Vorarlberg

Arbeitslose aus Wien nach Vorarlberg?

10.07.2021 • 20:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Arbeitsminister Martin Kocher verstärkt die AMS-Kontrollen. Fohringer

Der Wirtschafstbund will, dass Langzeitsarbeitslose Jobs im ganzen Bundesgebiet annehmen

Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) kündigte an, die Kontrollen von Arbeitslosen und die Sanktionen bei Missbrauch des Arbeitslosengeldes zu verstärken. Die bestehenden Zumutbarkeitsgrenzen sollen wieder angewandt werden. „Anstatt 350.000 Arbeitssuchenden zu helfen, wird ihnen mit Sanktionen gedroht, und sogar die Kürzung des Arbeitslosengeldes auf 40 Prozent wird vom ÖVP-Wirtschaftsbund vorgeschlagen“, kritisiert SPÖ-Sozialsprecher Josef Muchitsch.

Der Wirtschaftsbund wünscht sich außerdem, dass Langzeitarbeitslose künftig im ganzen Bundesgebiet vermittelt werden können. Dadurch könnte das AMS beispielsweise Wiener, bei sonstiger Kürzung des Arbeitslosengeldes, verpflichten, eine Arbeitsstelle in Vorarlberg anzunehmen. Aber wie realistisch ist es wirklich, dass bald Arbeitslose aus der Bundeshauptstadt den Vorarlberger Arbeitsmarkt stürmen?

Bemühungen um Vermittlung

Das AMS bemüht sich seit Längerem darum, Arbeitslose aus Innerösterreich in den Westen zu vermitteln, betont Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter. Dabei stößt man aber an einige Grenzen. Zum einen werden in Vorarlberg und Tirol vor allem Saisonkräfte gesucht, was für potenzielle Beschäftigte eine dauerhafte Verlegung des Wohnsitzes unattraktiv macht. Zum anderen schrecken der fehlende soziale Anschluss und die große Distanz in den Zentralraum im Osten viele Bewerber ab. Die Wirtschaftskammer Vorarlberg befürwortet naturgemäß eine größere Flexibilisierung und verweist auf Probleme im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit: „Es geht hier keineswegs um Druck, sondern um die Tatsache, dass die Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit sehr angestiegen ist. Da stellt sich die Frage, warum etwa Deutschland und die Schweiz sinkende Zahlen aufweisen können, wir aber nicht.“

Um Arbeitssuchende zumindest temporär in Beschäftigung zu bringen, kooperiert das Vorarlberger AMS seit Längerem mit seinem Pendant in Wien. Über einen Ausbildungskurs für die Gastronomie gelang es beispielsweise, einige Kräfte ins Ländle zu holen. Wichtig sei dabei der persönliche Kontakt, betont Bernhard Bereuter vom AMS Vorarlberg. Man habe die Kursteilnehmer deshalb auch für die Praxisphase nach Vorarlberg geholt, damit sie die potenziellen Arbeitgeber kennenlernen konnten. Das stelle eine Bindung her und erleichtere die Arbeitsaufnahme nach Kursabschluss. Auch die Wirtschaftskammer, die das Projekt unterstützt hat, betont dessen Vorteile: „Dabei wurden nicht nur Arbeitskräfte vor Beginn einer etwaigen Arbeitslosigkeit angesprochen, sondern auch bereits arbeitslosen Fachkräften freie Arbeitsplätze in Vorarlberger Betrieben angeboten.“

WKV für dänisches Modell

Der Vorarlberger Wirtschaftskammerpräsident Hans-Peter Metzler spricht sich für ein neues Arbeitslosengeldmodell nach dänischem Muster aus. Dort bekommen Arbeitslose zu Beginn wesentlich mehr Unterstützung, als dies in Österreich der Fall ist, dafür sinken die Zahlungen danach. Metzler befürwortet dieses degressive Arbeitslosengeld.

Von der Wirtschaftskammer heißt es dazu weiter: „Betrachtet man die Nettoersatzrate beim Arbeitslosengeld im Ein-Jahres-Zeitraum, ist sie gegenüber anderen Ländern relativ niedrig. Dehnt man aber den Betrachtungszeitraum auf fünf Jahre aus, haben wir eine der höchsten Nettoersatzraten. Andere Länder senken sie sukzessive über die Jahre.“ Metzler bemängelt, dass viele Stellen trotz Arbeitslosigkeit nicht besetzt werden könnten. Derzeit suche man im Land etwa 4700 zusätzliche Beschäftigte, finde aber oft keine. Stellen gebe es dabei „nicht nur für Menschen, die Raketenwissenschaft studiert haben“, so der WKV-Präsident.

Die Wirtschaftskammer will nicht davon sprechen, Wiener zur Annahme von Jobs in Vorarl­berg zu zwingen. Es brauche aber „Anreize für mehr Mobilität“. Man würde die Flexibilität sehr begrüßen. „Warum ist das Menschen aus anderen Ländern zumutbar, aber nicht etwa Personen aus Wien?“
Bei der Besetzung offener Stellen gibt es häufig Qualifizierungsprobleme. Sehr gefragt sind vor allem Tätigkeiten, in denen man geringe oder keine Vorkenntnisse braucht. So suchen mehr als zehnmal so viele Menschen einen Hilfsberuf, als solche zur Verfügung stehen. Allerdings werden angebotene Stellen auch immer wieder abgelehnt. Die Perspektive, in ein anderes Bundesland gehen zu müssen, könnte die Stellenannahme im eigenen Land durchaus beschleunigen, so Bereuter. Ein Ansturm von Wiener Arbeitslosen dürfte daher auch im Fall einer Verschiebung der Zumutbarkeitsgrenzen ausbleiben.