Vorarlberg

Intensivtote waren alle ungeimpft

16.11.2021 • 18:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Bevölkerung müsse nun das Spitalspersonal schützen, fordert der LKH-Geschäftsführer.<span class="copyright">Mathis</span>
Die Bevölkerung müsse nun das Spitalspersonal schützen, fordert der LKH-Geschäftsführer.Mathis

Sollte sich die Situation nicht bessern, ist mit harten Maßnahmen zu rechnen.

Die Anspannung aller Beteiligten war am Dienstag bei der Pressekonferenz der Vorarlberger Krankenhäuser spürbar. Auf den Gängen des Verwaltungstraktes des Stadtspitals Dornbirn standen Mitarbeiter, um sich die Hiobsbotschaften anzuhören, die von der Leitung der Landeskrankenhäuser verkündet wurden.

Kritische Entwicklung

Die Lage sei „sehr besorgniserregend“, so Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft, einleitend. Derzeit betreue man 95 Covid-19-Patienten in den Vorarlberger Spitälern, davon 15 auf den Intensivstationen. Das Personal befinde sich an der Belastungsgrenze, teilweise auch bereits jenseits davon.
Nun liege es an jedem Einzelnen, durch sein Verhalten nicht noch für zusätzliche Hospitalisierungen zu sorgen. Derzeit befinden sich auch die Infektionen bei den Krankenhausmitarbeitern im Steigen, was die Situation zusätzlich verschärft. Aktuell können 124 Spitalsangestellte wegen Erkrankungen und Quarantänen nicht eingesetzt werden. Je stärker die Infektionslage in der Bevölkerung ansteigt, desto gefährdeter sind auch Ärzte und Pfleger. „Die Bevölkerung in Vorarlberg hat die Verantwortung, das Spitalspersonal zu schützen“, so Fleisch.

Kein Verständnis für Ungeimpfte

Auch wenn man anfangs vielleicht ein gewisses Verständnis für Menschen gehabt hätte, die der Impfung gegenüber skeptisch waren: „Dieses Verständnis ist nun bei null.“

Weltweit seien bereits Milliarden von Impfdosen verab­reicht worden, man verfüge über ausreichend Erfahrungswerte, so Fleisch. Der Intensivmediziner Wolfgang List vom LKH Feldkirch verweist auf die sehr niedrige Zahl an Spitalsaufnahmen bei jenen Altersgruppen, die eine hohe Impfrate aufwiesen. Während früherer Wellen, seien vor allem ältere Menschen im Krankenhaus gelandet, nun seien es vor allem Unter-60-Jährige. Man sollte sich fragen, warum bei jenen, die eine über 90-prozentige Impfquote aufwiesen auch die Erkrankungen drastisch zurückgegangen seien.

List beklagt die verpasste Chance, die positive Stimmung gegenüber dem Gesundheitspersonal in eine hohe Impfbereitschaft umzumünzen. „Als Gesellschaft haben wir leider versagt.“ Man habe es nicht geschafft, impfskeptische Menschen ausreichend zu erreichen. Vielen sei wohl nicht bewusst, wie angespannt die Lage in den Spitälern sei, so der Arzt, „oder es ist ihnen letztendlich egal“.

Gefährliche Gleichgültigkeit

Das Problembewusstsein in der Bevölkerung scheint abgestumpft zu sein. Wo im Vorjahr noch dem Gesundheitspersonal für seinen Einsatz applaudiert wurde, herrscht nun Gleichgültigkeit. „An den Bildern hat man sich sattgesehen“, so List. Er ruft dennoch alle Zweitgeimpften auf, sich den dritten Stich zu holen, da die Immunisierungswirkung der Impfung nach vier Monaten zum Teil deutlich nachlasse.

Ja, man könne sich auch als Geimpfter infizieren, aber die Gefahr sei deutlich geringer. Gerald Fleisch bringt den dramatischen Unterschied auf den Punkt: Derzeit sind 63,1 Prozent der Bevölkerung geimpft, auf den Intensivstationen befanden sich in den letzten Wochen im Schnitt jedoch nur 17 Prozent Geimpfte. Von den 15 Intensivbetten, die derzeit mit Coronapatienten belegt sind, liegen aktuell elf Ungeimpfte. Alle Patienten, die derzeit künstlich beatmet werden müssen, sind ungeimpft. Alle Menschen, die in der vierten Welle auf den Vorarlberger Intensivstationen verstarben, waren ungeimpft.

OP-Verschiebungen

In Einzelfällen müsse in den nächsten Tagen darüber nachgedacht werden, notwendige Operationen zu verschieben, so Fleisch. An eine Aktivierung des Notversorgungszentrums in der Messehalle werde man denken, wenn die Risikostufe vier ausgerufen werde. Aber auch davon scheint man nicht mehr weit entfernt.Es gebe nur eine begrenzte Zahl an Intensivbetten. „Diese Betten werden knapp“, so List. Angesichts der aktuellen Lage in Ostösterreich, sehe er den kommenden Wochen „mit Grauen“ entgegen.

Apelle an die Ungeimpften

Bertram Ladner vom Krankenhaus Dornbirn hebt den aufopfernden Einsatz der Mitarbeiter lobend hervor, die nun seit 20 Monaten Übermenschliches leisten: „Wir geben alles Mögliche“, betont er, auch wenn die Pflegekräfte teilweise die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit überschritten hätten, so Ladner, der einen Wunsch anfügt: „Bitte lassen sie sich impfen!“
Auch Fleisch appelliert angesichts der Zahlen noch einmal an die Ungeimpften: „Der Intelligente Mensch ändert seine Meinung.“ Wenn sich die Entwicklung weiter verschärfe, „wird die Situation kommen, an der wir einfach nicht mehr können.“ Dann werde es zur Triage kommen müssen.