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„ Sicherheit ist nur eine Illusion“

Der Schweizer Niklaus Wirth (83) ist Träger des Turing- Awards, dem „Nobelpreis“ der Informatik. Auf dem Bild: der Pionier mit seinem „Lilith“- PC. Helge Bauer

Der Schweizer Niklaus Wirth (83) ist Träger des Turing- Awards, dem „Nobelpreis“ der Informatik. Auf dem Bild: der Pionier mit seinem „Lilith“- PC. Helge Bauer

Interview. Informatiker Niklaus Wirth entwickelte Computersprachen wie Pascal sowie PCs. Heute warnt er: „Wir verlieren die Beherrschung über Computer.“

Von Uwe Sommersguter
und Michael Sabath

Eine Schweizer Zeitung schrieb, wäre die Geschichte ein wenig anders gelaufen, wären Sie so bekannt wie Steve Jobs. Was lief falsch?

Niklaus Wirth: Das ist vielleicht nicht ganz richtig, die beiden Figuren gleichzusetzen. Steve Jobs, den ich zweimal getroffen habe, war ein Manager und ein Mann der Industrie, während ich mich ganz konsequent dem wissenschaftlichen Arbeiten gewidmet habe. Ich wusste, dass ich nicht sehr geeignet wäre als Geschäftsmann und bin deshalb der akademischen Welt treu geblieben. Es ist mir schon bewusst, dass ich in der Industrie hätte Geld machen können, aber das war nicht mein Streben. Mich hat der Fortschritt der Dinge interessiert. Früher hat die Industrie Bedürfnisse festgestellt und diese erfüllt. Heute ist es umgekehrt – Leute wie Jobs haben sie kreiert und dann erfüllt.

Sie haben 1980 einen innovativen PC namens Lilith mit Maus und hochauflösendem Bildschirm vorgestellt – vier Jahre vor Steve Jobs’ Macintosh. Nach drei Jahren und 300 verkauften Geräten ging die Firma ihrer ehemaligen Assistenten pleite. Hat Sie das nie gestört?

Wirth: Ich habe weder einen Rappen damit verdient noch verloren. 1976 habe ich bei Xerox erkannt, dass der Personal Computer eine revolutionäre Idee ist. Ein PC, der etwas leisten kann. Man hätte wohl ein Geschäft daraus machen können, es fehlte aber an einer tatkräftigen, weltweiten Vertriebsorganisation.

Ganze Generationen haben mit Pascal das Programmieren erlernt. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Wirth: Ja, vor allem, wenn man Leute trifft, für die Pascal ihre erste Programmiersprache war – selbst in Russland und China, wo die Verbreitung sogar noch viel größer war als im Westen.

Warum?

Wirth: Dort war der Einfluss der Industrie auf die Universitäten geringer. Die Unis in Amerika und Europa sind der Industrie nachgelaufen. Außerdem ist Russisch eine viel strukturiertere Sprache und Russen hatten wohl mehr Gefühl für Struktur in einer Sprache.

In der Informatik spricht man hier vom „Wirth’schen Gesetz“, das sinngemäß lautet: „Die Software wird schneller langsamer als die Hardware schneller wird.“ Wohin führt uns das?

Wirth: Da ist ein bisschen Ironie dabei, aber nicht nur. Heute sind die Hardware-Fortschritte noch immer rasant, wodurch die Ansprüche an die Software noch größer und komplexer werden. Die Geschwindigkeit der Software ist kein großes Kriterium mehr, da kann man vieles abdecken. Die Computer-Welt hat sich ja enorm geändert: Vor 50 Jahren haben Computer Gebäude gefüllt, heute ist das Leistungsfähigste hier im Smartphone drin.

Wenn Sie sich den aktuellen Trend zur Künstlichen Intelligenz ansehen – was wird auf uns noch zukommen?

Wirth: Zur Künstlichen Intelligenz war ich immer skeptisch. Das Wesentliche daran ist ja die Empirie: Erfahrungswerte werden in Algorithmen eingebaut. Das hat in letzter Zeit einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt, durch die riesige Erweiterung der Computer-Leistung. Da kann man sich viel eher leis­ten zu probieren. Was mich bedenklich stimmt: Bisher taten Computer genau das, wie wir sie programmierten. Das wird sich ändern: Niemand wird mehr wissen, wie das Resultat sein wird. Es ist nicht mehr so, dass wir alleine bestimmen, was der Computer tut. Und die Bestellung ist: Wer ist wir? Wer hat da das Sagen? Die letzten Jahre haben gezeigt, dass man die Beherrschung über Computer verlieren kann.

Das Sicherheitsthema rückt immer mehr in den Vordergrund.

Wirth: Es gibt so viele Experten für Computer-Sicherheit, obwohl es gar keine Computer-Sicherheit gibt. Das ist eine Illusion. Vielleicht erschweren sie diese feindlichen Eingriffe, aber verhindern können sie diese nicht.

Die vielen Hacker-Angriffe sind logische Konsequenz dessen?

Wirth: Man kann die Schwierigkeit des Eingriffs erhöhen, aber es gibt immer Leute, die noch schlauer sind.

Was bedeutet das in Kombination mit dem „Internet of Things“, wo alles mit allem vernetzt ist und kommuniziert? Da können Schreckensszenarien wahr werden?

Wirth: Absolut. Denken Sie nur an den Kollaps bei British Airways. Das ist unglaublich, verrückt. Diese Computer-Gläubigkeit kennt ja keine Grenzen. Die Computer-Vernetzung hat sich in den letzten zehn Jahren rasant erweitert. Es gibt keine alleinstehenden Computer mehr. Daraus erwachsen neue Abhängigkeiten.

Nutzen Sie ein Smartphone?

Wirth: Ich habe jetzt sogar eines, aber ich benutze es wenig. Meine Tochter hat mich dazu verknurrt – weil man mit der Zeit gehen muss und, um auch für Notfälle erreichbar zu sein. Sie führt ein Lebensmittelgeschäft. Das ist heute ohne Smartphone absolut undenkbar. Bestellungen, Bezahlung, alles geht übers Smartphone. Das lasse ich gerne gelten, aber das heißt nicht, dass ich mein Leben von dem Ding abhängig machen will.

Verwenden Sie digitale Dienste im Internet?

Wirth: E-Mail, E-Banking, Reisen planen – ich bin ja nicht abstinent. Aber man sollte die Abhängigkeit nicht auf die Spitze treiben.

Soziale Netzwerke?

Wirth: Die brauche ich nicht. Diese „Social Networks“ schaffen nur Unzufriedenheit. Wenn man einen bekannten Namen hat, würde man sofort überflutet und das habe ich nicht nötig.

Sie machen auf uns nicht den Eindruck eines Pensionärs.

Wirth: In der Schweiz wird man mit 65 in die Wüste geschickt. Seither arbeite ich zu Hause, habe dort einen Computer, mehr brauche ich nicht.

Was haben Sie Ihren Kindern zum Umgang mit Digitalisierung mit auf den Weg gegeben?

Wirth: Meine Kinder haben immer sehr darauf geachtet, dass sie nichts mit diesen Techniken zu tun haben, das ist das Spielzeug des Vaters. Aber heute ist meine Tochter hundertmal gewandter in der Bedienung, aber ohne die interne Technik zu verstehen.

Gibt es etwas, dass Sie sich in diesem Leben erfüllen wollen?

Wirth: Möglichst gesund durchs Leben zu kommen. Das Leben wird schon etwas langweilig, besonders, wenn man allein lebt. Ich hatte schon immer Abenteuer gern.

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