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Wenn das Fahrzeug Hil­fe ruft

Bei Unfällen soll das Auto künftig automatisch Notfalldaten funken – eCall ist in ganz Europa seit gestern bei Neuzulassungen Pflicht.

Mehr als 25.000 Menschen sterben jährlich bei Verkehrsunfällen in der Europäischen Union, 135.000 werden schwer verletzt. Das neue System eCall soll künftig viele von ihnen retten. Nach mehr als 15 Jahren Vorlauf wurde die Notruf-Automatik seit Samstag für alle neu zugelassenen Automodelle in Europa Pflicht. Die EU erwartet sich sehr viel von der Neuerung, und auch die Autoindustrie und Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) begrüßen diese. Andere Experten sind skeptisch.

Was kann eCall eigentlich?

Nach einem Unfall wählt das Auto automatisch den europaweit geltenden Notruf 112 und stellt eine Telefonverbindung zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle her. Ausgelöst wird das über sogenannte Crash-Sensoren und die Steuerung der Airbags. Melden sich die Insassen nicht – etwa, wenn sie ohnmächtig sind –, kann die Leitstelle direkt einen Rettungseinsatz auslösen.

Wie funktioniert das genau?

Der eCall unterstützt Blaulichtorganisationen bei Hilfs- und Rettungsmaßnahmen, indem unter anderem GPS-Koordinaten des Unfallortes und die Fahrtrichtung des Fahrzeuges an die Leitstellen der Landespolizeidirektionen übermittelt werden. Denn eCall übermittelt also über Satellit gleichzeitig Daten zum Standort des Wagens und zur Fahrtrichtung – wichtig, um bei Unfällen auf der Autobahn den Notarzt auf die richtige Spur zu bringen.

Bringt das denn etwas?

EU-Kommission und Europaparlament setzen große Hoffnungen in das System, das schon 2002 gepriesen und schließlich 2015 gesetzlich festgeschrieben wurde. „Mit eCall wird sich die Reaktionszeit der Rettungsdienste in ländlichen Gegenden um 50 Prozent und in städtischen Regionen um 40 Prozent verringern“, rechnet die Europaabgeordnete Olga Sehnalova vor. „Das führt zu einer Verringerung der Todesopfer und der Rettung von bis zu 1500 Menschenleben pro Jahr.“ Die EU-Kommission schätzte die Zahl im Jahr 2013 sogar auf 2500.

 Halb so lange Reaktionszeit, geht das wirklich?

Im Durchschnitt dauert es knapp zehn Minuten, bis nach einem Notruf ein Retter am Unfallort ist. Eine Verringerung um 50 Prozent würde bedeuten, dass es nur noch fünf Minuten wären. Kaum realistisch, meinen Experten aus dem Rettungsdienst. Andere Faktoren, wie etwa die Logistik der Rettungswagen, würden eine entscheidendere Rolle spielen.

Aber nützt das System dann wirklich etwas?

eCall gilt ja künftig in ganz Europa, und in einigen EU-Ländern liegen die sogenannten Hilfsfristen nach Angaben des Österreichischen Roten Kreuzes bei bis zu 20 Minuten. Grundsätzlich gilt: Jede Beschleunigung hilft. Nach einer Faustformel sinkt pro Minute bei einem lebensgefährlich Verletzten die Überlebens­chance um zehn Prozent. Ob sich eCall wirklich bewährt, wird sich aber wohl erst in einigen Jahren herausstellen. Denn Pflicht wird das System jetzt nur für neue Modelle, die sich dann langsam am Automarkt durchsetzen. Bisher gibt es kaum Erfahrungen.

Kann jetzt die Polizei Autofahrer heimlich tracken?

Datenschützer haben immer wieder schwere Bedenken gegen eCall vorgebracht. Ein ehemaliger deutscher Datenschutzbeauftragter warnte, das Auto könnte zur „Datenschleuder“ werden. Bei eCall wird höchste Datensicherheit garantiert, versichern Innenminister Herbert Kickl und Verkehrsminister Norbert Hofer. Der beim eCall an die Landesleitzentralen übermittelte ­Mindestdatensatz ist ­verschlüsselt und kann nur dort entschlüsselt werden. Der eCall-Dienst ist nicht darauf ausgelegt, dauerhaft Daten über das Fahrzeug und seine Position zu sammeln oder an Dritte zu übermitteln, heißt es aus den Ministerien in Wien.

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