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Was die Gesellschaft zusammenhält

Heidi Krischke-Blum.

Heidi Krischke-Blum.

Initiativen des Projekts „Engagiert sein“ sind mit einem EU-Integrationspreis prämiert worden. Eine Geschichte über das große Engagement der Vorarlberger.

Von Danielle Biedebach (Text) und Klaus Hartinger (Fotos)

Die Vorarlberger sind Meis­ter in Sachen Ehrenamt. Gut die Hälfte der hier Ansässigen engagiert sich freiwillig. Und nun gab es sogar einen Preis dafür.

Bei der Pluralismus-Konferenz Mitte Mai in Turin wurden die innovativsten Integrationsprojekte von Frankreich bis Slowenien mit dem „Alpine Pluralism Award 2018“ ausgezeichnet. Den dritten Preis in der Kategorie „Bewältigung des sozialen Wandels“ gewann das Projekt „Engagiert sein“. Und zwar für die Initiativen „Wir sind aktiv“ und „Begleitete Berufsorientierung“ (siehe Infoboxen).

Bindeglieder. Wie es dazu kam? Bereits Ende 2015 wurden in vier Gebieten fünf Freiwilligen-Koordinatorinnen installiert: Marion Maier und Christiane Eberle in der Region Vorderwald, Isabella Deuring in den Bregenzerwälder Witus-Gemeinden, Heidi Krischke-Blum im Leiblachtal und Daniela Thaler im Mittelbregenzerwald.

Die Damen stellen das Bindeglied zwischen direkt Betroffenen und den engagierten Personen dar. Von Anfang an ging es darum zu erforschen, wie funktioniert Ehrenamt und wie lassen sich Strukturen aufbauen. Zunächst lag der Fokus darauf, überhaupt Freiwillige zu mobilisieren. Rasch wurde der Schwerpunkt um die Frage ergänzt: Was brauchen Ehrenamtliche? Denn die Motive der Freiwilligen sind so verschieden wie die Menschen selbst. Es geht darum, die Gesellschaft mitzuverändern, Neues zu lernen oder auch Anerkennung zu finden. „In jeder Gemeinde gibt es Leute, die sich einbringen möchten. Oft hängt es nur daran, dass sie nicht angesprochen werden. Es braucht jemanden, der sagt: ich hätte da eine Idee, wäre das was für dich?“, weiß Daniela Thaler, Freiwilligenkoordinatorin Mittelbregenzerwald.

Verknüpfen. Sie und ihre Kolleginnen „schnappen“ also Ideen und Bedürfnisse auf und verknüpfen beides miteinander. Netzwerken ist das A und O bei dieser Arbeit. Allesamt kommen sie aus den genannten Regionen, aus den Gemeinden. Sie kennen die dort lebenden Menschen und Verantwortlichen in Einrichtungen. „Das Netzwerk haben wir mittlerweile enorm ausgebaut“, erzählt Heidi Krischke-Blum, Koordinatorin Leiblachtal.

Gleichzeitig sind die fünf Koordinatorinnen das „offene Ohr“ für die Engagierten. Die brauchen nämlich einen Ansprechpartner, schließlich ist nicht alles immer „rosa“. „Die engagierten Bürger sollen sich bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit wohl fühlen. Unsere Aufgabe ist es, das Engagement achtsam zu begleiten“, ergänzt Thaler.

Organisationen. Neben Privatpersonen gibt es auch einige Organisationen, in deren Rahmen bemerkenswerte Projekte entwickelt wurden, um Menschen in verschiedenen Lebenslagen zu helfen. Auch dort unterstützen die Freiwilligen-Koordinatorinnen und führen Bedürftige und Helfende zusammen.

Der Award. Das alles sind die Gründe, warum das Projekt „Engagiert sein“ ins Leben gerufen wurde. „Wir starteten zeitgleich mit dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle in Vorarlberg. Der Schwerpunkt im ersten Jahr war also Integration“, erzählt Thaler. Ziel war es bekanntermaßen, die Menschen in die Gemeinschaft, in Vereine und später dann auch ins Berufsleben zu integrieren. Dementsprechende Projekte waren es auch, die für den „Alpine Pluralism Award 2018“ eingereicht wurden.

Gewinner waren die Verantwortlichen des Projekts „Der sechste Kontinent“ aus Südtirol. Dabei wohnen an die 50 Menschen zusammen in einem alten Gutshof in der Nähe von Brixen. Mehr oder minder freiwillig. Eines verbindet alle: Es sind Menschen am Rande der Gesellschaft. Obdachlos, krank, süchtig, arbeitslos oder auf der Flucht. „In diesem Haus der Solidarität ist alles miteinander vereint. Unbürokratisch wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, über Integration wird dort nicht diskutiert, diese wird gelebt“, erzählen Thaler und Krischke-Blum, beide begeistert vom Gewinner-Projekt.

Im Mai waren die zwei Koordinatorinnen selbst zur Preisverleihung in Turin. Dort ging es auch darum, sich auszutauschen. Nächste Woche kommen die Italiener nach Vorarlberg, um sich inspirieren zu lassen.

