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Wenn am Ende der Anfang steht

Braungart nach einem Vortrag in Feldkirch. Klaus Hartinger (3)

Braungart nach einem Vortrag in Feldkirch. Klaus Hartinger (3)

Interview. Der Chemiker Michael Braungart will die europäische Industrie gegenüber chinesischen Konkurrenten stärken und dabei der Umwelt nützen, anstatt ihr weniger zu schaden. Auf Einladung der Jungen Wirtschaft war er kürzlich zu Gast in Vorarlberg – und erklärte, was es heißt, „von der Wiege bis zur Wiege“ zu denken.

Von Johannes Hofer

Sie haben von Gasen berichtet, die sich aus Tapeten lösen, von Schadstoffen in Getränken, von Feinstaub, der durch Laserdrucker anfällt. Da drängt sich der Eindruck auf, dass sich die Menschen jeden Tag auf Schritt und Tritt vergiften. Lässt sich das so sagen?

Michael Braungart: Es geht mir zunächst darum, zu zeigen, dass die Produkte, die jeden Tag verwendet werden, extrem primitiv sind. Sie fassen ein einfaches Thermopapier an, einen Kassenschein, und nehmen dadurch zwei Dutzend Chemikalien auf, die sofort im Blutstrom zu finden sind. Diese Stoffe müssen noch nicht mal giftig sein. Es geht um Substanzen, die sich in Lebewesen anreichern, die Vitalität einschränken, Allergien verursachen, die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Die Lebenserwartung der Menschen steigt zwar, aber wegen solcher Stoffe steigen die Gesundheitskosten. Und niemand hat nach dem Zeug gefragt. Wie auch ein Baby nicht nach den 2800 Chemikalien in der Muttermilch gefragt hat.

Was für Chemikalien sind das?

Braungart: Etwa Weichmacher, Additive oder Hilfsstoffe. Eine Mutter entgiftet sich beim Stillen quasi selbst. Ich möchte in diesem Zusammenhang allerdings betonen, dass Stillen immer noch viel besser ist als Milchpulver und dass dies das Immunsystem des Kindes stärkt. Aber nach neun Monaten sollte abgestillt werden, weil dann der Körper des Babys beginnt, die Schadstoffe in der Muttermilch zu verstoffwechseln.

Das Cradle-to-Cradle-Prinzip soll
unter anderem verhindern, dass über alltägliche Gegenstände Schadstoffe aufgenommen werden. Auf Deutsch übersetzt heißt der Ansatz: „Von der Wiege zur Wiege“. Wie ist das zu verstehen?

Braungart: Wenn alles von der Wiege zur Bahre gedacht würde, wäre die Erde ein großer Müllhaufen. Cradle to Cradle bedeutet, alle Produkte noch mal neu zu erfinden. Alle Dinge, die durch Anwendung kaputtgehen, wie Schuhsohlen, Bremsbeläge, Autoreifen, Waschmittel, müssen in biologische Kreisläufe zurückgehen. Also etwa verrotten, ohne dass dabei Schadstoffe entstehen – alles wird zu Nährstoff. Alle Dinge, die nur genutzt werden, wie etwa Waschmaschinen, Fernseher, gehen in technische Kreisläufe. Das heißt, dass aus den Geräten und Rohstoffen immer wieder neue Produkte hergestellt werden.

Das klingt nach Recycling – was ja nichts Neues ist.

Braungart: Nein, Recycling ist zu wenig. Derzeit ist die Wiedernutzung immer minderwertig, es handelt sich eigentlich stets um Downcycling. Bei Cradle to Crad­le dagegen gibt es keinen Abfall mehr, nur noch biologische oder technische Nährstoffe. Dadurch entstehen bessere und schönere Produkte, weil ich nicht mehr die billigsten Dinge einsetzen muss. Ich kann eine Waschmaschine anstatt mit 150 eben mit fünf Kunststoffsorten herstellen, wenn ich nur 3000 Mal Waschen verkaufe statt einer Waschmaschine.

Das ist bei Ihrem Prinzip wesentlich: Sie fordern, dass Nutzungszeit beziehungsweise Nutzungseinheiten verkauft werden sollten. Welcher Gedanke steckt hier dahinter?

Braungart: Als ich Schüler war, habe ich einen Fernseher auseinandergebaut und darin 4360 Chemikalien gefunden. Und habe dann gefragt: Wollen die Menschen diese Chemikalien haben, oder möchten sie nur fernsehen? Damals wurde ich als Ökokommunist beschimpft, weil das Eigentum quasi Religion war. Dabei sind alle modernen Produkte eigentlich Dienstleistungen. Ich kaufe keinen Kopierer, sondern die Kopie. Ein Mobiltelefon kaufe ich, weil ich es nutzen, nicht besitzen will.

Das Prinzip fußt also darauf, dass die Produkte nach einer gewissen Zeit wieder zurückgegeben werden?

Braungart: Eigentlich wird nur die Nutzung beendet. Das Gerät und damit die verwendeten Rohstoffe bleiben von vornherein Eigentum des Herstellers. Dieser muss somit nicht mehr darauf achten, möglichst billige Materialien zu verarbeiten, um Profit zu machen.

Und wenn dann eben die Nutzung der Waschmaschine beendet wird und das Gerät in den technischen Kreislauf zurückgeht?

