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Ein düsteres Kapitel in der Gemeindegeschichte

Die Mitarbeiter des Historischen Archivs Lustenau haben für eine Ausstellung die NS-Zeit in der Kommune aufgearbeitet.

Von Johannes Hofer

Das Geschehene nicht vergessen, Erinnerungen bewahren – gerade in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus ist das ein Grundsatz, der von vielen hochgehalten wird. Und gerade heuer, da sich der österreichische „Anschluss“ ans Deutsche Reich zum 80. Mal jährt, hat dieser Grundsatz besondere Aktualität. „Allerdings wirkt das große geschichtliche Bild, das etwa in Fernsehdokumentationen vermittelt wird, für die Zuschauer manchmal recht weit entfernt“, sagt Oliver Heinzle vom Historischen Archiv Lustenau. Wenn gezeigt werde, was im eigenen Ort passiert sei, ergebe sich für die Menschen ein neuer, unmittelbarerer Bezug zu den Geschehnissen. Mit der Ausstellung „Lustenau – eine Gemeinde im Nationalsozialismus“ wollen Heinzle und seine Kollegen quasi diese „Lücke“ auf lokaler Ebene schließen (siehe auch Factbox).

„Das Thema wird von Archivmitarbeitern immer wieder aufgegriffen. Die Ausstellung ist auch in Zusammenhang mit einer Gedenkstätte für die NS-Opfer zu sehen, die 2013 in der Gemeinde errichtet wurde“, erklärt Heinzle. Auch in der Zwischenzeit habe es immer wieder entsprechende Vorträge gegeben. Nun sei es darum gegangen, „ohne moralisch erhobenen Zeigefinger“ die Lebensrealität in der Marktgemeinde nach dem „Anschluss“ darzustellen – und ebenso in den Jahren davor.

Lagerbildung. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sei in Lustenau eine starke Lagerbildung zwischen der großdeutschen und der christlichsozialen Gruppierung zu beobachten gewesen, berichtet Heinzle. „Die Menschen haben damals in Blasen gelebt. Sie erhielten ihre Informationen hauptsächlich aus Tageszeitungen, die politischen Parteien gehörten und entsprechend stark gefärbt waren“, erklärt er. Ebenso hätten die Anhänger beider Lager eigene Sport- und Musikvereine, Gasthäuser und Ferienheime gehabt. „Jeder wusste vom anderen, welcher Gesinnung er anhing.“

Die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppierungen lassen laut Heinzle erkennen, dass „die politische Gewalt der späteren Jahre eine lange Vorgeschichte hat“. So soll es etwa zu Schusswaffenattentaten gekommen sein. Wenn es sich abzeichnete, dass eine Wahl knapp ausgehen würde, konnte es zudem vorkommen, dass gezielt Anhänger des anderen Lagers entführt wurden.

In den 1930er-Jahren steigerte sich die Gewalt schließlich. Nach einem Handgranatenanschlag in Krems wurde die österreichische NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) am 19. Juni 1933 verboten. In Lustenau kam es indessen Ende desselben Jahres und 1934 zu mehreren Sprengstoffanschlägen, die unter anderem Straßen- und Wirtshaussperren nach sich zogen.

Gesperrt wurde 1934 auch die Jahnturnhalle. Denn es bestand der Verdacht, dass die Sprengmittelattacken dort geplant worden waren. Die Sportstätte des Turnvereins 1880 fungierte quasi als Zentrum für die Nationalsozialisten, zahlreiche Parteiversammlungen hatten dort stattgefunden, weiß Heinzle.

Aufmarsch. Mittlerweile wurde der Druck, den Hitler auf den österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg ausübte, immer größer. Dieser trat am Abend des 11. März 1938 zurück, in der Nacht übernahmen die lokalen Nationalsozialisten in vielen Orten die Macht – so auch in Lustenau. „Auch dem Kirchplatz gab es einen Aufmarsch, bei dem gesungen wurde und Fackeln angezündet wurden. Die örtliche Polizei war hilflos“, fasst Heinzle die Schilderungen zusammen, die in Zeitzeugeninterviews festgehalten sind. Die Gemeindeverwaltung wurde umbesetzt, aus der Gemeindevertretung wurde der sogenannte Gemeindetag, mit dem 29-jährigen Hans Grabher wurde ein neuer Bürgermeister eingesetzt.

In der Ausstellung ist dokumentiert, wie die Nationalsozialisten in der Folge „alle Lebensbereiche infiltrierten“, wie Heinzle es ausdrückt. Beispielsweise geben Objekte wie eine Hitlerbüste oder Sammelalben Aufschlüsse über den damaligen Führerkult. In die erwähnten Alben konnten Bildchen, die Zigarettenschachteln beigelegt waren, eingeklebt werden. Gesammelt wurde etwa zu den Themen „Adolf Hitler“, „Der Kampf ums Dritte Reich“ oder „Raubstaat England“.

