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Börsengespräche

Schwellenländerreport Brasilien

Seit vor rund zwei Wochen belastendes Video- und Audiomaterial, das den amtierenden brasilianischen Präsidenten Michel Temer in Verbindung mit Schmiergeldzahlungen bringt, aufgetaucht ist, steht im Lieblingsland vieler Marktteilnehmer alles Kopf.

Am 6. Juni wird der Wahlgerichtshof über eine Annullierung der letzten Präsidentenwahl von 2014 wegen illegaler Finanzierung der Kampagnen von Temer und seiner Vorgängerin im Amt, Dilma Rousseff, entscheiden. Die Straßen des flächen- und bevölkerungsmäßig fünftgrößten Staates der Erde sind voll von Demonst­ranten, die die Absetzung des Präsidenten und das Ende seines Sparkurses fordern. Zentraler Gegenstand des Skandals sind Absprachen mit Großunternehmer Joesley Batista, seinerseits Besitzer des weltweit größten Fleischkonzerns JBS, der als Kronzeuge Korruptionsermittlungen gegen die eigene Person entgeht. Die größte Schmiergeldermittlung der Geschichte Brasiliens zeigt massive Folgen auf den Kapitalmärkten. Zuvor zählten die brasilianischen Börsen weltweit zu den Best-Performern.

Temer folgte erst im August des Vorjahres interimistisch seiner abgesetzten Vorgängerin und galt bis vor kurzem als Hoffnungsträger für einen dringend notwendigen Kurswechsel. Zwar weist der Beschuldigte die Vorwürfe vehement zurück, doch das Vertrauen der Investoren ist erschüttert. Die Risikoprämien brasilianischer Staatsanleihen verteuerten sich um bis zu 80 Basispunkte. Die Landeswährung, der Brasilianische Real, büßte gegenüber dem US-Dollar 7,2 Prozent ein, Aktien verloren gar 9 Prozent. Besonders auffällig war, dass staatliche oder staatsnahe Firmen wie Petrobras, BNDES (Förderbank) oder Banco do Brasil mehr verloren als privatwirtschaftliche Unternehmen, die vom schwachen Real sogar profitieren.

Dramatische Folgen. Diese Staatskrise kommt wie immer zur Unzeit. Das brasilianische Parlament steht kurz vor wichtigen Abstimmungen zur Pensions- und Gesundheitsreform, die beide für einen möglichen wirtschaftlichen Turnaround Brasiliens essentiell sind. Verzögern sich diese Reformen, dann könnte das Land erneut in eine nach unten gerichtete Spirale geraten, was wiederum zu Rating-Downgrades führen würde. Eine geschwächte Konjunktur träfe besonders Sektoren wie die Zement- und Stahlindustrie, Banken und Fleischindustrie ins Mark. Weniger stark betroffen wären exportorientierte Unternehmen wie etwa die Papierindustrie. Eine Ansteckungsgefahr anderer Schwellenländerbörsen scheint zum jetzigen Zeitpunkt allerdings ausgeschlossen.

Unklar ist, wie es mit Temer selbst weitergehen wird. Aus Sicht der Kapitalmärkte scheint ein Rücktritt die Option mit den geringsten Reibungsverlusten. Die Reformen kämen dadurch vermutlich nur kurzfristig zum Stillstand. Ein langwieriges Amtsenthebungsverfahren hingegen würden die Börsen vermutlich bestrafen.

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