Vorarlberg

Zusteller: „Das System wird kollabieren“

20.11.2021 • 19:14 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Weihnachtspakete könnten heuer häufig liegenbleiben. <span class="copyright">Hartinger</span>.
Weihnachtspakete könnten heuer häufig liegenbleiben. Hartinger.

Lockdown und Weihnachten werden zu Einschränkungen führen.

Die Zusteller litten schon bisher unter einer chronischen Personalknappheit. Zu anstrengend erscheint vielen die Arbeit, zu gering der Lohn. Es sei auch so schon schwer Mitarbeiter zu finden, erklärt Branchensprecher Michael Forster der NEUE am Sonntag auf Anfrage. Die aktuelle Lage in der Pandemie verschlimmere die Situation aber noch zusätzlich.

Ausfälle durch Covid-19-Erkrankungen, Probleme bei den Tests, Impfverweigerer unter den Fahrern und nicht zuletzt der angekündigte Lockdown machen das Zustellgeschäft immer komplizierter. „Die Leute sagen einem ganz klar ins Gesicht: ,Chef, wenn du verlangst, dass ich mich impfe, bin ich weg‘“, erklärt Forster.

„Durch die Verschärfung werden die Bestellzahlen hochgehen.“

Michael Forster, Branchensprecher

Kollaps des Liefersystems

Gleichzeitig steige die Zahl der Lieferungen, auch durch den Transport von Tests, Medikamenten und Impfungen, weiter an. Für das Weihnachtsgeschäft, das bereits in normalen Jahren eine große Herausforderung für die Branche darstellt, sieht der Sprecher der Vorarlberger Kleintransportunternehmer in der Fachgruppe Güterbeförderung der Wirtschaftskammer schwarz: „Das System wird kollabieren.“

Auch der Postgewerkschafter Franz Mähr befürchtet Engpässe durch den kommenden Lockdown und das Weihnachtsgeschäft: „Der Druck der Arbeitsbelastung nimmt stark zu und bin gespannt wie das weiter geht.“ Die Post habe im Sommer zwar zusätzliche Mitarbeiter versprochen, aber letztlich keine eingestellt. „Die Arbeitsplätze sind leer, da das Personal nicht da ist.“ Alleine in Vorarlberg wären 35 zusätzliche Stellen eingeplant gewesen, doch man findet keine Mitarbeiter. Bereits jetzt habe die Post Probleme bei der Zustellung, so Mähr. Während sich die Lage im Bezirk Dornbirn gebessert habe, sei sie nun im Bezirk Feldkirch massiv problematisch: „Mich wundert, dass die Kunden dies mitmachen, aber ich denke die sind einiges schon gewohnt“, meint der Gewerkschafter.

Im Zustellgeschäfft fehlt es an Arbeitskräften, auch wegen der geringen Löhne. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Zustellgeschäfft fehlt es an Arbeitskräften, auch wegen der geringen Löhne. Hartinger

Zusteller sind überlastet

Die Belastung für die Mitarbeiter geht laut Mähr, den die Post seit Jahren vergeblich versucht zu entlassen, schon über das gesetzlich vorgesehene Höchstmaß hinaus. Zulässig wäre eine tägliche Höchstarbeitszeit von zehneinhalb Stunden inklusive einer halbstündigen Pause. In Wahrheit arbeiteten die Postler aber häufig mehr.

„Die Postler sind auf jeden Fall am Limit und unsere Top-Manager sind auch am Limit, aber mit der maximalen Boni-Ausschüttung in Millionenhöhe.“

Franz Mähr, Postgewerkschafter

Die Mitarbeiter und die Führungskräfte würden zwar ihr Bestes gaben, „aber wenn die Rahmenbedingungen aus Wien nicht passen, wie Arbeitsbedingungen und Löhne, dann kann es nicht klappen.“
Zustellersprecher Forster sieht die Lage ähnlich kritisch. Man könne die Überarbeitung in der Zustellbranche fast mit den Zuständen in den Spitälern vergleichen, meint er. Und er sieht kein Ende der angespannten Lage, der Lockdownwird dazu weiter beitragen: „Durch die Verschärfungen werden die Bestellzahlen hochgehen.“

Zustände wie in Großbritannien?

Die heimische Politik würde gut daran tun, „mit einem Auge auf die Situation in England zu schielen“, erklärt Forster. Das habe er auch bereits deutlich kommuniziert. Wenn sich nichts ändere, könnten solche Zustände auch in Vorarlberg bald drohen.
Die heraufziehende Lieferkrise beschränkt sich aber nicht nur auf ein Bundesland: Ein Wiener Logistikmitarbeiter eines Vorarlberger Unternehmens, der anonym bleiben will, rechnet mit 20 bis 30 Prozent Ausfällen beim Verteil- und Zustellpersonal in den nächsten Wochen. Einerseits sei die Impfquote je nach Zusteller sehr unterschiedlich, aufgrund von Impfskepsis und Faulheit gebe es bei manchen Subunternehmern kaum Geimpfte, was das Risiko von Ausfällen erhöhe.

Andererseits gebe es durch den hohen Anteil an Ausländern unter den Mitarbeitern ein weiteres Problem: In Österreich nicht anerkannte Impfstoffe wie Sputnik oder Sinovac, die in osteuropäischen Staaten eingesetzt wurden, gelten nicht bei der Einhaltung der 3-G-Regel am Arbeitsplatz. In Ungarn behelfe man sich nun damit, bei den Betroffenen einfach mit Pfizer nachzuimpfen, erklärt der Logistiker. Auf den ungarischen Impfzertifikaten stünde dann nur noch dieser Impfstoff, frühere Dosen mit dem russischen oder dem chinesischen Vakzin würden hingegen nicht mehr ausgewiesen.
Außerdem gebe es Aufgrund der angespannten Situation bereits etliche Kündigungen. Täglich müssten mehrere Mitarbeiter nachhause geschickt werden, weil sie die 3-G-Nachweise nicht erbrächten. Bei den Fahrern sei der Engpass aber so drückend, dass man die Nichteinhaltung mit Anweisung von Oben mittlerweile einfach ignorriere.

Ungeliebtes Transportwesen

Michael Forster wünscht sich für eine Besserung der Lage vor allem mehr Anerkennung für den Beruf. Man werde häufig nur als Stau- oder Unfallverursacher wahrgenommen und bekomme in der Debatte um den Klimawandel laufend die Schuld zugeschoben.
Dabei sollten sich auch die Kunden überlegen, ob man nicht besser manche Dinge im Land besorgen könne, anstatt sie zu bestellen. Auch bei der verbreiteten Mentalität, sich Waren liefern zu lassen, von denen man den Großteil dann wieder zurückschickt, müsse sich etwas ändern.
In der Bevölkerung und bei der Politik sollte sich die Überzeugung durchsetzen, „dass die viel verschrieene Transportbranche auch Systemerhalter ist“, erklärt der Sprecher der Kleintransporteure.