Kommentar

Suizide in den Medien

11.08.2022 • 09:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Die Medien dürfen nicht Teil einer Gesellschaft sein, in der man sich gegenseitig in den Tod treibt.

Suizide sind ein unglaublich schwieriges Thema für die mediale Berichterstattung, weil man einerseits nichts Wesentliches verschweigen möchte, aber andererseits auch keine Sogwirkung bei Suizidgefährdeten erzeugen will. Der jahrelange Konsens ging dahin, über konkrete Suizidfälle nicht zu berichten, während man Statistiken sehr wohl veröffentlichte. Dabei ist es nicht immer einfach, die Grenzen zu ziehen. Im Rahmen eines Projektes haben Studenten von mir einmal die Zahl der Selbsttötungen und versuchten Suizide in der Wiener U-Bahn veröffentlicht. Die Wiener Linien wollten das gelöscht sehen, ich habe es online gelassen. Der Suizid belastet nicht nur die Angehörigen, sondern auch andere, unmittelbar davon Betroffene, wie U-Bahn-Fahrer. Statistisch treffe es jeden einmal in der Karriere, erzählte mir einmal ein ehemaliger Lokführer. Das ist eine schwere Hypothek, mit der jeder diesen Beruf antritt und man sollte daher darüber sprechen.

Ebenso sprechen muss man über Suizide, die offenbar äußere Anlässe hatten, wie jener einer oberösterreichischen Ärztin, die von Impfgegnern regelrecht in den Tod gemobbt wurde. Dass die MFG umgehend versuchte, die Kritik am Wahnsinn der Coronaleugner für sich zu instrumentalisieren, ist bezeichnend. Die Psychiaterin Heidi Kastner meinte kürzlich, die Dummheit habe aufgehört, sich zu schämen. Ich finde das sehr treffend. Der Mob der geistig Invaliden hat seine Tätigkeit nur von der Straße ins Internet verlegt, um auch dort die Vernunft niederzuschreien. Die Logik der Impfgegner ist so bezeichnend wie ihr Begriff von Wissenschaftlichkeit: Wer am lautesten ist, hat Recht, und wer Recht hat, darf alles.

Ihnen und allen anderen Extremisten beizubringen, dass dem nicht so ist, ist Aufgabe der Strafjustiz. Um sie dabei zu unterstützen, braucht es vor allem mehr fachliche Ressourcen bei der Polizei. Im Jahr 2021 kann nicht die gesamte IT-Ermittlungskompetenz einer Landespolizeidirektion aus einer Handvoll Beamten bestehen, die die Computer von Pädophilen aufschrauben. Dem digitalen Mob muss ebenso entgegengetreten werden, wie jenen Opfern des Bildungssys­tems, die vor Politikerhäusern auftauchen und irgendetwas von Grundrechten faseln, die sie selbst gar nicht kennen.

In der Berichterstattung über die Opfer solcher Angriffe, wie über Suizidfälle im Allgemeinen, müssen sich die Medien ihrer Rolle bewusst sein. Worüber man nicht sprechen muss, ist der Suizidversuch eines ehemaligen Politikers, nach veröffentlichten Ermittlungsergebnissen. Es geht niemanden etwas an, es verletzt die Gefühle der Familie – das sage ich nicht schulmeisterhaft, sondern im Bewusstsein, dass auch die Redaktion der NEUE in diesem Bereich dazulernen musste.

Die Medien dürfen nicht Teil einer Gesellschaft sein, in der man sich durch Hass und Häme gegenseitig in den Tod treibt. Sie dürfen im Umgang mit den Urhebern aber auch nicht als Mediatoren zwischen Lüge und Wahrheit auftreten.

Krisendienste

Anlaufstellen für Menschen mit Suizidgedanken, aber auch für ihre Angehörigen:

Telefonseelsorge: Telefonnummer 142

Kindernotruf: 0800 567 567

Ambulanzen am LKH Rankweil (Erwachsenen- sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie): Die Notfallambulanzen haben rund um die Uhr geöffnet. Nummer: 05522 403-0

Pro Mente: www.promente-v.at/kontakt

HPE Vorarlberg: Hilfe für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. www.hpe.at/de/bundeslaender/vorarlberg/