Vorarlberg

Mit fremden Karten eingekauft

17.08.2021 • 20:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Jugendliche vor Gericht. <span class="copyright">NEUE</span>
Die Jugendliche vor Gericht. NEUE

Eine junge Drogensüchtige hat mit fremden Bankomatkarten Einkäufe getätigt und Wertsachen gestohlen.

Welche Kindheit jemand gehabt haben muss, der mit 17 Jahren bereits auf Drogenentzug ist, will man sich nicht vorstellen. Sie sei Alkoholikerin und im Substitutionsprogramm, erklärt die junge Angeklagte dem Landesgericht Feldkirch. Sie nehme Drogenersatzmedikamente, damit sie morgens aus dem Bett komme und das Heroin nicht brauche. Die Tablette funktioniere wie ein Blocker.
Die Verhandlung führt ein junger Richteramtsanwärter sehr besonnen, das Urteil wird, wie vom Gesetz vorgesehen, der ebenfalls anwesende Ausbildungsrichter Gschwenter fällen.
Dieser bittet die Angeklagte zunächst, ihre Baseballkappe abzunehmen. Zunächst verzögert sich aber der Beginn der Hauptverhandlung, weil die Angeklagte noch nicht da ist. Ihr Sozialarbeiter erreicht sie aber telefonisch, als sie bereits am Weg zum Gericht ist.
Wo sie derzeit wohne, will der Verhandlungsführer eingangs von ihr wissen. Das Mädchen ist obdachlos.

Komplexer Strafantrag

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, gemeinsam mit einem Freund mit gefundenen Bankomatkarten Zigaretten im Wert von 72 Euro und ÖBB-Fahrkarten besorgt zu haben. Außerdem soll sie Waren im Wert von 2754,93 Euro in einem Elektronik- und Schreibwarengeschäft gestohlen haben. Eine weitere Person soll durch Täuschung mit den Karten um 35 Euro geschädigt worden sein.
Durch die komplexe strafrechtliche Fallkonstellation rund um die Entfremdung und Verwendung von Bankomat- und Kreditkarten summiert sich der Strafantrag auf vier Delikte: Entfremdung unbarer Zahlungsmittel, Diebstahl, Diebstahl durch Einbruch und schweren Betrug. Dazu zeigt sich die Angeklagte geständig. Der Freund wird getrennt angeklagt.

Diversion geplatzt

Die ursprünglich angebotene Diversion, bei der die Jugendliche Sozialstunden hätte leisten können, wurde widerrufen. Sie sei vergesslich und ihre Unterlagen seien in der Unterkunft, in der sie manchmal schläft, weggekommen, so die Vorarlbergerin. Außerdem habe sie geglaubt, sie habe noch bis Oktober Zeit, um die Sozialstunden abzuleisten, das Diversionsangebot sei dann aber vorher widerrufen worden. Eine Zeit lang sei sie nicht erreichbar gewesen, erklärt ihr Sozialarbeiter dem Gericht. Bis Oktober hätte die gemeinnützige Arbeit aber fertig geleistet und nicht erst begonnen werden müssen, erläutert der Richter. Daher wurde sie nun doch angeklagt.
Ansonsten sei die 17-Jährige aber verlässlicher als manch andere Klienten und halte sich an vereinbarte Termine, heißt es. Auch bei ihrer Einvernahme durch die Polizei habe sie die angebotene Begleitung durch die Kinder- und Jugendfürsorge des Landes in Anspruch genommen.

Einsichtige Täterin

„Sie wissen schon, dass das die falsche Methode ist, um an Geld zu kommen?“, erkundigt sich die Staatsanwältin mit Verweis auf die vorgeworfenen Delikte. Das sieht die Angeklagte ein. „Ich habe es gemacht, weil ich Geld gebraucht habe.“
Das Mädchen lebt derzeit von monatlich 360 Euro Kinderbeihilfe und Unterstandszahlungen. Bei den Opfern hat sich die Jugendliche entschuldigt, was vom Diebesgut noch da war, hat sie zurückgegeben. Ein Opfer verzichtete auf das Geld und wollte nur Karten und Führerschein zurück.
„Lieber Herr, darf ich für sie aussagen?“, ruft ihr ebenfalls drogensüchtiger Freund aus der Zuschauerreihe. Aber niemand braucht seine Ausführungen. „Nein, Sie sagen nicht aus. Sie sind still, sonst schmeiß’ ich Sie hinaus“, erwidert Richter Richard Gschwenter. Der Mann begleitet die Verhandlung dennoch mit lauteren oder leiseren Kommentaren und Selbstgesprächen. Die Eltern oder Erziehungsberechtigten des Mädchens sind nicht erschienen.

Schwierige Verhältnisse

Alle erkennen die schwierige Lebenssituation der Heranwachsenden an. Sie habe „offenbar schon viel mitgemacht“, gibt auch die Staatsanwältin zu bedenken. Es sei wichtig, dass sie wieder auf die Beine komme. Die Anklage bittet das Gericht daher, „eine Strafe zu finden, die dem nicht entgegensteht“.
Die Pflichtverteidigerin schließt sich dem Plädoyer an: „Selten, aber doch muss ich der Staatsanwältin zustimmen.“ Es habe sich um eine kurze Episode gehandelt, in der die bisher Unbescholtene straffällig geworden sei. Sie beantrage daher, auch im Anbetracht des Alters der Teen­agerin, einen Schuldspruch ohne Strafe, wie ihn das Jugendgerichtsgesetz unter bestimmten Voraussetzungen ermöglicht.
Das Gericht befindet die 17-Jährige schließlich für schuldig und verurteilt sie zu vier Monaten bedingter Haft, die ihr auf eine dreijährige Probezeit nachgesehen wird. Außerdem wird Bewährungshilfe angeordnet.
Auf eine Geldstrafe wird ausnahmsweise verzichtet, weil klar ist, dass das Mädchen diese nicht bezahlen könnte und in der Folge eine Ersatzfreiheitsstrafe antreten müsste.
„Nimms a!“, ruft ihr Freund nach der Urteilsverkündung. Nach kurzer Beratung mit ihrer Verteidigerin verzichtet die Verurteilte auf Rechtsmittel. Auch die Staatsanwaltschaft ist mit dem Urteil einverstanden.

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