Durchdringung. In einem weiteren Schaukasten zeugt ein Schild davon, wie der örtliche Krankenpflegeverein durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) übernommen wurde. Zwei „braune Schwestern“, wie sie von der Bevökerung genannt wurden, ersetzten in einer Gemeindestation die katholischen Kreuzschwestern, die zuvor für den Verein tätig gewesen waren. Die Durchdringung der bestehenden Strukturen ist für Heinzle auch gut an einer karitativen Spendensammlung ersichtlich, die 1939 im Rahmen des „Tags der nationalen Solidarität“ durchgeführt wurde. Als Sammler kamen quasi lokale „Prominente“ zum Einsatz, sagt der Archivar. Die Namen der Beteiligten waren in einer Ankündigung im Gemeindeblatt aufgelistet. „Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie gerne die Menschen damals sammeln gegangen sind“, merkt Heinzle kritisch an.

Die Visionen, welche die Nationalsozialisten in Lustenau verwirklichen wollten, konnten trotz allem Einfluss größtenteils nicht verwirklicht werden. „Dafür fehlten einfach die Ressourcen“, sagt Heinzle. Verwirklicht wurden nur die Heimkehrer-Siedlung (die sogenannten „Südtiroler Volkswohnbauten“) und ein neuer Schießstand. Der Ausbau einer „Mittelstraße“ durch den Ort, ein Zentralfriedhof, ein Landesstadion sowie ein zentraler Aufmarschplatz wurden nicht realisiert. Auch ein Großbahnhof mit zehn Gleisen wurde nicht in der geplanten Form gebaut.

Opferdatenbank. Nicht fehlen darf in der Ausstellung ein Blick auf die Opfer, die das NS-Regime forderte. Heinzle verweist beispielsweise auf 18 Lustenauer, die im Rahmen von Euthanasiemaßnahmen getötet wurden. „Die meisten dieser Opfer waren Patienten der Valduna. Viele wurden in Hartheim vergast.“ Ebenso bestand die Gefahr, denunziert zu werden, beispielsweise wegen kritischer Bemerkungen über den Staat.

Der Zöllner Hugo Paterno etwa wurde aufgrund seiner angeblich ablehnenden Haltung gegenüber den Nationalsozialisten gleich zwei Mal denunziert. Im Mai 1944 wurde Paterno schließlich wegen „Wehrkraftzersetzung“ in München hingerichtet. Der Familienvater ist eines von 101 Lustenauer Opfern, die seitens des Historischen Archivs in einer Datenbank erfasst sind. „Wir haben die Hoffnung, dass wir von der Bevölkerung Hinweise auf weitere Fälle oder auch Fotos von bereits bekannten Opfern erhalten“, hält Heinzle fest.

Bereits als die ausgestellten Objekte zusammengetragen wurden, konnten die Archivare der Marktgemeinde auf die Unterstützung der Einwohner zählen. Nach einem öffentlichen Aufruf seien viele Leihgaben zur Verfügung gestellt worden, erzählt Heinzle.

Im Übrigen seien auch die bisherigen Besucherzahlen erfreulich. „Die Menschen sind sehr interessiert – eben, weil es darum geht, was sich damals auf Gemeindeebene abgespielt hat“, lässt er wissen. Und auch wenn die Thematik keine leichte Kost verspricht, ist der Archivar überzeugt: „Es tut gut, wenn man über diese Dinge redet“. In einem Gedenkjahr mag dies besonders gelten.

<p class="caption">Oliver Heinzle gehört zu den Kuratoren der Ausstellung.</p><p class="credit"> Klaus Hartinger (9)</p>

Oliver Heinzle gehört zu den Kuratoren der Ausstellung.

 Klaus Hartinger (9)

<p class="caption">Dolche von Schutzstaffel und Sturmabteilung.</p>

Dolche von Schutzstaffel und Sturmabteilung.

<p class="caption">In natio­nalsozial­istischen Themen­alben wurden Zigarettenbildchen eingeklebt.</p>

In natio­nalsozial­istischen Themen­alben wurden Zigarettenbildchen eingeklebt.

Zur Ausstellung

Die Schau „Lustenau – eine Gemeinde im Nationalsozialismus“ kann noch bis 8. Juli in der Galerie Hollenstein (Lustenau, Pontenstraße 20) besucht werden.

Öffnungszeiten:

Freitag, Samstag und Sonntag,
15 bis 19 Uhr.

Die Ausstellung wird kuratiert von Wolfgang Scheffknecht und Oliver Heinzle unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Vanessa Waibel.

Am Samstag, 21. Juli, gibt es eine Dialogführung mit dem Fahrrad zum Thema Flucht und Verfolgung (Treffpunkt 15 Uhr am Zollamt Lustenau-Wiesenrain, Anmeldung unter office@jm-hohenems.at erforderlich).

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