Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Raumplanung: Mehr Mut gefordert

Die Raumplanung in Vorarlberg hat durchaus funktio­niert, glaubt der Experte. Steurer, NEUE/Archiv

Die Raumplanung in Vorarlberg hat durchaus funktio­niert, glaubt der Experte.

 Steurer, NEUE/Archiv

Kontroverse Ideen sollten wertfrei und unvoreingenommen diskutiert werden. Das meint Architekt Helmut Kuëss.

Schon seit geraumer Zeit rückt das Thema Raumplanung immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Maßgeblichen Anteil daran haben die Mitglieder der Initiative „vau|hoch|drei“. Denn in regelmäßigen Abständen werden Veranstaltungen organisiert, die sich mit den wichtigen Fragestellungen in diesem Bereich befassen. Am Donnerstag wurde beispielsweise in Schruns zu einem Diskussionsforum geladen. Verschiedene Referenten beleuchteten dabei unter dem Titel „Aus der Traum vom eigenen Grundstück?“ unterschiedliche Aspekte im Zusammenhang mit dem Themenkomplex. Unter ihnen war auch der Bregenzer Architekt und Experte für Raumplanung Helmut Kuëss. Er stellte eine Quartiersbetrachtung für ein Wohnbauprojekt in Schruns vor, bei dem die Nachverdichtung eine wichtige Rolle spielte. Wie sieht er die derzeitige Diskussion über den Umgang mit Grund und Boden? „Es handelt sich beim Grund und Boden um ein wertvolles Gut, mit dem man sehr sorgfältig und weitblickend umgehen muss“, antwortet der Fachmann. Aus diesem Grund unterstützt er die Initiative „vau|hoch|drei“.

Herausforderung. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass gerade in einem wirtschaftlich starken Land wie Vorarlberg der Bedarf nach Raum ständig wächst. Es werden nicht nur Arbeits- und Produktionsstandorte gebraucht, sondern auch entsprechende Flächen für Wohnen, Freizeiteinrichtungen, Infrastruktureinrichtungen, Landwirtschaftsflächen sowie Natur- und Erholungsräume. Die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist eine große Herausforderung. Gleichzeitig bricht der Experte eine Lanze für die Raumplanung im Ländle. Vor immerhin fast 50 Jahren ist damit begonnen worden. „Und diese hat sehr wohl funktioniert“, ist Kuëss überzeugt. Allerdings sei es oftmals schwierig, das Erreichte aufzuzeigen. Denn mögliche Fehlentwicklungen, die die Raumplanung verhindert habe, seien in der Diskussion nur schwer darzustellen. Der Lebensraumqualität im Ländle stellt der Architekt ein gutes Zeugnis aus: „Diese ist auf einem hohen Niveau.“

Kuëss glaubt jedoch, dass die Steuerungsmöglichkeiten in der Raumplanung bisher nicht vollständig ausgenutzt worden sind. Weiters ist er überzeugt davon, dass es gerade in der Politik noch an Bereitschaft fehlt, neue Wege zu beschreiten und über mitunter umstrittene Ideen zu sprechen. Zwar bewege sich diesbezüglich etwas, allerdings sei dies noch zu wenig. Als Beispiel nennt der Architekt etwa mögliche Abgaben, um ungenutztes Bauland verfügbar zu machen. Derartige Vorschläge würden sofort abgelehnt, anstatt völlig wertfrei und ergebnisoffen darüber zu diskutieren. „Hier ist von der Politik mehr Mut gefordert.“ Es brauche Zugriffsmöglichkeiten auf unbebaute Flächen. Denn nur dann sei es möglich, Verdichtung innerhalb der bestehenden Siedlungsgrenzen durchzuführen. Allerdings müsse dabei auch überlegt und behutsam vorgegangen werden.

Soziales Gefüge. Für eine verdichtete Bauweise reicht es aus Sicht des Experten nicht aus, den vorhandenen Raum intensiver zu nutzen, indem beispielsweise zusätzliche Stockwerke und somit mehr Fläche errichtet werden. Vielmehr müssten weitere Aspekte beachtet werden. Etwa wie sich die Verdichtung auf das soziale Gefüge an einem Standort auswirkt. Oder, dass auch qualitativ hochwertige öffentliche Räume geschaffen werden. Daher müssten in den Kommunen Eignungszonen definiert werden, die sich für eine Verdichtung anbieten. Faktoren wie etwa die Erreichbarkeit mittels öffentlicher Verkehrsmittel oder auch die Nachbarschaft zu Naherholungsgebieten könnten dabei eine Rolle spielen. Um die nötige Akzeptanz in der Bevölkerung oder bei Anrainern zu erreichen, brauche es zudem eine offene Kommunikation bezüglich derartiger Projekte. Dem Fachmann ist bewusst, dass im „Land der Einfamilienhäuser“ die verdichtete Bauweise nicht überall auf Verständnis stößt. Umso wichtiger sei es daher, umsichtig vorzugehen.

Die öffentliche Diskussion über den Umgang mit Grund und Boden, das Thema Raumplanung oder über die Verdichtung sieht der Architekt als dringende Notwendigkeit. Durch Initiativen aus der Bevölkerung wie etwa „vau|hoch|drei“ können seiner Meinung nach die politischen Entscheidungsträger in ihrer Meinungsbildung unterstützt werden. Damit diese dann für eine hochwertige Raumentwicklung sorgen.

Michael Steinlechner

<p class="caption">Der Bregenzer Architekt Helmut Kuëss.</p>

Der Bregenzer Architekt Helmut Kuëss.

„Die Lebensraumqualität in Vorarlberg ist auf einem hohen Niveau.“

Helmut Kuëss, Architekt

Forderungen und Aufklärungsarbeit

Vor mittlerweile fast genau einem Jahr haben zahlreiche Vorarlberger Bürgermeister, Architekten, Raumplaner und Wirtschaftstreibende die Initiative „vau|hoch|drei“ ins Leben gerufen. Sie fordern eine gemeinwohlorientierte Raumentwicklung in Vorarl­berg. Eine entsprechende Petition wurde im April 2017 im Landtag an die politisch Verantwortlichen übergeben. Zu den Forderungen der Aktivisten gehören unter anderem die Einrichtung eines landesweiten Bodenfonds und die Einführung einer Infrastrukturabgabe für Bauland, das nicht widmungskonform genutzt wird.

Die Mitglieder der Initiative beschränken sich jedoch nicht nur darauf, nach Veränderung zu rufen. Vielmehr versuchen die Verantwortlichen, das Bewusstsein der Bevölkerung für das Thema Raumplanung zu schärfen. Zu diesem Zweck sind bereits mehrere Veranstaltungen organisiert worden. Im vergangenen November gab es in Hittisau das erste Diskussionsforum unter dem Motto „Bodenfresser Einfamilienhaus“. Bei der zweiten Auflage diese Woche in Schruns lautete die Frage „Aus der Traum vom eigenen Grundstück?“.

Bei den Diskussionsforen liegt der Fokus eher auf lokalen Themenschwerpunkten. Bei den „Tagen der Raumordnung“ wird der Blick über den Tellerrand gewagt. So haben im vergangenen September Experten aus der Schweiz über die dortige Situation in Sachen Raumplanung berichtet. Im Jänner waren Fachleute aus Tirol und Südtirol zum Gespräch geladen. Für Mai ist ein weiterer „Tag der Raumordnung“. Die Lage in Bayern soll beleuchtet werden.

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.