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Den First ins Tal geholt

Der Dornbirner Manfred Wohlgenannt hat in einer Dokumentation das Leben der Älpler und Hirten am First in den Fokus gerückt. Es war ihm in mehrfacher Hinsicht eine Herzensangelgenheit.

Zwei Jahre hat es gedauert. Das Projekt. Stein für Stein hat Manfred Wohlgenannt mit Geschwistern und Helfern aus den Bachläufen des Dornbirner Firstgebietes mit bloßen Händen gesammelt. Erst zu einer Sammelstelle. Dann mit schwerem Gerät gen Watzenegg. Stapelbar mussten die Steine sein. Lagerfähig. Die richtige Form haben. Denn die Trümmer wurden wie Puzzleteile akribisch einer nach dem anderen aufeinander- und nebeneinandergesetzt. Heute bildet die so entstandene Trockenmauer gegenüber Wohlgenannts Haustüre die Grundstücksgrenze zur Bödelestraße in Dornbirn-Watzenegg. Der 54-Jährige hat sich quasi ein kleines Stück First ins Tal geholt. Und das gleich auf zweifache Weise.

Denn es gab noch ein Projekt. Ein Jahr hat es gedauert. Das Projekt Landschaften, Menschen, Wetterextreme, Jahreszeiten und die Arbeit der Alphirten und Landwirte am First filmisch zu dokumentieren. Zu schneiden und schließlich der Öffentlichkeit zu präsentieren. So ist der Film „Dornbirner First aktiv“ entstanden. Und dessen Ursprung liegt wohl bereits in Wohlgenannts Kindheit.

Zwei Sommer auf der Alp. Er ist sieben Jahre alt, als er seinen Vater zu Fuß von Watzenegg über Kehlegg bis auf die Alpe Weißenfluh begleiten darf. Das war natürlich ein großes Abenteuer für den kleinen Buben. Damals war es für den Dornbirner teilweise unbegreiflich, wie in solch steilem Gelände Vieh gehütet werden kann. Jedenfalls brachten Vater und Sohn damals eine Milchkuh in gut 1350 Meter Höhe. Zur sogenannten Sömmerung. Einen ausgebauten Forstweg gab es zu dieser Zeit noch nicht. lm Alter von 13 und 14 Jahren verbrachte der Jugendliche gemeinsam mit einem zweiten Buben auf der Unter- und Obersehrenalpe den Sommer. 170 Stück Vieh hüteten die Heranwachsenden. Bei nicht immer einfachen Umständen. Sie verdienten sich von Juni – Älpler wurden aus der Pflichtschulzeit früher in die Ferien entlassen – bis September ein „Zubrot“ und verbrachten die freie Zeit sinnvoll. „Mit dem Lohn habe ich mir mein erstes Moped geleis­tet“, erzählt er.

Herzensangelegenheit. Sein Vater hat seit jeher eine kleine Landwirtschaft als Nebenerwerb betrieben. „Direkt hier am Haus“, sagt Wohlgenannt und deutet in Richtung des abschüssigen Gartens. Als Jugendlicher hat er dann gleichzeitig mit dem Start ins Berufsleben die Viehwirtschaft übernommen und wollte diese auch in Zukunft weiter betreiben. Weit weg von allem Kommerziellen, im Einklang mit der Natur. Das stand außer Frage. Doch leider kam es anders. Bei dem Dornbirner wurde ein Herzfehler diagnostiziert. Er war gesundheitlich nicht in der Lage, das Erbe wie geplant anzutreten. Es war eine Vernunftsentscheidung, welche er damals traf. Der 54-Jährige redet nicht drumherum. „Ich habe Tränen vergossen, als das letzte Vieh vom Hof getrieben wurde“, erzählt er wehmütig. Sein – mittlerweile wieder gesundes – Herz schlägt jedoch nach wie vor für die Landwirtschaft.

Die Operation, so sagt er, sei eine regelrechte Wiedergeburt gewesen. Er erholte sich schnell und lebte seine „alte Liebe“ zum First dann eben durch Sport aus. Skihochtouren, Klettertouren, Biketouren, Wandertouren. Wohlgenannt wurde stetig fitter und hielt gleichzeitig den Verbund zur Natur aufrecht. Der First hatte ihn in den Bann gezogen. „Man könnte auch sagen, der First hat gerufen“, witzelt der 54-Jährige. Zu begehen ist das Firstgebirge – laut Wohlgenannt – nicht sonderlich herausfordernd. Trittsicherheit sei auf manchen Graten erforderlich. Der höchste Punkt ist die Mörzelspitze. In einem Tagesmarsch, ab dem Bödele, ist der Aufstieg auf 1830 Meter gut zu bewältigen, sagt der Fachmann.