Braungart: 80 Prozent der Teile können direkt wiederverwendet werden, 20 Prozent sind nach etwa sieben Jahren veraltet und werden durch aktuelle Teile ersetzt. Schließlich kann die Maschine von Neuem genutzt werden. Was dabei ausgetauscht werden muss, liefert Rohstoffe für andere Produkte. Kupfer etwa kann in der Technosphäre endlos eingesetzt werden.

Gibt es Produkte, die nicht von der Wiege zur Wiege konstruiert werden können?

Braungart: Nein, alle können das. Die Natur kennt doch gar keinen Abfall. Warum sollten wir Menschen dümmer sein als die anderen Lebewesen? Zuerst wurde eben immer nur der Preis optimiert, dann das Aussehen, dann die Stückzahl. Gesundheit und Umwelt haben bei diesen Verbesserungsprozessen bisher keine Rolle gespielt. Das kann sich jetzt ändern. Aber es muss gehandelt werden, solange die Industrie die Vitalität hat. Bevor die Unternehmen durch die Konkurrenz mit chinesischen Betrieben ausbluten und kein Geld mehr da ist, um Prozesse umzustellen.

Sie kommen immer wieder auf den Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität zurück? Worin besteht dieser?

Braungart: Effizienz heißt, etwas richtig zu machen, Effektivität heißt, zuerst zu fragen, was das Richtige ist. Es nützt zum Beispiel nichts, Reifen zu designen, die möglichst lange halten, wenn deren Abrieb nicht in biologische Systeme aufgenommen werden kann und Lungenfunktionsstörungen verursacht, wenn er eingeatmet wird.

Wenn es darum geht, das Richtige zu tun, ist einer ihrer Kerngedanken auch, dass es nicht genug ist, nicht schädlich zu sein.

Braungart: Umweltschutz wird häufiger darüber definiert, dass weniger Schweinereien gemacht werden. Allerdings tue ich meinem Kind nicht wirklich etwas Gutes, wenn ich es statt zehn Mal nur fünf Mal schlage. Ebenso ist es nicht genug, die Umwelt weniger kaputt zu machen. Es müssen Aktivitäten entwickelt werden, die nützlich sind anstatt nur weniger schädlich.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Braungart: Nehmen wir die Ernährungsfrage. In der Landwirtschaft werden zehn Kalorien verbraucht, um eine Kalorie an Nahrung herzustellen. Da nützt es nichts, das Verhältnis auf neun zu eins zu verbessern. Dagegen können auf einem Hektar Fassade Algen angebaut werden, die so viel Eiweiß enthalten wie 80 Hektar Mais. Auf dieser Idee ließe sich doch gleich ein Algenres­taurant aufbauen! Die Österreicher sind übrigens sehr kreativ, aber bei der Umsetzung hapert es dann. Umgesetzt wird größtenteils Blödsinn.

Sehen Sie in Vorarlberg das Potenzial, Cradle to Cradle umzusetzen?

Braungart: Das passiert bereits: Bei Wolford wird zum Beispiel ein BH entwickelt, der komplett kompostierbar ist, das heißt, in den biologischen Kreislauf zurückkehren kann. Bisher geben alle herkömmlichen schwarzen BH Schadstoffe an ihre Trägerinnen ab. Zudem ist die Maschinenbau-Industrie hierzulande bedeutend. In diesem Bereich wäre es wichtig, nicht mehr die Maschinen anzubieten, sondern Dienstleistungen. Also keinen Schweißroboter, sondern das Ausführen von 100 Millionen Schweißpunkten in höchster Qualität etwa. Wenn das nicht passiert, werden die Maschinenbau-Unternehmen in 15 Jahren verschwunden sein, weil mittlerweile selbst die neuesten Produkte innerhalb eines halben Jahres nach Markteinführung in Asien billiger nachgebaut werden. Mit den Verantwortlichen der Firma Zumtobel haben meine Mitarbeiter acht Jahre lang diskutiert, bis schließlich begriffen wurde, dass niemand Beleuchtungssysteme braucht, sondern nur Licht. Die Systeme produzieren andere günstiger, aber wenn Sie die Nutzung verkaufen, also die Lichtleistung, dann können Sie die besten Materialien einsetzen. Und inzwischen werden ganze Städte von Zumtobel beleuchtet, als Dienstleistung. Das ist für das Unternehmen profitabler und bietet reelle Chancen auf dem Markt. Sonst ginge die Firma sozusagen von einem Beinahe-Konkurs zum nächsten.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Braungart
(geboren 1958 in Schwäbisch Gmünd, Deutschland) hat Chemie und Verfahrenstechnik studiert. Er war am Aufbau des Bereichs Chemie in der Umweltorganisation Greenpeace beteiligt; 1985 übernahm er die Bereichsleitung. 1987 wurde durch Greenpeace das internationale Umweltforschungs- und Beratungsinstitut Epea gegründet, dem Braungart als Geschäftsführer vorsteht. Zudem ist er wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts und von McDonough Braungart Design Chemistry in den USA.

Braungart hält eine Professur an der Leuphana Universität in Lüneburg und war an zahlreichen weiteren Hochschulen tätig. Mit dem amerikanischen Architekten William McDonough hat er das Cradle-to-Cradle-Designkonzept entworfen. Braungart ist mit der ehemaligen niedersächischen Umweltministerin Monika Griefahn (SPD) verheiratet.

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