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„Es braucht Zeit, und die haben wir“

Hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten intensiv mit Berufsorientierung, Bildung und Arbeitsmarkt befasst: Klaus Mathis.Dietmar Stiplovsek

Hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten intensiv mit Berufsorientierung, Bildung und Arbeitsmarkt befasst: Klaus Mathis.

Dietmar Stiplovsek

Interview. Der Dornbirner Klaus Mathis war 1989 Gründungsgeschäftsführer des Bifo. Nun geht er nach 29 Jahren in Pension – ein Gespräch zum Abschied.

Von Brigitte Kompatscher

Wie ist es, nach 29 Jahren Abschied zu nehmen?

Klaus Mathis: Es ist ein Loslassen. Das Bifo ist schon ein Stück weit mein Leben. Die vergangenen 30 Jahre hat sich mein Leben ganz intensiv um Berufs­orientierung, Bildungswesen und Arbeitsmarkt gedreht, und ich habe das Bifo auch von Beginn an aufbauen dürfen. Auf der anderen Seite ist es jetzt auch Zeit, mich anderen Dingen zuzuwenden, und darauf freue ich mich.

Sie sind seit der Gründung des Bifo dabei. Können Sie sich an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?

Mathis: Die Gründung war schleichend. 1987 ist eine Gruppe von engagierten Lehrern auf mich zugekommen, damals noch in meinem vorherigen Job, mit der Bitte, ob ich sie in Fragen der Berufsorientierung unterstützen kann. Gleichzeitig hat sich eine Gruppe von Unternehmern zusammengesetzt und gesagt, wir brauchen verstärkte Unterstützung bei der Berufswahl Jugendlicher. 1989 wurde dann das Bifo gegründet – mit einem ganz kleinen Büro in der Dornbirner Mozartstraße. Die Sekretärin war schon da, und dann bin ich auch gekommen.

Das Bifo wurde von Wirtschaftskammer und Land als Kompetenzzentrum für Bildungs- und Berufsberatung gegründet. Hat es diesen Anspruch einlösen können?

Mathis: Meiner Meinung nach schon. Das Bifo ist eine etablierte Einrichtung und über Vorarlberg hinaus anerkannt. Wir haben einige Pilotprojekte machen können und auch österreichweite Pionierfunktion übernommen. 2006 haben wir etwa mit Unterstützung von Land und AMS den Chancenpool Vorarlberg gegründet, mit der Zielsetzung Jugendliche, die am Übergang Schule-Beruf Schwierigkeiten haben, gezielt zu unterstützen. Daraus ist das Jugendcoaching des Sozialministeriumservice entstanden, das österreichweit umgesetzt wird. Im vergangenen Jahr haben wir knapp 4000 Intensivberatungen gehabt, für Jugendliche und Erwachsene. Da merkt man schon, dass da was läuft.

Wie unterscheiden sich die Ratsuchenden, die vor knapp drei Jahrzehnten gekommen sind, von jenen, die heute kommen?

Mathis: Heute sind sie etwa besser vorinformiert. Vor 30 Jahren sind viele gekommen, bei denen man gemerkt hat, da ist noch wenig im Vorfeld passiert. Jetzt macht die Schule im Bereich Berufsorientierung ganz viel. Die, die kommen, haben speziellere Fragen. Früher war eine wichtige Aufgabe des Bifo, Informationen zu vermitteln. Die sind heute vielfach über das Internet verfügbar. Aber der Anteil derjenigen, die sich schwertun und mehr Unterstützung und Begleitung brauchen, hat sich erhöht.

Weil die beruflichen Anforderungen höher wurden oder die persönlichen Kompetenzen weniger?

Mathis: Beides. Die Anforderungen sind höher, es braucht mehr Vorwissen und Motivation. Andererseits sind meinem Eindruck nach die Jugendlichen weniger fähig, selbstständig zu arbeiten.

Wieso ist das so?

Mathis: Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung. In unserer Konsumgesellschaft wird vieles vorgekaut, und daraus ergibt sich ein wenig ein Lebensstil, bei man damit rechnet, dass vieles einfach kommt. Gute Berufswahl bedeutet immer auch, selbst aktiv zu werden und sich durchkämpfen, und da können wir teilweise etwas nachhelfen. Die Erwachsenen, auch eine Zielgruppe des Bifo, sind sehr gut vorinformiert. Bei ihnen merken viele, dass es den Lebensjob nicht mehr gibt und sie frühzeitig vorsorgen müssen. Das hat sich verstärkt.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Mathis: Meine Arbeit hat sich knapp drei Jahrzehnte lang fast jährlich geändert. Ich war zu Beginn stark in der Beratung tätig, das bin ich jetzt überhaupt nicht mehr, leider. Jetzt habe ich vor allem mit Organisation zu tun. Anfangs waren hier eine Assistentin und ich, und inzwischen sind wir doch drei Dutzend Mitarbeiter. Im Herbst kommen jeweils noch ein paar dazu. Inhaltlich passen wir die Angebote laufend an, so erstellen wir zum Beispiel derzeit gerade ein neues Beratungsangebot für Maturanten. Grundsätzlich geht es aber darum, Menschen bei Übergängen zu begleiten, das bleibt, aber die Schwierigkeiten und die Methoden verändern sich. Ein großes Projekt mit dem Landesschulrat ist der Talentecheck, wo es unter anderem darum geht, Lehrer zu unterstützen. Da sind wir seit 2011 dran – mit besten Rückmeldungen von Schülern und Eltern.

