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„Tänzer sind Stifte, die ein Bild malen“

Die Mädchen zeigen beim Gruppentanz beeindruckende Hebefiguren.

Die Mädchen zeigen beim Gruppentanz beeindruckende Hebefiguren.

Von Elena Huber

Carina Huber betritt den mittelgroßen, von Licht durchfluteten Raum. Holzstangen sind waagerecht an drei Wänden aufgestellt. Die vierte ist ein großer Spiegel. Carina Huber stellt ihre Trinkflasche neben die Musikanlage, die vor der Spiegelwand steht, und lächelt.

Eine Handvoll Mädchen im Hauptschulalter befindet sich schon auf der Tanzfläche. Einige drehen Pirouetten, andere unterhalten sich. Huber schaltet die Musik an. Eine Piano-Pop-Ballade dringt aus Lautsprechern, die an der Wand hängen. Das ist das Zeichen – der Tanzunterricht startet.

Die Mädchen bilden eine Formation, blicken sich mit anmutig erhobenem Kinn im Spiegel an und beginnen sich zu bewegen. Ihre schwarzen Röckchen wippen. Huber steht an der Spitze der Gruppe und tanzt mit. Laut und klar ruft sie hier und da Anweisungen über die Musik hinweg: „Atmen, Schultern tief, kontrolliert eure Hüfte.“ Nach wenigen Minuten verstummt die Musik. Die Gruppe hat einen Moment zum Verschnaufen, bevor es weitergeht. Dieses Mal bewegen sich die Mädchen alleine. Huber spaziert durch den Raum und beobachtet ihre Schülerinnen. Korrigiert Armhaltungen, drückt Beine weiter nach oben. „Eure Arme sollen so sein, als würdet ihr – wie Frau Holle – die Bettdecke ausschütteln, eure Beine sollen so sein wie die eines Pferdes“, weist die Tanzpädagogin die Mädchen an. Das Lied endet, die Tänzerinnen kommen in Endposition. Ein zufriedenes Lächeln huscht über die Lippen der Lehrerin.

Berufung. Keine Frage, Huber ist Tanzlehrerin mit Leib und Seele. Sie selbst begann als Siebenjährige mit dem Tanzen. „Angefangen habe ich mit klassischem Ballett. Nach und nach kamen immer mehr Tanzstile dazu. Ich wollte alles lernen“, erzählt die 29-Jährige. Drei bis vier Mal die Woche trainierte sie als Jugendliche bei Tanzlehrerin Monika Mayer-Pavlidis, betei­ligte sich an Wettbewerben und Aufführungen.

Ihre Liebe zum Hobby war so groß, dass es für sie nach der Matura nur eine Option gab: den Sprung in die Welt des Tanzes. „Eigentlich wollte ich Primaballerina werden. Einiges sprach dagegen, deshalb habe mich dann am zeitgenössischen Tanz orientiert und diese Sparte für mich entdeckt“, schwelgt die Bregenzerin in Erinnerungen. Nach einer Ausbildung zur zeitgenössischen Bühnentänzerin in der Schweiz und in London ließ sie sich als Tanzpädagogin in Vorarlberg nieder. Heute unterrichtet sie an der Bühnentanzschule Dance Hall in Götzis alle Altersklassen in klassischem Ballett, Jazz Dance und Lyrical Modern. Letztere Stilrichtung – eine Mischung aus Ballett, Jazz Dance und Modern – ist ihr Fachgebiet. „In meinem Herzen bin ich zwar Ballerina und gebe die Liebe zur Klassik gerne weiter. Trotzdem bin ich eine Modern-Tänzerin und liebe es in Socken und barfüßig zu tanzen“, sagt Huber und schmunzelt.

Mit Kostüm. Genug geredet. Der Unterricht geht weiter. Jetzt wird für die österreichischen Meisterschaften, die Austrian Dance Open in Zell am See-Kaprun, geprobt. „Ja, Choreo mit Kostüm!“, ruft eines der Mädchen. Kreischend und kichernd springen alle aus dem Raum, um kurz darauf wieder in ihren Kleidchen zu erscheinen. „Carina, ich hab meine Contemporary-Schuhe nicht da“, tönt es aus der einen Ecke. „Kannst du mir mal den Reißverschluss zumachen?“, aus der anderen.

Nach einem kurzen Moment des Chaos versammelt sich die Gruppe wieder im Halbkreis. Bevor es erneut ans Tanzen geht, fragt Huber: „Was ist das Wichtigste beim Lyrical?“ Die Mädchen antworten im Chor: „Ausdruck und Gefühle.“ Stolz blickt sie auf ihre Schützlinge. „Ich sage ihnen immer, dass sie mit Herz tanzen sollen. Ich will das Gefühl sehen“, betont sie. Dann stellt sie sich wieder neben die Musikanlage. Die Mädchen begeben sich in Position. „Startnummer 395 – Remember Roses“, sagt die Tanzpädagogin die Wettkampfperformance an.