Voraussetzungen. Italien, so erzählen die beiden Frauen, hat einen Ehrenamtlichen-Anteil von nicht einmal zehn Prozent. „Die hiesigen Voraussetzungen sind für die Italiener wünschenswert. Dort muss jede Stelle finanziell abgesichert werden. Egal, ob im Gesundheitsbereich oder im Sozialen“, gibt Krischke-Blum zu bedenken. Italiener würden sich in erster Linie im Familienverband engagieren. In hiesigen Gefilden ist das anders.

Nicht nur das. In dem Land an der Mittelmeerküste haben die Verantwortlichen andere Herausforderungen. Es gibt kaum syrische Flüchtlinge. Hauptsächlich (90 Prozent) sind es junge Männer aus afrikanischen Ländern, die dort ankommen. „Ohne Job, und das in Regionen, wo die Jugendarbeitslosigkeit eh schon hoch ist“, berichtet Krischke-Blum. Nach Vorarlberg kamen viele Flüchtlinge im Familienverband. „Da passiert ein Teil der Integration automatisch über die Kinder“, wissen die Expertinnen. 20 Prozent aller Projekte im Rahmen von „Engagiert sein“ haben sich dem Bereich Integration von Flüchtlingen gewidmet.

Der Zukunft in Sachen Ehrenamt sehen Thaler und Krischke-Blum positiv entgegen. Das Engagement werde aber nicht mehr, sondern verändere sich. Vermutlich wird es sich zahlenmäßig dort einpendeln, wo es jetzt steht. Bei den erwähnten 50 Prozent. Früher war es für 20- bis 40-Jährige üblich, in ein Ehrenamt „reinzurutschen“ und dem ein Leben lang nachzugehen. Heutzutage konzentrieren sich Freiwillige eher auf ein zeitlich begrenztes Projekt. Die Koordinatorinnen vermuten, dass die Menschen kaum noch Zeitressourcen haben.

Erkennbar sei auch eine Tendenz zu mehr räumlicher Nähe der sozialen Netzwerke sowie zum „Cocooning“. Also Zeit und Engagement vermehrt in der Umgebung oder in der Familie einzubringen. Und noch ein Trend ist ersichtlich – sogar europaweit. Wenn sich heute jemand engagiert, dann meist, weil ihn ein Thema selbst betrifft. Das freiwillige Amt soll zu den eigenen Lebensumständen passen. Engagement wird persönlicher.

Und so werden also Hunderte Mützen für Albanien gestrickt, Märchen und Sagen im Jesuheim vorgelesen, Kinderbibliotheken im öffentlichen Raum aufgestellt, Senioren Weiterbildungsmöglichkeiten geboten, erwachsenen Frauen das Fahrradfahren beigebracht. Es wird schwangeren Frauen aus der Fremde von Hebammen die Angst vor der Geburt genommen, gemeinsam gewandert und gelernt. Oder Menschen sitzen einfach nur zusammen. Egal, ob beim Mittagessen oder bei Kaffee und Kuchen. Weil es nun einmal gemeinsam schöner ist als alleine.

Zukunftsmusik. Mittlerweile beschäftigen sich die Verantwortlichen mit der Zukunft von „Engagiert sein“. „Derartige Projekte sind auf drei Jahre beschränkt“, informiert Thaler. „Engagiert sein“ läuft also nächstes Jahr aus. Wie geht es weiter?, ist die Frage. Wie kann das Ehrenamt in Vorarlberg auf diesem hohen Level gehalten werden? Auch wenn die Koordinatorinnen in Sachen Freiwillige quasi aus dem Vollen schöpfen können, es braucht auch in Zukunft „Manager“. Damit das Ehrenamt nicht ausbrennt, sondern weiter Freude bereitet.

„Wir brauchen Netzwerke und neue Formen der Zusammenarbeit. Nur so können möglichst viele Bürger für die Sicherung der Lebensqualität in den einzelnen Gemeinden eingebunden werden“, betonen Thaler und Krischke-Blum.

Noch läuft „Engagiert sein“ ein dreiviertel Jahr. Dann werden die Weichen neu gestellt.

<p class="caption">Daniela Thaler.</p>

Daniela Thaler.

<p class="caption">Im Juni ging im Rahmen von „Engagiert sein“ ein Fahrradkurs für erwachsene Frauen „über die Straße“. Räder wurden von Senioren gestellt, die auf E-Bikes umgestiegen sind. Bild rechts: Preisübergabe in Turin. Privat</p>

Im Juni ging im Rahmen von „Engagiert sein“ ein Fahrradkurs für erwachsene Frauen „über die Straße“. Räder wurden von Senioren gestellt, die auf E-Bikes umgestiegen sind. Bild rechts: Preisübergabe in Turin. Privat

„Das Engagement wird nicht unbedingt mehr, sondern es verändert sich“

Daniela Thaler, Koordinatorin

Berufsorientierung

Flüchtlinge rasch in den Arbeitsprozess integrieren, war das Ziel des Projekts „Begleitete Berufsorientierung“ im Jahr 2016. Über das Selbsthilfebüro in Alberschwende wurden berufsorientierende Besuche für Konventionsflüchtlinge in lokalen Firmen organisiert, begleitet von Mentoren. Über 50 Lebensläufe wurden erstellt, 23 Volontariate abgeschlossen und Kontakte in berufsintegrierende Projekte vermittelt. Der Service diente Konventionsflüchtlingen und Arbeitskräfte suchenden Unternehmen.

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