Vorarlberg

Weit weg von der Ganztagsschule

15.06.2022 • 18:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Ganztägige Schulformen mit umfassendem Angebot sind nach wie vor selten.

Für Schüler, deren Eltern Vollzeit berufstätig sind, ist das Betreuungsangebot in Österreich im internationalen Vergleich unterentwickelt. Das ändert sich auch in Vorarlberg nur sehr langsam, wie jüngst veröffentlichte Zahlen der Bildungsdirektion belegen. Besonders bei den verschränkten Ganztagsschulen – also jenen, an denen sich Schul- und Freizeitaktivitäten den ganzen Tag über abwechseln – ist das Angebot gering. Über die Ursachen ist sich die Politik uneins.

Neos sehen Platzmangel

Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht beklagte in einer Anfrage im Landtag Ende Mai den schleppenden Ausbau der verschränkten Ganztagesschule und verwies auf Versprechen der ersten schwarz-grünen Koalition. Diese habe bereits 2014 eine Verdoppelung dieser Ganztagesbetreuung gefordert. Allerdings habe der Landes-Rechnungshof bereits 2018 die Umsetzung kritisiert. Es habe damals gar keine ausreichende Datengrundlage bestanden, sodass die Landesregierung nicht einmal gewusst habe, was sie verdoppeln wollte. Umgesetzt sei das Ziel jedenfalls nicht worden, hielt Scheffknecht fest.

Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht stellte Anfrage. <span class="copyright">Hartinger</span>
Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht stellte Anfrage. Hartinger

So habe es im Schuljahr 2016/17 insgesamt 76 Klassen an Vorarlberger Schulen gegeben, in denen die verschränkte Ganztagesbetreuung angeboten worden sei. Die Zahl sei bis zum Schuljahr 2020/21 aber auf lediglich 80 Klassen gestiegen. Viele Eltern würden gar keinen Platz bekommen, kritisiert die Neos-Klubobfrau: „Wer nicht nach dem First-come-first-serve-Prinzip unmittelbar nach Semesterzeugnisüberreichung in die Wunschschule eilt, um seinem Kind einen Ganztagesplatz zu sichern, wird abgewiesen.“

Die Gemeinde entscheidet

Beim Land versteht man die Aufregung nicht. Der Bedarf für die verschränkte Ganztagesbetreuung werde für das nächste Schuljahr jeweils im März und April, an Bundesschulen bereits im Februar erhoben, heißt es in der nun veröffentlichten Anfragebeantwortung der für Bildung zuständigen Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP). Bei der Frage, ob dann ganztätige Betreuungen angeboten würden, nehme man auf die Anmeldungszahlen bedacht „sowie auf die räumlichen Voraussetzungen und auf andere regionale Betreuungsangebote“.

Landesstatthalterin Schöbi-Fink. <span class="copyright">VLK/Mathis</span>
Landesstatthalterin Schöbi-Fink. VLK/Mathis

Für die Einrichtung der Ganztagsklassen sind die Schulerhalter, also bei Pflichtschulen im Regelfall die Gemeinden zuständig. Wenn sie befinden, dass das regionale Betreuungsangebot ohnehin groß genug ist, können sie demnach die Ganztagesbetreuung an ihren Volks- und Mittelschulen ablehnen. Der Lehrermangel trägt zu den Schwierigkeiten beim Angebot verschränkter Ganztagsschulen noch zusätzlich bei. Wer keine Betreuungspersonen findet, kann auch keine Betreuung ermöglichen.

Ganztägige Schulformen

Tagesbetreuung

Dazu gehört die Nachmittagsbetreuung nach Unterrichtsende, sowie das Mittagessen. In der Praxis besteht diese manchmal nur aus einer Gangaufsicht.

Ganztagesbetreuung

Bei der verschränkten Form wechseln dagegen Unterrichts-, Lern- und Freizeit im Laufe eines ganzen Tages ab. Die Betreuung ist hier wesentlich intensiver.

An den Bundesschulen, wo auch der Bund als Schulerhalter für die verschränkte Ganztagesbetreuung zuständig ist, werde bereits bei der Anmeldung erhoben, sieht die Bildungsdirektion, die als Behörde alle Schulen im Land betreut, gleich überhaupt keine Probleme: „Ein Defizit des Angebotes im Bereich der Bundesschulen ist der Bildungsdirektion nicht bekannt.“ Demnach dürfte es in den Unterstufen der öffentlichen Gymnasien kaum Bedarf an verschränkten Ganztagesbetreuungen geben. Im ganzen Land wird dieser nämlich nur an drei Schulen angeboten, zwei davon sind privat, nämlich das Sacre Ceur in Riedenburg und die Mehrerau. Das BG Dornbirn bietet als einziges öffentliches Gymnasium im Land diese Schulform mit intensiver Ganztagsbetreuung an. Für Scheffknecht ist das „erstaunlich“. Sie hält das Angebot für zu gering, selbst wenn im Herbst eine zweite öffentliche Unterstufe, nämlich das BG Blumenstraße in Bregenz, hinzukommen soll. An den übrigen öffentlichen Gymnasien ist selbst die einfache Tagesbetreuung teilweise stark eingeschränkt. Zumindest eine Form der Mittagsbetreuung wird jedoch überall angeboten.

Förderungen des Bundes

Für den Ausbau ganztägiger Schulformen an den Pflichtschulen stellt der Bund den Ländern zusätzliche Mittel zur Verfügung. Von den 5,8 Millionen Euro, die der Bund dem Land in den Jahren 2019 bis 2022 gewährt hätte, wurden letztlich aber nur 4,6 Millionen abgeholt. Bei den Bundesmitteln, die es zusätzlich für die schulische Tagesbetreuung, die weniger aufwändig ausfällt als die verschränkte ganztägige Schule, gab, fiel die Quote deutlich besser aus.

Allerdings müssen Tagesbetreuungen ab einer Gewissen Zahl an Anmeldungen auch angeboten werden, während es keinen Anspruch auf verschränkte Ganztagsbetreuung gibt. Gerade in kleinen Gemeinden gibt es oft auch keine Möglichkeiten für Eltern. Wer sein Kind in die Volksschule der Nachbargemeinde schicken möchte, in der verschränkte Betreuung angeboten wird, muss zuerst deren Zustimmung einholen.

Besserung in Sicht?

In Zukunft soll es bereits ab einem Kind einen Versorgungsauftrag geben, hält das Land fest. So sieht es das Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz (KBBG) ab dem Schuljahr 2024/25 vor. Dieser gilt aber wieder nicht für die verschränkte Ganztagsschule, sondern soll diese nur ergänzen.
Für Scheffknecht reicht es nicht, dass Social-Media-Kampagnen geschalten werden, die für die Ganztagsschule werben. Wer darauf klicke erfahre nur, dass man sich an die betreffende Schule wenden solle – dort gebe es aber zu oft kein Angebot.

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