Vorarlberg

Höchster Motorsägenangriff vor dem Richter

18.08.2021 • 21:04 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das mediale Interesse am Prozess war groß. <span class="copyright">NEUE</span>
Das mediale Interesse am Prozess war groß. NEUE

Ein Konflikt eskaliert im April dermaßen, dass der Vater eines Mädchens mit der Motorsäge auftaucht.

Es passiere „nicht alle Tage, dass jemand splitternackt mit einer Motorsäge auf ein Fahrzeug zuläuft“, erklärt Richter Dietmar Nußbaumer.
Der außergewöhnliche Fall, der am Mittwoch vor dem Landesgericht Feldkirch verhandelt wird, beginnt im Mai mit dem Streit zweier junger Frauen. Worüber sie ursprünglich gestritten haben, ist in der Hauptverhandlung nicht mehr wichtig. Nun geht es um die Vorkommnisse, die darauf folgten. Die eine forderte die andere dazu auf, doch zu ihr nachhause zu kommen, wenn sie sich traue.

Diese tauchte auch tatsächlich auf, mit zwei anderen jungen Frauen und einem Mann im Schlepptau. „Warum so viele?“ will Richter Dietmar Nußbaumer wissen. Man sei eben gerade gemeinsam unterwegs gewesen. Vor der Haustür eskaliert ­schließlich der Streit. Diejenige, die mit ­Verstärkung angereist ist, ­ohrfeigt die andere. Dann ohrfeigen sich beide. Die Angelegenheit ist juristisch bereits aufgearbeitet. Der Vater der jungen Frau hat die Eindringlinge da schon mit unfreundlichen Worten aufgefordert, sein Grundstück zu verlassen. Laut übereinstimmender Zeugenaussagen ruft der Mann, der gerade aus der Dusche kommt und nur mit einem Handtuch bekleidet ist, sie sollten sich „verpissen“.

Als diese den wiederholten Aufforderungen nicht nachkommen, greift er zu seiner Kettensäge, die im Gang seines Hauses steht. Die jungen Erwachsenen flüchten in ihr Auto, die Fahrerin hupt in der Hoffnung, der Mann werde die Kettensäge fallen lassen. Der aber wirft sie an und sägt ein etwa vier Zentimeter großes Loch in das Auto. Nach dem Angriff auf ihr Auto steigt die junge Frau im Schock noch einmal aus, um den Schaden zu begutachten. Warum sie das tut, kann sie sich heute nicht mehr erklären. Vermutlich, so insinuiert der Verteidiger, sei die Situation ja gar nicht so gefährlich gewesen.

Die Befragung seiner Tochter ist wiederum deren Vater, der im Publikum sitzt, zu viel. Gerade als der Richter den Anwalt zurechtweisen will, beginnt der Mann wütend zu schreien und verlässt den Verhandlungssaal, „damit nicht noch etwas passiert“. Die Tür fällt krachend ins Schloss. Nach der Hauptverhandlung wird der Mann zurückkommen und sich bei Richter Nußbaumer entschuldigen.

Frage nach der Drohung

Neben dem Vater mit der Motorsäge ist noch einer der Begleiter angeklagt. Der junge Mann soll den Erstangeklagten zunächst bedroht haben und nach dem Motorsägenangriff noch einmal aus dem Auto gestiegen sein, um mit einem Stock auf ihn loszugehen. Warum er das gemacht habe, will der Richter von ihm wissen. Er sei mit der Fahrerin sehr eng befreundet und habe sie beschützen wollen, erklärt der 20-Jährige. Er ist wegen gefährlicher Drohung bereits vorbestraft und nun erneut deswegen angeklagt. Dem Erstangeklagten soll er mit den Worten „Ich bring’ dich um du Hurensohn“ entgegengetreten sein. Dieser wiederum habe den türkischstämmigen Österreicher als „scheiß Jugo“ beschimpft und gedroht, sie alle „zu vergasen“, sollten sie wiederkommen.
Er habe nicht gewollt, dass die Situation noch weiter eskaliere und sei deshalb dazwischen gegangen, beteuert der junge Mann. „Mein Ziel war es nicht, irgendjemanden zu bedrohen.“ Dass die Fahrerin aussagt, sie habe den Zweitangeklagten zurückhalten müssen und dabei sein T-Shirt zerrissen, ­unterstützt seine Aussage wenig.

