifft“ war er in Vorarlberg.

Von Rubina Bergauer

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie über Afghanistan – konkret über Begegnungen am Vogelmarkt in Alt-Kabul. Was fasziniert Sie an diesem Ort?

Friedrich Orter: Der Vogelmarkt ist eine surreale Oase inmitten des Trubels in dieser für uns Europäer nicht ganz nachvollziehbaren Stadt. Der Krieg ist nach wie vor spürbar. Immer wieder kommt es zu Terroranschlägen durch die Taliban sowie durch Ausläufer des IS. Der Vogelmarkt ist so eine Art Zufluchtsort der traumatisierten Bevölkerung. Die Vogelbeobachtung und -haltung hat in Afghanistan eine jahrhundertealte Tradition, ist sozusagen ein Volkshobby, das bis zu den Königen des Mittelalters zurückdatiert. Auf einen Außenstehenden, sprich einen Europäer, wirken die windschiefen Hütten am Markt in Alt-Kabul bizarr-pittoresk. Wenn ich in der Stadt war, hat es mich immer dorthin gezogen. Denn man trifft dort die interessantesten Typen. Kaufen können sich die wenigstens etwas, es herrscht große Armut. So gesehen ist der Vogelmarkt ein Spiegelbild der Tristesse in diesem Land.

In Afghanistan treffen viele verschiedene Interessen aufeinander. Gibt es Ihrer Meinung nach in absehbarer Zeit Chancen auf eine Entspannung der Lage?

Orter: In absehbarer Zeit sehe ich nicht, dass das Land befriedet werden kann. Es gibt diesbezüglich eine realistische Möglichkeit, die allerdings noch nicht spruchreif ist. 2001 sind die Amerikaner und die NATO-Truppen einmarschiert, 17 Jahre später herrscht immer noch Krieg. Die Taliban werden wieder mächtiger. Hinter den Kulissen gab es bereits öfter den Versuch, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen, man müsste sie de facto an der Regierung beteiligen. Da besteht natürlich die Befürchtung, dass dies in eine konfessionell motivierte Terrorherrschaft ausartet wie bereits geschehen. Inzwischen ist eine neue Generation von Taliban am Ruder, die vielleicht nicht ganz so extrem ist wie vor 20 Jahren. Von einer Forderung werden sie allerdings nicht abweichen – sie sind nur dann bereit, Macht zu teilen, wenn die Amerikaner abziehen. Danach sieht es momentan nicht aus. Im Gegenteil, Trump schickt immer mehr Truppen. Das bedeutet auch mehr Tote.

Hat sich die Kriegsführung in den vergangenen Jahren verändert?

Orter: Es werden nicht nur Bodenoffensiven geführt, sondern es kommen Drohnen zum Einsatz – der unsichtbare Feind aus der Luft. Bei solchen Einsätzen werden immer wieder Zivilisten getötet. Das verursacht zusätzlichen Unmut in der Bevölkerung, und das spielt den Taliban wiederum in die Hände. Ich denke, die Lage wird in Zukunft noch unsicherer werden. Gewalt erzeugt Gegengewalt – das ist in Afghanistan tagtäglich erlebbar.

Was bedeuten solche Entwicklungen für Europa?

Orter: Im Europa des 21. Jahrhunderts werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass uns das Thema Flüchtlinge noch lange beschäftigen wird. Derzeit gibt es beispielsweise noch Hunderttausende Binnenflüchtlinge, die Richtung Kabul oder in den Iran ziehen. Sie werfen der eigenen Regierung vor, dass diese sie im Stich lässt. Von den iranischen Revolutionsgarden wurden immer wieder Flüchtlinge rekrutiert beziehungsweise dazu erpresst, in Syrien zu kämpfen. Bei diesen Menschen herrscht natürlich große Ernüchterung. Und Afghanistan ist nur ein Beispiel für mehrere Krisenherde. Auch aus Afrika sind die Menschen unterwegs nach Europa. Personen, die bei uns abgeschoben werden, haben im Heimatland ein großes Problem, da ihre Familien von ihnen erwarten, dass sie im Westen reich geworden sind. Das führt zu innerfamiliären Spannungen, und oftmals wird der Nächste losgeschickt, um im Westen reich zu werden. Das ist aber natürlich keine Lösung.

In Afghanistan herrscht bereits seit Jahrzehnten Krieg. Wie haben Sie die Mentalität der Menschen erlebt?

Orter: Es ist eine traumatisierte und brutalisierte Gesellschaft, in der Frauen nach wie vor Menschen zweiter Klasse sind, Kinderarbeit ist gang und gäbe. Abgesehen von einigen reichen Kriegsgewinnern – den Waffenschmugglern und Opiumhändlern – fristet die Bevölkerung ein sehr armseliges Dasein. Während meiner Aufenthalte ist mir zudem aufgefallen, dass die Menschen anti-westlicher eingestellt sind, das ist natürlich eine Enttäuschung. Das Kriegsabenteuer der Amerikaner hat weder Freiheit noch eine Verbesserung der Lebensumstände für die Bevölkerung gebracht. Ein Problem ist auch, dass in dieser Stammesgesellschaft üble Figuren aus dem Bürgerkrieg, sprich Kriegsverbrecher, heute mit an den politischen Machthebeln sitzen. Die Regierung ist nicht in der Lage, diese Warlords zu entfernen. Im Gegenteil, sie sind oft auf diese Typen angewiesen, um das Land zumindest scheinbar unter Kontrolle zu halten.

