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So soll VW in eine neue Ära gelenkt werden

Analyse. Als „historisch“ und „radikal“ wird der Umbau bei Volkswagen gewertet. Der neue Boss verfügt über enorme Machtfülle. Enorm sind auch die Herausforderungen. Von Manfred Neuper

Seit Ausbruch des Abgasskandals durchlebte der Volkswagenkonzern einen ständigen Grenzgang: Ist es mit völlig neuen Köpfen an den Schalthebeln der Macht möglich, sich aus dem Schlamassel zu manövrieren? Oder brauchte es nicht gerade in den Stunden der größten Not Manager, die das komplexe System Volkswagen bereits in- und auswendig kennen? Man entschied sich, abseits der Personalie Winterkorn, bekanntlich für den zweiten Weg … mit allen Vorteilen. Und Nachteilen. Denn ein Neubeginn, ein klares Signal der Aufarbeitung war das nicht. Mit einer Ausnahme: Herbert Diess. Er wurde Mitte 2015 nach Wolfsburg gelotst. Drei Monate vor dem Auffliegen des Dieselskandals dockte er im Volkswagen-Vorstand an. Diess hatte sich zuvor bereits bei BMW einen Namen als beinharter Kostenrechner und „Mr. Effizienz“ erarbeitet. Er ist einer, der auch Fundamental-Konflikte nicht scheut, einer, der sich auch mit den mächtigen Betriebsräten anlegt.

Jetzt ist der Kronprinz an die Spitze gerückt. Die Eigentümer wissen, dass man damit schlagartig den Weg einer gewissen Bequemlichkeit verlässt. Denn Diess ist, bei aller Bodenständigkeit, nicht nur machtbewusst – seine nun präsentierten Umbauarbeiten im Konzern werden in vielen Bereichen des Gefüges mit Sicherheit nicht nur Euphoriestürme auslösen. In Wolfsburg tut man sich seit jeher leichter damit, über den „Wandel“ zu sprechen, als ihn tatsächlich zu vollziehen. Mit Diess soll sich das ändern.

Es ist jedoch keineswegs so, dass Matthias Müller seine Sache schlecht gemacht hätte. Er hat zuletzt eine fulminante Rekordbilanz hingelegt. Müller ist in kurzer Zeit vieles gelungen – trotz widrigster Rahmenbedingungen. Doch der vielfach in Aussicht gestellte Kulturwandel geriet zur Baustelle, Müller agierte mitunter schlicht ungeschickt, verteidigte beispielsweise sein zweistelliges Millionensalär mit einer Trotzigkeit, die mit der „neuen Demut“, die in Wolfsburg geradezu mantraartig beschworen wurde, kaum vereinbar schien.

Dass Diess am fast ungebrochenen wirtschaftlichen Erfolg von Volkswagen in seiner eigentlich noch kurzen Ära einen ebenso wichtigen Anteil hat, ist aber auch evident. Ihm gelang es sehr schnell, die erfolgreiche, aber chronisch margenschwache VW-Marke profitabler zu machen. Doch auch Diess, der mit enormer Machtfülle ausgestattet wurde, wird mit den Mühen der Ebene und – selbstverständlich – auch mit der weiteren Aufarbeitung des Abgasskandals noch gehörig viel Arbeit haben. Denn auch wenn Volkswagen die bisherigen Straf- und Vergleichszahlungen jenseits von 20 Milliarden Euro problemlos verdaut hat, was da noch kommt, ist nach wie vor nur bedingt abschätzbar.

Die größte Herausforderung ist aber die Mobilität der Zukunft. Elektromobilität, Vernetzung und Digitalisierung sind keine diffusen Schlagwörter mehr, die ins Übermorgen weisen, der Wandel hat längst begonnen. Volkswagen investiert Abermilliarden in den Aufbau einer E-Flotte. In der „Welt der Verbrenner“ ist man, Skandal hin oder her, die Nummer eins. Ob sich das auch auf die E-Mobilität übertragen lässt? Möglich. Aber keineswegs sicher und schon gar kein Selbstläufer.

Dass in Zeiten des Umbruchs bisweilen auch „Management by Ellbogen“ gefragt ist, überrascht nicht. Diess steht dennoch vor einem Balanceakt. Das Gesamtgefüge bei VW, das ständige Austarieren der unterschiedlichen Einflusssphären, ist von systemischer Fragilität geprägt. Die Machtmelange aus Familienunternehmen, Börsenkonzern, starker Landesbeteiligung und noch stärkerem Betriebsrat war schon immer Stärke, bei Dissonanzen aber auch Schwäche zugleich. An diesen Parametern wird sich auch beim größten Konzernumbau in der VW-Geschichte nichts ändern.

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