Auch nachdem mehrere Zeugen seine Drohung bestätigen und der Richter ihm die Brücke in Richtung Geständnis legen möchte, bleibt dieser bei seiner Aussage: „Würde ich sowas tun, würde ich es Ihnen ehrlich sagen.“ Er habe um die Sicherheit seiner Kollegin gefürchtet, die nochmal aus dem Auto gestiegen sei. Der Erstangeklagte schaue schließlich „recht kräftig aus, wenn ich das so sagen darf“. „Sie haben ihn nackt gesehen, Sie können das wahrscheinlich besser beurteilen als ich“, erwidert der Richter. Tatsächlich hat der Erstangeklagte zwischendurch sein Badetuch verloren. „Ich verstehe, dass er seine Tochter beschützen will, das würde jeder Vater tun. Aber er hat überreagiert“, befindet der junge Kontrahent.

Der Erstangeklagte  (vor dem Richter) und der Zweitangeklagte (mitte rechts) kamen glimpflich davon. <span class="copyright">NEUE</span>
Der Erstangeklagte (vor dem Richter) und der Zweitangeklagte (mitte rechts) kamen glimpflich davon. NEUE

Der Erstangeklagte bekennt sich schuldig. Er würde heute zuerst die Polizei rufen. „Wie sollen wir verhindern, dass so etwas wieder passiert?“, fragt ihn der Richter. „Ich hab’ die Motorsäge weitergeschenkt“, antwortet der Mann. Sie gehöre nun einem Freund. „Das heißt, die können wir gar nicht konfiszieren, wie es die Staatsanwaltschaft beantragt hat?“ „Ich kann ihn schon fragen, ob ich sie wieder bekomme, wenn Sie sie unbedingt haben wollen.“

Von der Tochter des Erstangeklagten will der Richter wissen, was sie sich gedacht habe, als sie ihren Vater mit der Motorsäge gesehen habe. Nach einigem Herumgedruckse meint sie, dass die anderen selbst schuld wären, weil sie nicht gegangen seien. „Wollen Sie ihrer Tochter so ein Vorbild sein?“, fragt der Richter den Angeklagten. „Nein“, antwortet dieser zerknirscht.

Mit der Autofahrerin streitet er noch über die Kosten der Reparatur. Nachdem Richter Nußbaumer mit dem Zaunpfahl winkend auf den positiven Einfluss einer Zahlung auf eine mögliche Diversion hinweist, übergibt der Motorsäger noch im Gerichtssaal 200 Euro an die Zeugin. Er wolle niemanden nötigen, aber es wäre nun auch ein guter Zeitpunkt für eine Entschuldigung, meint Nußbaumer. „Es tut mir leid wegen dem Fahrzeug. Das Fahrzeug kann auch nichts dafür“, meint der Angeklagte. Was er getan habe, sei ein Fehler gewesen.

Der Richter bietet ihm daraufhin die Diversion an. Wird sie rechtskräftig, muss er in sechs Monaten 200 Stunden gemeinnützige Arbeit und einen Kos­tenbeitrag von 350 Euro leisten. Vom Vorwurf der gefährlichen Drohung wird er hingegen freigesprochen. Sie wird als strafloser Notwehrexzess gewertet.
Der Zweitangeklagte wird hingegen wegen gefährlicher Drohung zu sechs Monaten bedingt und einer Geldstrafe von 60 Tagsätzen zu vier Euro verurteilt. Seine Freundinnen im Publikum brechen zunächst in Tränen aus, weil sie von einer unbedingten Haftstrafe ausgehen. „Sie müssen nicht ins Gefängnis“, stellt Richter Nußbaumer klar. Der Zweitangeklagte lässt sich erleichtert in seinen Sessel fallen. Die Staatsanwaltschaft gibt keine Erklärung ab.

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