Wirtschaft

Auf dem Weg zur Weichwährung?

10.05.2022 • 11:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ist der Euro auf dem Weg zur Weichwährung?
Ist der Euro auf dem Weg zur Weichwährung? weyo – stock.adobe.com

14 Prozentpunkte verlor der Euro gegenüber dem Dollar in zwölf Monaten.

Aufgrund der anhaltenden ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sehen Ökonomen der Agenda Austria den Euro immer mehr auf dem Weg zu einer “Weichwährung”. In den letzten zwölf Monaten habe insbesondere der Dollar im Vergleich zum Euro um rund 14 Prozent zugelegt, “auch das britische Pfund und der Schweizer Franken haben gegenüber dem Euro an Boden gut gemacht”, so der Befund.

Damit verknüpft ist einmal mehr die Forderung nach einer raschen Zinserhöhung durch die EZB. “Eine Zinserhöhung würde zu einer Aufwertung des Euro führen und damit helfen, die großteils importierte Inflation zu dämpfen”, sagt der Ökonom Jan Kluge. Denn die Schwäche des Euro – vor allem gegenüber dem US-Dollar – sei “gerade in diesen Zeiten fatal”. Dadurch würden in Dollar notierte Produkte wie Öl oder diverse Rohstoffe für europäische Käufer teurer. “Wir importieren also Inflation.”

Das Risiko einer Dollar-Parität des Euro – also dass ein Euro nur mehr einen Dollar kostet, so wie zuletzt vor 20 Jahren – bestehe, sagt Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria. “Falls sich die Situation in der Ukraine oder die Probleme mit der Gasversorgung weiter zuspitzen.”

Schlechtere ökonomische Verfassung Europas

Die Stärke des Dollar gegenüber dem Euro sei der schlechteren ökonomischen Verfassung Europas geschuldet: “Wir sind extrem nah am Konflikt, sind bei der Energie stark von Russland abhängig und müssen viel mehr Rohstoffe importieren.” Die USA erholten sich vom Corona-Schock schneller als Europa, sagt Wifo-Ökonom Atanas Pekanov. “Dazu kommt, dass der Dollar in Zeiten geopolitischer Unsicherheit davon profitiert, dass er als Weltreservewährung gilt.”

Entscheidung fällt im Sommer

Ob der Euro an Boden gewinnen wird, entscheidet sich nach Ansicht Bruckbauers im Sommer: “Setzt die EZB den ersten Zinsschritt, könnte es Richtung 1,10 Dollar je Euro gehen.” Ähnlich Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek: “Die Parität kann verhindert werden, wenn die EZB in der Zinspolitik eine energische Kehrtwende vollzieht.” Der ersten Zinserhöhung im Juli müssten heuer noch zwei weitere folgen. Das stabilisiere den Euro. “Bleibt die EZB-Geldpolitik zu locker, verliert der Euro weiter.” Langfristig hätten Länder mit geringeren Inflationsraten die stärkere Währung. Der Druck zur Straffung der geldpolitischen Zügel lastet daher schwer auf der EU: Während die Fed ihre Bilanzsummen reduziert, also Geld der Volkswirtschaft entnimmt, ist die EZB erst dabei, ihre Anleihekäufe mit Ende des zweiten Quartals zu beenden.

“Schritt zur Stärke gesetzt”

Aber macht das den Euro bereits zur Weichwährung? “Auf keinen Fall ist der Euro auf dem Weg dorthin”, sagt Bruckbauer. “Erst eine Serie ständiger Abwertungen macht eine Währung weich. Der Euro erlebt ein Auf und Ab.” Pekanov sieht die Gefahr auch nicht, im Gegenteil: Mit dem Aufbauplan “Next Generation EU” habe die Union während der Pandemie einen Schritt zu mehr Stärke gesetzt. “Was weiter fehlt, ist die gemeinsame Fiskalpolitik. Der Euro-Architektur mangelt es an diesem Instrument.”

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