Wirtschaft

Bevölkerung als Sündenböcke

26.01.2021 • 13:54 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Bevölkerung als Sündenböcke

Strussnig sieht schwerer Fehler im Umgang mit Krise durch Regierung.

Wie erleben Sie als Unternehmer das Management der Pandemie durch die Politik?
ARMIN STRUSSNIG: Im ersten Lockdown habe ich die Reaktion der Politik gut nachvollziehen können. Ich habe aber der Erzählung nicht geglaubt, dem Sager mit den 100.000 Toten von Kanzler Kurz. Ich kenne mich mit Zahlen gut aus und konnte das nicht nachvollziehen. Das war bewusste Panikmache.

Dann kam es zu den Lockerungsschritten.
STRUSSNIG: Zwei Monate machten wir fast keinen Umsatz, wir hätten arbeiten dürfen, aber es sind Lieferketten zusammengebrochen und Kunden wollten unsere Monteure nicht ins Haus lassen. Mitte Mai, als man gesehen hat, die große Katastrophe trifft nicht ein, ist das Geschäft angesprungen. Die Menschen wollen investieren. Was wir aber jetzt an Mehrarbeit haben, sind vielfach Vorzieheffekte. Diese Situation hatten wir schon nach der Krise 2009. Meiner Einschätzung nach, wird es in zwei bis drei Jahren zu einer reduzierten Nachfrage kommen.

Sie sind ein Profiteur der Krise?
STRUSSNIG: Wir haben das Jahr positiv abgeschlossen. Aber wir sind keine Profiteure, denn wir haben enorme Belastungen. Viele Mitarbeiter waren am Limit. Wir hatten auch Burn-outs durch die psychische Belastung – das dauernde Beschallen durch die Medien mit dem Thema und die hohe Arbeitsbelastung. Es ist zahlenmäßig ein gutes Jahr, aber ich hätte lieber ein normales Jahr gehabt.

Wann begannen in Ihren Augen grobe Fehlentwicklungen?
STRUSSNIG: Mich stört das fehlende Vertrauen der Politik in die Bevölkerung. Eine Strategie kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Welche Werte sind wichtig, welche Ziele? Einmal ist es die Entlastung des Gesundheitssystems, ist die da, müssen wir unter 1000 positive Tests kommen, plötzlich ist der R-Wert wichtig, dann zwingt uns eine Mutation zu neuen Maßnahmen.

Ist es nicht das Wesen einer Pandemie, nicht planbar zu sein?
STRUSSNIG: Kein Konzernchef würde so ins Tagesgeschäft eingreifen, wie es der Bundeskanzler derzeit macht. Eine Konzernführung ist für Visionen, Mutmachen und Leitplanken da. Wenn ich höre, dass unser Bundeskanzler in die Beschaffung von Schnelltests eingreift, dann ist das Mikromanagement. Ich habe mit 29 Jahren den elterlichen Betrieb übernommen. Wäre ich in dem Alter Bundeskanzler geworden, wäre ich heillos überfordert gewesen. Meiner Einschätzung nach braucht es einen gestandenen Manager, der über Krisenerfahrung verfügt.

Mit welchen Konsequenzen?
STRUSSNIG: Das führt vielfach zu absurden Maßnahmen, die von der Bevölkerung oft nicht mitgetragen werden können. Wir wissen, dass sich viele Menschen in Kellern und Garagen treffen. Wir können daher die Restaurants und Bars noch ein halbes Jahr zusperren, das wird aber meiner Meinung nach nichts an den Infektionszahlen ändern, im Gegenteil, wir könnten sie vielleicht sogar verringern, da die Kontakte eher unter kontrollierten Bedingungen stattfinden. Wenn ich in meinem Unternehmen ein Problem habe, versuche ich, alle mitzunehmen. Mit den Kritikern rede ich am meisten.

Zur Person

Armin Strussnig (49) ist seit 1999 Geschäfsführer der Strussnig GmbH (25 Millionen Euro Umsatz, 180 Mitarbeiter) in Einöde bei Villach, dem Marktführer bei Kunststofffenstern in Kärnten.

Der Unternehmer leitet auch die Geschäfte der österreichweit agierenden Rekord Fenster GmbH mit 50 Millionen Euro Umsatz und 300 Mitarbeitern.

Macht das die Politik in ausreichendem Ausmaß?
STRUSSNIG: Im Gegenteil. Es wird diffamiert, ausgeschlossen, wer demonstriert, ist ein Neonazi oder Aluhutträger. Das ist kein Umgang mit Kritik.

