Vorarlberg

Freispruch nach wirrer Zeugenaussage

25.08.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hauptverhandlung vom 25.08.21
Hauptverhandlung vom 25.08.21

Die Zeugenaussage in einem Verfahren wegen schwerer Körperverletzung erwies sich als wenig belastbar.

Dass sich der 32-jährige Dornbirner am Mittwoch überhaupt vor dem Landesgericht Feldkirch verantworten musste, überraschte angesichts der wenig ergiebigen Beweislage. Die Staatsanwaltschaft hatte außer einem fragwürdigen Zeugen weder Beweise noch Indizien gegen den Angeklagten vorzubringen.
Dem Verkäufer, der sich wegen schwerer Körperverletzung verantworten musste, wurde zunächst vorgeworfen, am 20. Juli 2020 einen anderen Mann in der Nähe des Dornbirner Bahnhofs mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen, ihm das Bein am Gehsteigrand fixiert und dann das Schlüsselbein gebrochen zu haben. Der dreifach vorbestrafte Angeklagte bestritt die Tat vollumfänglich. Er kenne das Opfer nur entfernt und habe am Tattag in einem Wettcafé einige Hundert Meter entfernt gearbeitet.

Wirre Aussagen

Zunächst entstand Verwirrung über das Datum. Offenbar hatte das mutmaßliche Opfer sowohl den 21. als auch den 22. Juli als Tatzeit­punkte genannt. Die Staatsanwaltschaft wiederum hatte den 20. Juli angeklagt und modifizierte den Strafantrag schließlich auf den 22. Juli. Der Angeklagte gab an, auch an diesen Tagen im Wettcafé gearbeitet zu haben. Zum Tatzeit­punkt zwischen 16 Uhr und 16.30 Uhr habe er auch sicher keine Pause gehabt, da er erst um 14 Uhr begonnen und die Arbeit erst nach vier Stunden ruhen habe lassen. Der Angeklagte zeigte sich im Hinblick auf den Tatvorwurf sichtlich irritiert. Er habe keinen Grund gehabt, den Mann anzugreifen.

Die Aussagen des einzigen Belastungszeugen, des möglichen Opfers der Straftat, vor der Polizei und vor Gericht erwiesen sich als wenig konsistent. Abgesehen von der Verwirrung um den Tatzeit­punkt hatte er den Angeklagten auch nicht sofort nach dem Vorfall als Täter benennen können, obwohl er ihn bereits kannte. Er habe ein „Blackout“ gehabt, gab der Mann vor Gericht an.

Frage nach dem Motiv

Erst, als er den Angeklagten vier Monate später wiedergesehen hat, habe er einen „Flashback“ gehabt und ihm sei klar geworden, dass dieser der Täter gewesen sei. An die Tat selbst hatte der Mann nur noch vage Erinnerungen. Zwei andere Männer seien auch dabei gewesen, gab er an, diese hätten aber nur zugeschaut. Bei der Polizei hatte er noch ausgesagt, diese hätten sich beteiligt. Unter Beteiligung verstehe er Zusehen, erläuterte er auf Nachfrage. Dass der Zeuge nach dem vorgeblichen Angriff in Götzis mit 2,8 Promille Blutalkohol aufgegriffen worden war, erhärtete den Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft nicht zusätzlich

Zum Motiv des Angeklagten befragt, erwiderte der derzeit arbeitslose Zeuge: „Das müssen Sie ihn fragen.“ Nachdem er ihn bei der Polizei als Täter benannt hatte, habe der Angeklagte versucht, ihn über Facebook anzurufen. Er habe vor der Tat auch einmal Streit mit dem Angeklagten gehabt. Dieser habe irgendwelche Unterlagen in seiner Wohnung gehabt und dazu telefonieren wollen. Er, der Zeuge, habe mitkommen und ihm helfen sollen, sich dem aber verweigert, weil der andere immer so viel geflucht habe. Der Angeklagte bestritt hingegen, dass es je zu dem Vorfall gekommen sei. Laut Verteidigung habe er nach dem Tatvorwurf über Facebook nur die Aussprache gesucht.

Ex-Chef sagte aus

Zusätztlich entlastet wurde der Angeklagte durch seinen ehemaligen Arbeitgeber. Dieser bestätigte die Richtigkeit der von der Verteidigung vorgelegten Arbeitszeitaufzeichnungen. Außerdem beschrieb er den Mann, der im Lokal für das Befüllen der Getränkeautomaten und die Aufrechterhaltung der Ruhe zuständig war, als zuverlässigen Mitarbeiter. Er selbst sei täglich zur Kontrolle im Wettcafé und habe damals keine Probleme festgestellt. Hätte der Mann zum Tatzeitpunkt gefehlt, wäre dies außerdem dem anderen Mitarbeiter aufgefallen.

Die Zeitaufzeichnungen würden monatlich an die Zentrale in Innsbruck übermittelt, was eine nachträgliche Manipulation ausschloss. Ob es dennoch möglich gewesen wäre, dass der Angeklagte vor dem Ablauf der ersten vier Arbeitsstunden eine Pause genommen habe, wollte Richteramtsanwärter Alexander Wehinger wissen, der die Verhandlung leitete. „Nein, eigentlich nicht“, erklärte der Zeuge. Wäre dem vorgeblichen Opfer der Name des Täters früher eingefallen, hätte man die Anwesenheit des Angeklagten an seinem Arbeitsplatz auch per Videoaufzeichnung überprüfen können. Laut dem Zeugen, der Gesellschafter des Wettcafés ist, werden diese alle 10 bis 14 Tage überspeichert.

Freispruch ohne Zweifel

Der Verteidiger ging in seinem ausführlichen Schlussplädoyer noch einmal auf die Inkonsistenz der Aussagen des Belastungszeugen ein. Er habe den Angeklagten vom Sehen gekannt, aber dennoch erst nach Monaten angezeigt. „Wozu braucht er einen Flashback?“ Bei der Polizei habe er den Täter zunächst als Österreicher beschrieben, der Angeklagte war aber türkischstämmig. Beim Alkoholisierungsgrad des Zeugen könne man von Bewusstseinsstörungen ausgehen.

Richter Richard Gschwenter sprach den Angeklagten vom Vorwurf der schweren Körperverletzung frei. Davon sei wohl keiner der Anwesenden wirklich überrascht, so Gschwenter. Die Ausführungen des Zeugen seien „wirr“ und die Suppe „zu dünn, um nicht zu sagen fast leer“ gewesen. Die Staatsanwaltschaft und der Privatbeteiligtenvertreter gaben keine Erklärung ab.

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