Vorarlberg

„Ich glaube nicht an Amazon“

20.06.2021 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Postgewerkschafter Franz Mähr übt Kritik am geplanten Verteilzentrum. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Postgewerkschafter Franz Mähr übt Kritik am geplanten Verteilzentrum. Klaus Hartinger

Mögliche Ansiedlung eines Amazon-Verteilzentrums stößt auf Kritik.

Wie hat die Post-Gewerkschaft von den Amazon-Plänen erfahren?
Franz Mähr:
Offiziell wissen wir gar nichts. Erfahren haben wir es über den Dornbirner Stadtrat Christoph Waibel. Daraufhin habe ich mich zu dem Projekt zu Wort gemeldet. Für meine Stellungnahme wurde ich stark kritisiert. Man hat mich gefragt, warum ich als Postgewerkschafter überhaupt dazu Stellung nehme.

Und warum haben Sie es getan?
Mähr:
Meine Intention war, dass wir bei den Postbediensteten mit Jobverlusten rechnen müssen, wenn Amazon in Vorarlberg die Zustellung seiner Lieferungen selbst übernimmt. Ich gebe zu, und es ist auch bekannt, dass die Bedingungen bei uns auch nicht immer rosig sind, aber gegenüber Amazon sind sie, glaube ich, um ein Stück besser. Wir haben eine gesetzliche und eine kollektivvertragliche Interessenvertretung. Die Post zahlt auch alle Steuern in Österreich und überweist dem Finanzminister zusätzlich eine sehr hohe Dividende, mehrere Millionen jährlich. Davon ist Amazon weit entfernt.

Gab es Reaktionen von Amazon?
Mähr:
Keine unmittelbaren, nein. Andere haben mich aber dafür kritisiert, dass ich den größten Kunden der Post angreife. In Wahrheit ist er immer mehr ein Mitbewerber. Es hieß sogar, mein Gehalt werde ja von Amazon bezahlt. Völliger Blödsinn. Ich gehe auch davon aus, dass man sich beim Management der Post in dieser Sache schon über mich beschwert hat. Die Wahrheit ist doch, dass wir bald nur noch dort ausliefern, wo es für diesen Konzern selbst nicht rentabel ist. Überall sonst baut man eigene Logistikzentren und Zustellbasen auf. Wenn es so weitergeht, wird Amazon die Post bald fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Daher fühle ich mich als Postgewerkschafter auch verpflichtet, das zu kritisieren: Hier geht es um die Arbeitsplätze der Postler.
Was glauben Sie, warum will man so ein Zentrum in Vorarlberg errichten?
Mähr: Das Ganze ist schon interessant: Der Raum von Bregenz bis Bludenz ist für Amazon wie eine Stadt. Aber überall, wo es in die Täler geht, interessiert es sie nicht. Da darf die gute alte Post zustellen. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass dieses Verteilzentrum letzten Endes nach Dornbirn oder nach Vorarlberg kommt.

Warum glauben Sie nicht, dass das Projekt verwirklicht wird?
Mähr:
Zum einen glaube ich nicht, dass sich der Grundeigentümer dazu durchringt. Die Grundstückspreise oder das Baurecht wird Amazon auch zu teuer sein. Zum anderen ist so ein Projekt schon allein vom Verkehr her nicht machbar. Wie ein Politiker schon sagte: „Vorarl­berg is too small.“ Unsere Topografie ist für so etwas nicht geschaffen. Dass ein Unternehmen keine Steuern zahlt und das Land dann Straßenerweiterung um Millionen finanzieren muss, kann ja auch nicht sein. Zusätzlich will man im Land lieber produzierende Betriebe haben. Ich erwarte mir von Landeshauptmann Markus Wallner und Landesrat Johannes Rauch da auch Unterstützung. Schließlich sind beide Postlerkinder. Und der Landeshauptmann hat in seiner Studienzeit auch Post ausgetragen. Sie wissen also, wie es den Mitarbeitern geht.

Was sagen Sie zu den Arbeitsbedingungen bei Amazon?
Mähr:
Amazon ist ein Gigant. Unglaublich, was man dort in 25 Jahren entwickelt hat. Aber meiner Meinung nach gehört das reglementiert. Wenn man hört, dass an die Mitarbeiter in den USA Windeln verteilt werden, damit sie länger arbeiten können und sich die Zeit für den Toilettengang ersparen … Man betreibt hier ein Geschäft auf dem Rücken der Mitarbeiter, der Händler und der Zusteller. So etwas geht einfach nicht. Da ist die Politik gefordert.

Würde ein Logistikzentrum nicht auch Arbeitsplätze schaffen?
Mähr:
Wenn sie jetzt hier etwas aufbauen, ist vielleicht der Chef des Standorts angestellt, aber sonst sicher nicht viele. Für alles andere greift man auf Leiharbeiter zurück. Razzien bei Subunternehmern in Ostösterreich haben da ja massive Gesetzesverstöße an den Tag gebracht. Das Unternehmen Amazon selbst haftet dafür natürlich nicht, es ist ja nur Auftraggeber. Mir geht es um die Postler, deren Stellen dann zu solchen Firmen wandern würden. Wenn man durch Kritik daran Arbeitsplätze retten kann, dann muss man sich als Gewerkschaft auch wehren.

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