Vorarlberg

Als Elektrizität noch ein Luxusgut war

18.10.2022 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Turbine des Spullerseekraftwerks 1925. <span class="copyright">Anno</span>
Eine Turbine des Spullerseekraftwerks 1925. Anno

Eine Kilowattstunde Strom kostete in Bregenz 1896 umgerechnet stolze 8,3 Euro.

Lange bevor es in den Vorarl­berger Haushalten digitale Strommessgeräte gab, wurde der Verbrauch elektrischer Energie in den Gemeinden höchst unterschiedlich festgestellt. Während es im Rest des Landes bereits weitgehend üblich war, den individuellen Verbrauch durch ablesbare Zähler zu erfassen, mussten die Bregenzer 1908 ihren Strom noch wie das Wasser bezahlen, nämlich pro Wohnhaus. So wurde der Verbrauch durch die Zahl der Mietparteien geteilt. Die Hausbesitzer beschwerten sich, weil sie die Kosten für ausständige Mieter übernehmen mussten.

Als der Strom nach Bregenz kam

Die Landeshauptstadt hatte kurz vor der Jahrhundertwende ein altes Betriebsareal samt Dampfmaschinen erworben, die nun Strom für die Straßenlaternen erzeugen sollten. Die öffentliche Beleuchtung wurde aber zunächst nur dort auf Strom umgestellt, wo die bis dahin verlegten Ölleitungen zu teuer gekommen wären. Die Kraft der Dampfmaschinen reichte darüber hinaus aber auch für „1000 Glühlichter à 16 Normalkerzen“, also für Glühbirnen die 16 Mal heller als eine Standardkerze leuchteten. So wurden 1896 Anmeldebogen an potenzielle Interessenten verschickt.

Eine große Rolle spielte bereits in der Anfangszeit der Elektrifizierung der Strompreis und seine Konkurrenzfähigkeit zu Holz, Kohle, Öl und Gas. Die Kilowattstunde Strom kostete 1903 zehn Heller, umgerechnet und inflationsangepasst etwa 63 Cent. Das Tarifsystem war allerdings sehr komplex. Damals wurde nicht nur zwischen Haushalts- und Industriekunden, sondern auch zwischen der Art der Stromverwendung unterschieden. So war für den Stromverbrauch durch Glühbirnen mehr zu bezahlen, als bei Motoren.

Um den nötigen Strom zu produzieren, plante man durchaus großzügig. So wurde dem „Vorarlberger Wasserkraft-Komittee“ 1911 der Bau von zehn Talsperren und zwölf Kraftwerken an der Bregenzerach vorgeschlagen. Dafür wurde ein Bodenverbrauch von 2000 Hektar kalkuliert. Außerdem wollte man die Umsiedlung ganzer Gemeinden diskutieren: „Bei einer der projektierten Talsperren käme die Gemeinde Au, bei einer anderen die Gemeinde Mellau unter Wasser“, berichtete die Landeszeitung. Einem absehbaren Volksaufstand im Bregenzerwald entging man jedoch. Die Projekte wurden aus Kostengründen nie realisiert.

Günstigeres Gas

Die Konkurrenz des Stroms zum Gas stand auch um die vorletzte Jahrhundertwende schon im Fokus der Überlegungen. Elektrizität werde nur sehr eingeschränkt zum Kochen und Heizen verwendet, da die Tarife dafür ungeeignet waren. Auch als Heizmittel rechnete sich der Strom schon damals nicht: „Mag man die Triebkraft beim electrisch angetriebenen Straßenbahnwagen billiger leisten können als beim Dampfwagen, sowie die Heizung hinzugenommen wird, verschiebt sich der Kostenpunct wesentlich zu Gunsten des Dampfes“, kritisierte 1896 die Landes-Zeitung.

Fossile Energie war in bestimmten Bereichen bereits damals günstiger. Anders als heute galt Strom früher aber noch als Luxus. Elektrische Beleuchtung war ein Zeichen für Wohlstand, da nicht nur der Strom, sondern auch die Glühbirnen entsprechend teuer waren. Die Wolframlampe wurde erst ab 1911 kommerziell produziert. Bis dahin waren vor allem Kohlefadenlampen in Verwendung, die kurzlebiger waren und einen höheren Verbrauch hatten.

Bregenzer Preise

Die Hektowattstunde Strom kostete für die private Beleuchtung in Bregenz zunächst 5,5 Kreuzer, was heute einem Strompreis von unglaublichen 8,3 Euro pro Kilowattstunde entspräche. Außerdem verlangte die Stadt bei der Stromeinführung 1896 umgerechnet bis zu 325 Euro für die Installation einer Glühbirne. Wer sich zwei bis fünf Lampen einbauen ließ, kam noch mit einem günstigen Zeitzähler zum selben Preis davon. Bei bis zu 15 Lampen musste sich der Stromkunde einen Zähler für 72 Gulden einbauen lassen, umgerechnet etwa 1171 Euro.

Entsprechend kündigte die Stadt Bregenz bei der Einführung der elektrischen Beleuchtung auch an, das von der breiteren Bevölkerung genutzte Gas preislich zu bevorzugen: „Schließlich sei noch bemerkt, daß eine Reduction der Lichtpreise in erster Linie beim Gas in Betracht gezogen ist und dann erst bei günstigen Verhältnissen auch beim electrischen Licht eintreten wird.“

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