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Eine Gesellschaft am Umbruchpunkt

Lars Thomsen ist einer der bekanntesten Zukunftsforscher der Welt. Im Gespräch erklärt er die Rastlosigkeit des eigenen Berufs, spricht über autonomes Fahren in den nächsten Jahren, eine Maschinensteuer, und zehn Jahre iPhone. Von Markus Zottler

Sie versprechen Unternehmen, 520 Wochen in die Zukunft zu blicken. Kann man die Entwicklung von zehn Jahren in dieser hochtechnologischen und unglaublich schnellen Zeit wirklich seriös prognostizieren?

LARS THOMSEN: Wir analysieren derzeit passierende Entwicklungen genau und sehen uns deren Dynamik an. Wenn Sie auf der Autobahn einmal in den Rückspiegel sehen, sehen Sie nur, dass jemand von hinten kommt. Sehen Sie noch einmal hinein, erahnen Sie, wie schnell das andere Auto näherkommt. Man kann sogenannte „Tipping points“, also Umbruchpunkte, disruptive Punkte, errechnen, an denen sich Industrien verändern.

An welches aktuelle Beispiel denken Sie?

Bislang kann ein Mensch noch besser durch eine Stadt fahren, als wenn wir ein Auto selbst fahren lassen. Weil die Technik noch nicht so weit ist. Das heißt aber nicht, dass es immer so sein wird. Wir errechnen anhand der Entwicklungen verschiedenster Technologien – etwa der künstlichen Intelligenz oder der Sensorik –, wann der Punkt erreicht ist, dass selbstfahrende Autos unfallfreier unterwegs sind als menschlich gefahrene Autos. Das ist ein Umbruch, ab dem Versicherungsprämien für Menschen teurer und für selbstfahrende Autos billiger werden.

Wann rechnen Sie mit diesem Umbruchpunkt?

In drei Jahren werden Autos auf längeren Strecken, etwa auf Autobahnen, die Fahraufgabe übernehmen. Wir gehen davon aus, dass innerhalb von zehn Jahren das vollautonome Fahrzeug da ist. Das einen auf Knopfdruck abholt, zum gewünschten Punkt bringt und dann weiterfährt. Etwa zum Aufladen. Mobilität auf Knopfdruck wird eine neue Kategorie von Mobilität sein. Auch gehen wir davon aus, dass diese Autos dann elektrisch angetrieben werden.

Die Zulassungszahlen sprechen noch eine andere Sprache. Im ersten Halbjahr haben elektrisch betriebene Fahrzeuge gerade einmal 1,4 Prozent aller neuen Autos in Österreich ausgemacht. Ab wann werden E-Autos quantitativ wirklich relevant?

Die Reichweiten werden deutlich größer, die Ladeinfrastruktur wird auch immer besser. Außerdem verdoppeln sich die Zulassungen in Österreich Jahr für Jahr. In vier Jahren wären wir dann schon nahe der 25 Prozent. China hat ab 2019 außerdem eine Quote von zehn Prozent Elektroautos. Das heißt, alle Hersteller müssen alleine für diesen Markt Modelle machen.

Dass es diese Technologie gibt, ist das eine. Aber wird sie von den Menschen auch gewollt?

Beim iPhone haben zunächst auch viele Leute gesagt: „Ist nett, braucht aber niemand.“ Fragen Sie heute eine 16-Jährige, ob sie ein Smartphone braucht. Die versteht die Frage gar nicht. Viele Dinge, die heute utopisch erscheinen, werden uns in zehn Jahren sehr normal vorkommen. Innovation wird immer dann angenommen, wenn Menschen einen Komfortgewinn haben.

Vor zehn Jahren hat Steve Jobs das iPhone präsentiert. Haben Sie die heutige Relevanz damals für möglich gehalten?

Wir haben 2004 eine Prognose gemacht, wonach Telefone langfristig tragbare Computer werden, die weit mehr können als nur telefonieren. 2004 wurde von Corning dieses Gorilla-Glas vorgestellt, das Bildschirme ohne Tasten erst möglich machte. Auch wurden die Akkus leistungsfähiger und die Prozessoren brauchten immer weniger Batterie. Also irgendwann konnte man sagen, man kann von der Miniaturisierung her einen Computer auf dieses Format herunterbringen. Was wir nicht wussten, dass Apple daran arbeitet. Das war streng geheim. Wir konnten also nicht voraussagen, im Jänner 2007 wird Steve Jobs das präsentieren.

Wie sicher sind Ihre Prognosen, was die Digitalisierung der Arbeitswelt betrifft? Glauben Sie, dass tatsächlich mehr Jobs wegfallen, als neu dazukommen?

Dass 20 bis 30 Prozent der heutigen Jobs in den nächsten zehn Jahren durch Algorithmen, Robotik und Digitalisierung substituiert werden, halten wir für realistisch. Künstliche Intelligenz ist in der Lage, wiederkehrende Routinen viel besser und schneller zu machen, als es Menschen vermögen. Egal, ob es darum geht, einen Bus durch die Stadt zu fahren oder eine Steuererklärung zu prüfen. Ob wir in gleichem Maße neue Jobs schaffen können? Das ist die große Herausforderung, ich weiß es nicht.

Sie sprechen sich für eine Maschinensteuer aus. Warum?

Es besteht die Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung. Unternehmen, die stark auf künstliche Intelligenz, Algorithmen oder Robotik setzen, sparen sich das Geld, Menschen zu beschäftigten. Und können mit viel weniger Aufwand die gleiche Leistung erzeugen. Auf der anderen Seite werden Menschen arbeitslos und können nicht mehr so konsumieren. Wir müssen dem entgegenwirken.

Möglicherweise führt diese Steuer zu mehr Verteilungsgerechtigkeit. Aber löst sie das Jobproblem? Sorgt sie dafür, dass Menschen glücklicher sind?

Das ist die qualitative Frage. Wie schaffen wir es, Menschen einen Sinn zu geben? Ehrlich gesagt: Ich kenne die Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft damit umgehen wird, nicht. Aus Zukunftsforschersicht kann ich aber klar sagen: Wenn Maschinen eine Arbeit schneller, besser und günstiger machen können als Menschen, werden Unternehmen diese einsetzen.

Ich stell mir Ihr Leben als Zukunftsforscher ziemlich rastlos vor. . .

… Ja, ist es auch …

… haben Sie manchmal das Gefühl, dass manch technologischer Sprung für den Einzelnen nicht mehr fassbar sein kann?

Da würde ich ja aufgeben. Wenn ich ein halbes Jahr lang nicht mehr am Puls der Zeit bleibe, dann sagen mir die Leute, dass sie das alles schon kennen. Ich lese viel – pro Tag zwischen 30 und 40 Medien – und treffe viele Menschen, die an der Zukunft arbeiten. Leute, die Roboter entwickeln oder an künstlicher Intelligenz forschen. Diese Leute sind sehr zukunftsoffen. Die sagen, wir können Probleme lösen, die uns seit zehn Jahren belasten. Dann komme ich nach Hause, wo mir Menschen entgegenkommen, die „Stopp“ sagen. Ich bin also ständig in diesem Spannungsfeld und versuche, dazwischen zu moderieren.

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