Wirtschaft

Zweiter Lockdown wäre Katastrophe

09.10.2020 • 19:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zweiter Lockdown wäre Katastrophe

Wirtschaftsforscher appellieren an die Vernunft der Bevölkerung.

Bescheren uns die in die Höhe schnellenden Infektionszahlen den nächsten Rückschlag für die Wirtschaft? Oder kommen wir – auch im Hinblick auf den wichtigen Winter-Tourismus – mit einem blauen Auge davon, wenn das Blatt noch gewendet wird?

Zahlen, Analysen, Empfehlungen an die Politik, das alles schiebt Christoph Badelt, Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes Wifo, in den Hintergrund: „Die erste Forderung richtet sich an das Verhalten der Menschen,“ so Badelt bei der gemeinsamen Konjunkturprognose mit dem Institut für Höhere Studien IHS. Die Infektionszahlen einzudämmen, „das ist wichtiger als alles“, sagt Badelt. Den Begriff Lockdown hält er für relativ: „Es ist für ein Tiroler Hotel ziemlich egal, ob es nicht aufsperrt, weil man es befiehlt oder es nicht aufsperrt, weil keine Gäste kommen.“

Martin Kocher, Leiter des IHS, appelliert ebenfalls an die Vernunft, Infektionsgeschehen und Wirtschaftsdynamik seien gekoppelt. Er vergleicht die Lage mit einem Boxkampf gegen die Pandemie: „Wir sind gerade in der zweiten Runde.“

Wie die ausgeht, ist ziemlich offen. In Zahlen stehen die Prognosen so: Wifo und IHS erwarten heuer einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6,8 beziehungsweise 6,7 Prozent. 2021 soll mit 4,4 beziehungsweise 4,7 Prozent Wachstum wieder einiges nachgeholt werden. Das Vorkrisenniveau dürfte erst 2022 erreicht werden.

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Die Einschätzung für heuer ist tatsächlich eine Spur optimistischer als noch Ende Juni. Der Sommer mit seinen Lockerungen wirkte sich sehr belebend aus. Für das nun angelaufene vierte Quartal sind dagegen beide Institute sehr verhalten. Das Wifo geht lediglich von einem Wachstum unter einem Prozent aus. Die Menschen halten offenbar ihr Geld fest, ablesbar an einer von acht auf 13 Prozent in die Höhe geschnellten Sparquote. Laut IHS werden die Konsumausgaben heuer um sechs Prozent schrumpfen.

Die Arbeitslosenquote steigt heuer auf zehn Prozent. 2021 dürfte sie mit neun Prozent weiter sehr hoch bleiben. Die massive Mittelaufstockung für den Arbeitsmarkt sei richtig, so Badelt. Generell solle die Regierung aber nicht wöchentlich neue Maßnahmen erfinden.

Szenarien eines sogenannten Double Dips, einem zweiten Rückfall in die Rezession mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung, wollen Kocher und Badelt keinesfalls das Wort reden. In Deutschland wird das allerdings schon heftig diskutiert.

Sollte es tatsächlich zu einem zweiten Lockdown kommen, dann könnte die Wirtschaftsleistung heuer zwischen neun und fast elf Prozent einbrechen, errechnete das Wifo. Nächstes Jahr wäre die ersehnte Erholung viel schleppender. Wenngleich bei einem zweiten Lockdown die „Fallhöhe“ geringer sei als im März, so das Wifo.

So heftig Kocher und Badelt appellieren, die Infektionszahlen einzubremsen, so wenig wollen sie sich dazu äußern, ob nicht eine generelle Maskenpflicht das kleinere Übel als ein Lockdown wäre. Für ein solches Plädoyer halten sie sich dann doch nicht für zuständig.

Budgetdefizit

Das Budgetdefizit dürfte mit 9 1/2 (Wifo) bis 11 1/2 (IHS) Prozent des BIP bisher ungeahnte Höhen erreichen.

Die Unterschiede ergeben sich laut IHS-Chef Martin Kocher dadurch, dass eine Reihe beschlossener Maßnahmen verschieden eingerechnet sind: “Setze ich den Rahmen an oder was ich vermute, dass ausgeschöpft wird.” So hat etwa beim Fixkostenzuschuss das Wifo für heuer 5 Milliarden Euro berücksichtigt, das IHS knapp 9 Milliarden Euro.

Wifo-Chef Christoph Badelt hält es freilich für “nicht wirklich relevant”, ob zum Beispiel 2 Milliarden Euro 2021 oder 2020 gebucht werden. Bei der Verbuchung von Steuerstundungen habe sogar die Statistik Austria kürzlich eine Revision vorgenommen, meinte Wifo-Budgetexperte Hans Pitlik dazu.

Nach der Bewältigung der Krise seien jedenfalls “starke Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung” nötig, deponierte Kocher.

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