Vorarlberg

Messerangriff auf den Ex-Geliebten

24.08.2021 • 20:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ob sie das Messer nur geschwungen oder damit zugestochen hatte, konnte  die Angeklagte  nicht mehr sagen. <span class="copyright">NEUE</span>
Ob sie das Messer nur geschwungen oder damit zugestochen hatte, konnte die Angeklagte nicht mehr sagen. NEUE

Eine Affäre endete in einem Messerangriff durch die Ex-Geliebte.

Wenn Details aus dem persönlichen Lebensbereich an die Öffentlichkeit gelangen, ist das in der Regel für alle Beteiligten sehr unangenehm. Entsprechend betreten schilderte eine verheiratete 34-jährige Türkin ihre Affäre mit einem gleichaltrigen Mann bei ihrer Einvernahme vor dem Landesgericht Feldkirch. „Ich hatte Hoffnungen, dass er sich scheiden lässt“, übersetzt der Dolmetscher die Ausführungen der dreifachen Mutter. Doch der ebenfalls türkischstämmige Geschäftsmann, der ebenso verheiratet ist, habe sie „ständig belogen und betrogen“.

Streit um Scheidung

Zeitweise habe sie sich von ihm trennen wollen, doch das habe der damalige Geliebte abgelehnt. Am einen Tag habe er auf ihr Drängen, er solle sich endlich scheiden lassen, gesagt: „Nein, das geht nicht.“ Am nächsten Tag habe er wieder gesagt: „Ich kann nicht ohne dich.“ Das sei eineinhalb bis zwei Jahre lang so gegangen, erklärte die Frau. Als beide Familien von der Affäre erfahren hatten, habe sich die soziale Lage für sie verschärft. Sie habe ihn bei einem Besuch in seinem Geschäft noch einmal gedrängt, sich nun doch scheiden zu lassen. Der Mann habe sie bei dieser Gelegenheit aber nur beschimpft und sie sei deshalb in Rage geraten. „Ich bin nicht hineingegangen, um ihn anzugreifen“, erklärte die Frau, die ihren Ex-Liebhaber als eher ängstlichen Menschen beschreibt.

Dennoch erschien sie mit einem Tapetenmesser in der Tasche, welches sie im Streit auch zog, um damit ihre Affäre damit zu attackieren. Ob sie nur damit nur herumgefuchtelt oder gezielt zugestochen habe, konnten in der Hauptverhandlung weder die Täterin noch das Opfer mit Gewissheit sagen. Es gebe ja Videoaufnahmen vom Vorfall, erklärte die Angeklagte. Erst, als sie diese gesehen hatte, sei ihr klar geworden, was sie getan habe. Es gebe keine Entschuldigung dafür, auf einen Menschen mit einem Messer loszugehen, erklärte ihr Verteidiger. Man müsse aber bedenken, in welcher Situation sich die Frau befunden habe.

Konservatives Umfeld

Privat erwies sich das Bekanntwerden der Affäre in ihrem Umfeld für die Frau als belastend. „Die türkische Community kennt sich untereinander“, erläutert der Verteidiger die Situation der Angeklagten. Der Ex-Geliebte habe allen erzählt, sie wäre ihm nachgelaufen. Der Ehemann der Frau hat ihr mittlerweile verziehen und auch von persönlichen Vergeltungsaktionen gegen sie oder den ehemaligen Liebhaber seiner Frau abgesehen, was der Verteidiger lobend hervorhebt. „Sie wissen, wie das mit Ehrenmorden oder ähnlichem ist“, erläutert er dem Gericht.

Die Verteidigung geht nur von einer Körperverletzung, aber nicht von der angeklagten versuchten schweren Körperverletzung aus und verweist auf die dazu erschienene juristische Fachliteratur. Beim angeklagten Delikt richtet sich der Vorsatz der Täterin nur auf die einfache Körperverletzung, während im Ergebnis dennoch eine schwere Körperverletzung vorliegt. Früher ging man davon aus, dass es bei diesem Sonderfall der schweren Körperverletzung keinen Versuch geben kann, da es sich dann automatisch um eine einfache Körperverletzung handeln müsse. Die Rechtssprechung habe sich diesbezüglich aber geändert, erklärt Richter Gschwenter. Man könne nun auch in diesem Fall von der Möglichkeit eines Versuchs ausgehen. Dadurch schwinden die Hoffnungen der Verteidigung, für die Angeklagte noch einen außergerichtlichen Tatausgleich ohne Verurteilung zu erreichen.

Keine Ansprüche

Das Opfer will von der Ex-Geliebten kein Schmerzengeld, auch wenn diese laut ihrem Verteidiger bereit gewesen wäre, eine entsprechende Forderung anzuerkennen. Überhaupt will der Mann von der ganzen Sache nichts mehr wissen. „Ich will gar nichts haben“, erklärt der Geschäftsmann. Als er vor Richter Gschwenter sitzt, beginnt seine Nase zu bluten. Der Dolmetscher reicht ihm ein Blatt von einer herumliegenden Küchenrolle. Von der Messerattacke hat das Opfer nur einen Schnitt am Finger davongetragen.

Nachdem der Ex-Geliebte erklärt hat, sich nicht mehr genau an den Vorfall erinnern zu können, wurde er als Zeuge entlassen. Auch ein weiterer Zeuge, der nur gesehen hatte, wie die Frau das Geschäft mit dem Messer betrat, konnte nach kurzer Einvernahme wieder gehen. Eine Diversion wurde verworfen, da sich durch den Gebrauch einer Waffe die Strafandrohung bei einer schweren Körperverletzung auf mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe erhöht und ein außergerichtlicher Tatausgleich nur in Betracht kommt, wenn die Schuld nicht als schwer anzusehen wäre. Auf dem Video sei jedoch außerdem zu sehen, dass gezielt zugestochen wurde, so der Richter.

Mildes Urteil

Staatsanwalt Heinz Rusch erkannte in seinem Schlussplädoyer jedoch die „emotional angespannte Situation“ an, in der sich die Angeklagte zum Tatzeitpunkt befunden habe. Er gab aber auch die Gefährlichkeit der Tatwaffe zu bedenken: „Diese Messer schneiden extrem gut.“ Die Verteidigung pflichtete der Staatsanwaltschaft bei, was die AusStaatsanwalt Heinz Rusch erkannte in seinem Schlussplädoyer jedoch die „emotional angespannte Situation“ an, in der sich die Angeklagte zum Tatzeitpunkt befunden habe. Er gab aber auch die Gefährlichkeit der Tatwaffe zu bedenken: „Diese Messer schneiden extrem gut.“ Die Verteidigung pflichtete der Staatsanwaltschaft bei, was die Ausnahmesituation der Angeklagten betroffen habe und erbat vom Gericht ein mildes Urteil.

Richter Gschwentner verurteilt die Angeklagte wegen versuchter schwerer Körperverletzung und gefährlicher Drohung. Aufgrund der vorliegenden Milderungsgründe erhielt die bisher unbescholtene Frau nur eine Geldstrafe, die er ihr tweilweise bedingt nachsah. Von den 400 Tagsätzen zu je vier Euro muss die Verurteilte daher nur die Hälfte, also insgesamt 800 Euro bezahlen, wenn sie sich in den nächsten drei Jahren nichts zuschulden kommen lässt.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.