Schlüsselerlebnis. Wohlgenannt war kein Anfänger, was das Fotografieren und Filmen betraf. Er hat schon viele Szenen bei Hochzeiten, Geburtstagen oder auch während Skitouren „eingefangen“. Die Grundlagen für das Handwerk beherrschte er. Trotzdem brauchte es einen Auslöser. Ein Ereignis, das ihn tatsächlich dazu veranlasste, einen Dokumentarfilm zu drehen. Und der Dornbirner weiß genau, was dieses Schlüsselerlebnis war. Er besuchte eine betagte, ihm „ans Herz gewachsene“ Frau – früher ebenfalls in der Landwirtschaft tätig – im Pflegeheim. Und diese offensichtlich zufriedene und bescheidene Frau erzählte von persönlichen Erlebnissen am First. „Kurzerhand entstand die Idee zur Doku. Ich wollte in erster Linie ihr, aber auch anderen älteren Herrschaften damit Freude bereiten. Ich wollte den First ins Tal holen“, formuliert es Wohlgenannt.

Um besagten First ins Tal zu holen, ging der Dornbirner also hinauf ins Gebirge. Auf dem Rücken stets die extra angeschaffte Kamera-Ausrüstung. Knapp 20 Kilogramm schleppte der 54-Jährige immer wieder gen Berg. Das war teilweise – speziell bei Kälte und Schneetreiben – äußerst herausfordernd. „Man kann immer irgendwie Kräfte mobilisieren. So sind zumindest meine fünf Geschwister und ich aufgewachsen. Anpacken war die Devise. Und nicht ständig alles hinterfragen“, erzählt er. Was ihn sicherlich auch immer wieder motiviert hat, war die Erkenntnis, dass er mit dem Film etwas bewegen kann. „Ich finde nicht, dass Hirten und Landwirte heutzutage noch die Wertschätzung bekommen, die sie verdient haben. In dieser Hinsicht kann ich etwas beisteuern“, hofft Wohlgenannt.

Die andere Seite. Er hatte ein ungefähres Drehbuch im Kopf. Aber die Natur lässt sich nicht in ein Drehbuch pressen. Er startete mit seinen Begehungen und wurde in Folge auch zu bestimmten Ereignissen gerufen. Viehtriebe, Alpmesse, Sonnwendfeuer. Und das den kompletten Sommer hindurch, bis zum Alpabtrieb im September. Auch ein paar Herbst- und Schneeimpressionen sind im Filmfinale zu sehen.

Die Dokumentation heißt „Dornbirner First aktiv“. Und darum geht es auch. Um Aktivitäten am First. Viele bewandern die Bergkette am Sonntag. „Schon in der Bibel steht geschrieben: Am siebten Tag sollst du ruhen. Also darf auch der Hirte mal vor der Hütte hocken. Dann heißt es: Mein Gott habt ihr es schön“, sagt Wohlgenannt. Aber die restlichen Tage – oft bei Regen, Blitz und Donner – ist kein Mensch dort oben unterwegs. Diese Seite wollte er eben auch zeigen. Nach 74 Minuten klingt der Film aus. Für den Schnitt hat der 54-Jährige viele Stunden vor dem Computer verbracht. Mehr als die Hälfte des Materials blieb am Ende ungenutzt. „Ich hatte auf alles draufgehalten. Aber nur so konnte ich dem Film auch eine Handlung geben.“

Gegenwart und Ursprung. Die Dokumentation wird in Kürze im Kulturhaus gezeigt. Allerdings sind sämtliche Karten schon verkauft. „Mich freut es, wenn die Leute zusammenkommen, sich unterhalten. Ältere, Hirten und Landwirte unter sich.“ Erfolg ist ihm nicht wichtig, sagt er. Darum geht es nicht. Nicht um Geld, nicht um Verdienst. Sondern um eine Message.

Der Filmemacher hat den Großteil seines Urlaubs und die Wochenenden am First verbracht. Denn hauptberuflich ist er beim Amt der Stadt Dornbirn beschäftigt. Er selbst möchte in der Pension wieder zurück zum Ursprung. Sein Wunsch ist es, wieder eine kleine Landwirtschaft zu betreiben. Vielleicht mit Schafen.

<p class="caption">Etwa 20 Kilogramm Ausrüstung hatte der Dornbirner stets dabei.</p>

Etwa 20 Kilogramm Ausrüstung hatte der Dornbirner stets dabei.

<p class="caption">Die Alpsommer auf dem First sind oftmals eine Herausforderung. Dann, wenn das Wetter umschlägt. Roland Paulitsch/Privat</p>

Die Alpsommer auf dem First sind oftmals eine Herausforderung. Dann, wenn das Wetter umschlägt. Roland Paulitsch/Privat

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