Sie waren an zahlreichen Kriegsschauplätzen. Fällt es nach der Rückkehr schwerer oder leichter, die schönen Dinge im Leben zu sehen?

Orter: Es ist ein surreales Erlebnis. Während der Balkankriege in den 1990er-Jahren war es für mich so, dass ich viele Menschen vor Ort kennengelernt hatte. Oftmals – und das hat meine Frau nie verstanden – ist es mir dann so ergangen, dass ich mich dort wohler gefühlt habe als in Wien. Das ist rational schwer zu erklären. Wenn man mit diesen Menschen gelebt und geteilt hat, mitten im Bosnienkrieg, dann geht einem das sehr nahe. Als ich nach einem Auslandseinsatz ins Flugzeug gestiegen bin und Österreichs auflagenstärkste Zeitung in die Hand bekam, lautete die Schlagzeile „Hundekot-Problem in Wien noch immer ungelöst“. Da wusste ich, „tu felix Austria“ hast andere Sorgen als der Rest der Welt (lacht).

Wieso haben sie sich dazu entschieden, aus Kriegsgebieten zu berichten?

Orter: Das hat sich im Laufe der Jahre so ergeben. Ich habe mich schon als Student für Osteuropa, die Balkan-Region interessiert. Zu Beginn meiner Karriere als Journalist war ich in den 1970er- und 1980er-Jahren viel in diesen Gebieten unterwegs. 1989 kam es dann zur Revolution in Rumänien. Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Gewalt hautnah miterlebt und Gefechtstote gesehen. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ab 1991 braute sich das Unheil in Ex-Jugoslawien zusammen, und durch meine bisherigen Arbeiten bin ich dann auch in dieses Kriegsgeschehen geraten. Für mich stand jedoch immer das Interesse an den verschiedenen Kulturen und Menschen im Vordergrund. Dass diese sich dann derart bekämpfen, geht einem nahe.

Sie haben die Bezeichnung Kriegsreporter für sich aber abgelehnt.

Orter: Das hat den Hintergrund, dass der Begriff Kriegsreporter von den Amerikanern sehr geprägt worden ist. Der sogenannte embedded journalist (engl., eingebetteter Journalist, Anm.) ist derjenige der mit einer Truppe mitreist. Da entwickelt sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl, man ist dann quasi Teil der Kriegsmaschinerie. Ein, zwei Mal mussten wir das auch machen, um in bestimmte Gebiete zu gelangen. Ich habe es aber immer bevorzugt, auf eigene Faust zu recherchieren, nicht dort zu sein, wo die Granaten abgeschossen werden, sondern wo sie einschlagen. Kriegsberichterstatter ist eine noch schlimmere Bezeichnung, diese kommt aus der ­Propagandaschule des Herrn Goebbels.

Was ist Ihrer Ansicht nach wichtiger für die Arbeit in Krisengebieten – Mut oder Vorsicht?

Orter: Meine Devise lautete immer, nie den Helden spielen. Man fährt ja nicht in den Irakkrieg und sagt: Wir sind vom österreichischen Fernsehen, wo ist die Front? Es bedarf einer langen, gezielten und verantwortungsvollen Vorbereitung. Man knüpft Insiderkontakte, die wiederum das Netzwerk erweitern. Als Ausländer läuft man große Gefahr, entführt zu werden. Das ist eine profitable Einnahmequelle. Wir haben am Tag oftmals drei Mal das Auto gewechselt und zwei Mal das Hotel, wenn der Verdacht aufkam, dass wir verfolgt werden. Die beste Lebensversicherung ist Vorsicht und den Kontakten vor Ort zu vertrauen.

Hatten Sie die Hoffnung, etwas verändern zu können?

Orter: Es ist klar, dass man als Reporter keinen Krieg beenden kann. Aber man hat versucht, Bekannten vor Ort unter die Arme zu greifen, indem man Dinge des täglichen Gebrauchs mitbringt, wie Aspirin, Verbandszeug oder Hygieneartikel. Auf diese Weise konnten wir unterstützen, und das wurde auch rührend gedankt. Dann war es trotz allem ­Furchtbaren nicht ganz so hoffnungslos.

Zur Person

Friedrich „Fritz“ Orter wurde 1949 in Sankt Georgen im Lavanttal geboren. Nach dem Studium der Slawistik, Geschichtswissenschaft, Germanistik und Philosophie war Orter als Reporter tätig und ­berichtete hauptsächlich aus Krisengebieten. Nach einem letzten Auslandseinsatz in Syrien ging er 2012 in Ruhestand. Orter ist auch als Autor tätig. Sein neuestes Buch „Der Vogelhändler von Kabul“ ist im ecowin-Verlag erschienen.

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.