Was schlagen Sie vor?
STRUSSNIG: Was mich besonders betroffen macht ist die politisch induzierte Spaltung der Gesellschaft. Man sucht Sündenböcke in der Bevölkerung. Ich würde mir eine Ansage wünschen wie: „Ja, wir verstehen Jugendliche, die das Bedürfnis haben, sich einmal zu treffen und auszutauschen.“

Sie wünschen sich mehr Empathie der Regierung. Aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache und nötigten die Regierung zum verschärften Lockdown. Verstehen Sie dessen Verlängerung?
STRUSSNIG: Ich bin der Meinung, dass die Lockdowns insgesamt mehr Schaden als Nutzen bringen. Dazu gibt es auch schon Studien. Die Politik hat einen Großteil der Bevölkerung verloren. Jetzt die Strategie zu ändern, wäre zwar wünschenswert, ich glaube aber nicht mehr daran. Man hätte sagen müssen, was gefährlich ist – und ich hätte darauf vertraut, dass die Bevölkerung das dann auch situationsgerecht umsetzt.

Die Regierung soll also bloß die Gefahr aufzeigen, meinen Sie, und jeder entscheidet für sich, wie er damit umgeht?
STRUSSNIG: Nein, es geht darum der Bevölkerung Verhaltensweisen aufzuzeigen, die wirksam sind. Verbote und Druck erzeugen Widerstand und Gegendruck. Das sieht man schon bei kleinen Kindern.

Was meinen Sie damit, die Politik hätte “einen Großteil der Bevölkerung verloren“?
STRUSSNIG: Viele Menschen haben das Vertrauen in die Regierung verloren, weil die Entscheidungsgrundlagen für diese massiven Einschnitte nicht transparent sind und die Evidenz oft nicht gegeben ist.

Wer wird die Rechnung bezahlen müssen?
STRUSSNIG: Die Zeche dieser jetzigen Pandemie werden die zahlen müssen, die noch Reserven haben, die kleinen Sparer und die mittelständischen Unternehmen. Die Reichen und Konzerne werden Wege finden sich dem zu entziehen. Ich finde generell den Sprachgebrauch falsch, Tests oder Impfungen wären gratis. Gratis ist gar nichts, das zahlt der Staat und somit letztlich wir alle.

Glauben Sie, dass dieser Vertrauensschaden reparabel ist?
STRUSSNIG: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Regierung Kurz das Vertrauen wiederherstellen kann. Österreich ist weder von den Corona – Toten noch bei den für die Pandemie aufgewendeten Kosten gut durch die Krise gekommen. Wir sind in beiden Indikatoren im letzten Drittel. Da muss eine Persönlichkeit her, die beide Lager vereint. Die, die vor dem Virus Angst haben und jene, die sich um Freiheit und Wirtschaft sorgen. Dieser Riss geht ja durch ganze Familien, da reden viele gar nicht mehr miteinander.

Was vermissen Sie im aktuellen Lockdown besonders?
STRUSSNIG: Einen Bundespräsidenten, der die aktuelle Politik ermahnt, die Wortwahl zu ändern. Er muss sagen: „Geht’s auf die Kritiker zu, redet’s mit denen. Vereint das Land wieder.“ Die Politik darf nicht nur die scheidende Generation, die Alten, im Blick haben, sondern auch die junge Generation. Wir müssen ein lebenswertes Land übergeben. Ich habe zwei Kinder. Wenn wir weiter viele Schulden machen, haben wir überhaupt keinen Spielraum mehr für das Gesundheitssystem, Bildung, Infrastruktur – da geben wir alles aus der Hand. Das kommt aber in der jetzigen Diskussion überhaupt nicht vor.

Die Politik sagt, sie versuche die Krise bestmöglich zu meistern.
STRUSSNIG: Ich finde die Politik hat die Gesamtsicht verloren, es werden nur Zahlen optimiert und die Menschen vergessen und das wird mit Strafen durchgesetzt.

Aber andere Leute brauchen vielleicht klare Anordnungen. Diese gibt der Gesetzgeber vor.
STRUSSNIG: Ich habe ein sehr breites Spektrum von Mitarbeitern, vom ungelernten Hilfsarbeiter bis zum Uni-Absolventen. Da funktionieren alle Menschen gleich: Wenn ich Menschen mit Respekt begegne und ihnen die Ziele erkläre, verstehen sie es. Eine Firma würde so nie funktionieren. Wenn ein Großteil der Mitarbeiter nicht mitmacht, geht jede Firma pleite. Zwang funktioniert nicht mehr. Natürlich kann man einen Staat wie China errichten – aber das wollen wir hoffentlich alle zusammen nicht.

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