Was waren Erfolgserlebnisse, was Misserfolge?

Mathis: Ein Höhepunkt war sicher, dass wir mit dem Chancenpool ein Pilotprojekt starten konnten, das national und teilweise auch international viel Beachtung gefunden hat. Ein zweites Highlight war auch die Quali-Box, mit der wir sehr ­innovatives Material für Erwachsene für ihre Bildungswahl erstellt haben. Dann gibt es viele kleine Erfolge. Was uns in den vergangenen Jahren zu schaffen macht, ist die manchmal überbordende Bürokratie bei Projekten.

Finanzierung war nie ein Problem?

Mathis: Finanzierung ist laufend ein Thema. Wir finanzieren sehr viel über Projekte und haben mit Land und Wirtschaftskammer starke Träger, die hinter dem Bifo stehen.

Es wurde in den 29 Jahren nie infragegestellt?

Mathis: Nie.

Was kann das Bifo, was andere Einrichtungen nicht können, die ebenso Bildungs- und Berufsberatung anbieten, wie etwa Schulen, AMS usw.?

Mathis: Wir bilden uns ein, dass wir einen ganzheitlichen Beratungsansatz haben, der radikal vom Menschen ausgeht und nicht sofort auf die Lösung drängt. Wenn man ganz radikal auf den Menschen eingeht, seine Sorgen, seine Situation, können sehr viele Selbstaktivierungskräfte geweckt werden. Zugleich berücksichtigen wir aber auch die Realitäten des Arbeitsmarktes. Dafür braucht es Zeit, und die haben wir.

Sie sind also nicht nur Berufsberater, sondern auch Therapeuten?

Mathis: Nein, sind wir nicht. Aber wir versuchen, den Menschen zu helfen, sich selbst kennenzulernen, und dafür haben wir Zeit, die andere vielleicht nicht haben.

Wie kann eine brauchbare Berufs- und Bildungsberatung in der Zukunft aussehen?

Mathis: Darüber denke ich auch nach, obwohl ich jetzt bald gehe. Digitalisierung spielt da natürlich stark hinein, und es wird noch mehr Methodenvielfalt brauchen. Online-Beratungsportale werden stärker werden, aber es wird auch die klassische Beratung, Einzelsettings, weiterhin da sein. Der Stellenwert von Tests wird sich verändern, und es werden noch mehr Selbstlernmaterialien kommen. Da rede ich jetzt von Erwachsenen. Bei den Schulen wird es einen ähnlichen Prozess geben. Die, die beim dortigen Orientierungs­angebot ihre Lösung finden, brauchen das Bifo nicht mehr. Diejenigen, die das doch noch vertiefen wollen, werden weiterhin kommen.

Das heißt, Sie glauben, dass eher weniger Ratsuchende ins Bifo kommen?

Mathis: Das kann durchaus der Fall sein. Allerdings hat die Erfahrung gezeigt hat, dass nicht weniger kommen, weil das Thema als bedeutsamer erachtet wird und man sich intensiver damit beschäftigt. Der Trend, eine Entscheidung zum hundertsten Mal abzusichern, wird noch stärker werden – wobei das eh nicht geht. Dann liegt die Aufgabe der Beratung darin, Mut zuzusprechen, einmal etwas zu wagen, auch wenn das Ergebnis nicht fix vorhersehbar ist.

Am 1. Juni tritt Ihr Nachfolger an, bis September werden Sie ihn noch einarbeiten. Was machen Sie dann ab Herbst?

Mathis: Da gibt es ein paar Optionen. Eine ist die, dass irgendjemand sagt, ich hätte gern dein Know-how für dieses oder jenes Projekt. Dann habe ich einen Sohn, der gerade eine Sennerei baut. Der wird mich sicher bei der Käseerzeugung oder beim Verkauf brauchen können. Dann wird sich meine Frau freuen. Die vergangenen Jahre waren nur möglich, weil sie mich sehr stark unterstützt hat. Mir wird nicht unheimlich langweilig werden.

Der Pensionsschock kommt also nicht?

Mathis: Das weiß man erst nachher. Es ist auch ein Übergang, eine Art Berufsorientierung, und ich bin da insofern gut orientiert, als ich Optionen sehe. Ich leiste mir jetzt aber den Luxus, vorher nicht genau zu wissen, was ich tun werde.

Zur Person

Klaus Mathis

Geboren 1955 in Dornbirn und dort aufgewachsen. Matura und Studium Betriebswirtschaftslehre an der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien.

Tätigkeit bei internationalem Konzern in Wien.

Ab 1985 Geschäftsführer der Vorarlberger Volkswirtschaftlichen Gesellschaft.

Ab 1989 (Gründungs-)Geschäftsführer des Bifo Beratung für Bildung und Beruf in Dornbirn.

Lebt in Dornbirn. Verheiratet, drei Söhne, drei Enkel.

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