Schweben. Die Mädchen scheinen durch den Raum zu schweben, schwingen ihre Arme und Beine in alle Richtungen, werfen sich auf die Knie. Nach dem ers­ten Durchgang werden Fehler besprochen.

Mit viel Geduld zeigt die Bühnentänzerin noch einmal die Schritte vor. Ein Mädchen tut sich mit der Haltung schwer. Huber schnappt sich ihr Handy, fotografiert die Schülerin in der Position und zeigt ihr das Foto. „Mit Bildern kann man sich die Bewegungen besser merken“, erklärt die Tänzerin. „Ich arbeite auch viel mit Tools, wie Pilatesringen und Bändern. Manchmal zweckentfremde ich Gegenstände, um den Mädchen die Technik besser erklären zu können.“

Inspiration für Choreografien und den Unterricht holt sich die Tanzlehrerin auf Workshops und im Alltag. Notizbuch und Handy hat sie immer griffbereit, um „Blitzideen“ festzuhalten. „Bei uns Tänzern läuft ständig ein kreativer Film im Kopf ab. Ideen entstehen beim Spazieren, beim Fernsehen, im Urlaub. Wir sehen dort Dinge, wo andere diese vielleicht nicht sehen.“ Eine Inspiration Hubers ist die amerikanische Tänzerin und Choreografin Kate Jablonski. „Ihre Choreografien sind extrem cool und so musikalisch. Ich bin ein Fan von ihr“, sagt sie und grinst.

Neben kreativen Choreografien und einwandfreier Technik ist es der Tanzpädagogin wichtig, dass die Mädchen sich mit ihrem Körper vertraut machen. „Tanzen ist Hochleistungssport. Natürlich verletzt man sich mal. Daraus muss man lernen. Ich möchte, dass meine Schüler bewusster trainieren“, erläutert Huber: „Unsere Schmerz- und Belastungsgrenze liegt ziemlich hoch. Die Leidenschaft bringt einen an seine Grenzen.“

Leistungen. Das ist während des Trainings merkbar. Die Tänzerinnen treiben ihre Körper zu Hochleistungen. Ihre Muskeln sind angespannt, als würde Strom durch die Adern fließen. Ein letztes Mal wird die Wettkampfperformance geübt. Hubers Korrekturen zeigen Wirkung, die Choreografie klappt einwandfrei. „Das Schönste am Unterrichten ist, wenn ich merke, dass die Mädchen mich verstanden haben. Ich bin wie ein Gärtner, der Samen sät und sie gießt. Meine Schüler sind die Blumen, die dann daraus wachsen“, sagt die Tanzlehrerin.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Unterricht schon seit 15 Minuten beendet, die Mädchen haben jedoch nicht genug. Sie wollen noch ihre Solos üben. Eine nach der anderen tanzen sie zur Musik. Ein letztes Mal verlangen sie ihren Muskeln alle Kraft ab. Ihre Mimik lässt ihre Gesichter weich, fast ein wenig zerbrechlich wirken. Und doch konzentriert. Während des Tanzens scheinen sie wie in Trance. „Das ist das Schönste am Tanzen – du denkst an nichts und vergisst alles. Obwohl du an ganz viel denken musst. Du bist nur im Moment da“, meint Huber: „Tanz kann man nicht mitnehmen. Ein Maler zum Beispiel, der hat ein fertiges Produkt, ein Bild. Wir Tänzer sind der Stift, der das Bild malt.“

Weiter geht es. Die Musik verstummt. Die Tanzstunde ist damit offiziell beendet. Die Mädchen haben rote Wangen, einzelne Haarsträhnen haben sich aus den sonst perfekt sitzenden Dutts gelöst und hängen ihnen ins Gesicht. Sie sind etwas aus der Puste, ihr Atem geht schnell. Sie verabschieden sich von ihrer Tanzlehrerin und hüpfen lachend aus dem Raum.

Die nächste Gruppe Mädchen wartet schon auf den Unter­richt. Carina Huber mustert sich im Spiegel und rückt eine Haarspange in ihren blonden Haaren zurecht. Sie greift nach ihrer Trinkflasche neben der Musikanlage und nimmt ein paar Schlucke. Es war eine gute Stunde. Auf in die nächste.

<p class="caption">Eine korrekte Haltung ist beim Tanzen sehr wichtig.</p>

Eine korrekte Haltung ist beim Tanzen sehr wichtig.

Zur Person

Carina Huber

Die 29-jährige Bregenzerin unterrichtet an der Dance Hall in Götzis alle Altersklassen in klassischem Ballett, Jazz Dance und modernem Tanz. Sie absolvierte ihre Ausbildung zur Tanzpädagogin im Dance Loft in der Schweiz und am Trinity Laban Conservatoire in London.

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