Wirtschaft

Lage an Europas größten Flüssen spitzt sich zu

11.08.2022 • 13:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Pegel bei 81 Zentimeter, Tendenz fallend: der Rhein bei Düsseldorf
Pegel bei 81 Zentimeter, Tendenz fallend: der Rhein bei Düsseldorf IMAGO/Jochen Tack

Europas größte Flüsse leiden, die Pegelstände an Rhein, Loire oder Donau sinken. Das trifft auch eine ohnehin taumelnde Wirtschaft stark.

Fehlendes Schmelzwasser, wenig Regen und viele heiße Tage setzen Europas großen Flüssen stark zu. Sukzessive verringern sich dieser Tage deren Pegelstände. Neben gravierenden Folgen für die Tierwelt und die vor Ort lebenden Menschen wirken sich die niedrigen Pegelstände auch negativ auf Europas ohnehin ins Taumeln geratene Wirtschaft aus. Die Sorge ums Wasser gesellt sich nun also zu jener ums Gas. Wenngleich nicht alles im Argen liegt, aber dazu später.

Zunächst einmal zu durchaus berechtigten Sorgenfalten. In Frankreich etwa tauchte jüngst die recht essenzielle Frage auf, ob Loire und Garonne überhaupt noch ausreichend Wasser führen, um die am Fluss gebauten Atomkraftwerke zu kühlen. Erste Anlagen mussten die Produktion deswegen bereits drosseln.

Kaum mehr überwindbar

Auch in Deutschland spitzt sich die Lage zu. Dem Rhein fehlt auf die in dieser Jahreszeit übliche Durchschnittstiefe von zwei Metern vielerorts die Hälfte. In einer Engstelle nahe Koblenz fallen die Messungen noch deutlich dramatischer aus. Laut einer Prognose der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung werde der Pegel morgen auf bis zu 38 Zentimeter sinken. Nur mehr wenige Lastenschiffe können diese Stelle dann überhaupt noch überwinden.

Mit Abstand wichtigste Wasserstraße

Diese Zahlen sind auch deswegen heikel, gilt der Rhein doch als mit Abstand wichtigste Wasserstraße Europas. Transportiert werden dort hauptsächlich Kohle, Steine, Erde, Getreide und Mineralölprodukte. Wobei ein eingeschränkter Kohletransport aus ökonomischer Sicht zurzeit besonders schwer wiegt. Ob der sich abzeichnenden Gasengpässe gewann die vielerorts ausrangierte Kohle wieder enorm an Bedeutung. “Falls die Wasserstände weiter sinken, könnte das Wachstum in Deutschland auch knapp unter ein Prozent sinken”, sagt Stefan Schneider, Volkswirt bei der Deutschen Bank, für das Gesamtjahr 2022 gar eine mögliche Rezession im Nachbarland voraus. Bis dato rechnete Schneider mit 1,2 Prozent Wachstum.

“Sehr problematisch”

“Grundsätzlich spielt die Binnenschifffahrt in Europa für die Logistik eine untergeordnete Rolle. Aber wenn es erneut zu Unterbrechungen der Lieferketten kommt, ist das natürlich sehr problematisch”, sagt Margaretha Gansterer, Professorin für Produktionsmanagement und Logistik an der Universität Klagenfurt. “Schwierig” sei es etwa, “kurzfristig auf andere Ladungsträger umzusteigen”.

Man bräuchte entsprechende Vorlaufzeit und man unterliege zudem Kapazitätsbeschränkungen, erklärt Gansterer. Optimistisch zeigt sich die deutsche Bundesregierung. Sie versucht nun eben jene schwierige Verlagerung und will den Transport wichtiger Güter vom Wasser auf die Schiene bringen. Zunächst sollen freie Trassen für den Transport vergeben werden, bevor per Verordnung möglicherweise gar eine Priorisierung der Schienentransporte beschlossen wird.

Transport wird verlagert

Auch betroffene Betriebe orientieren sich um, suchen neue Lösungen. “Große Chemieunternehmen am Oberrhein verlagerten den Transport bereits teils auf Lkw oder Pipelines”, erzählt Klaus Weyerstrass, Außenwirtschaftsexperte am Institut für höhere Studien (IHS). Zugleich werden Frachter nur mehr zu 50 oder gar 25 Prozent beladen und es kämen vermehrt Schiffe mit “weniger Tiefgang” zum Einsatz.
Freilich alles Maßnahmen, die “Kosten in die Höhe treiben”, wie Weyerstrass schildert. Tatsächlich ziehen die Preise für den Schiffstransport bereits deutlich an. Zahlte man im Juni, bevor die Wasserstände stark zu sinken begannen, lediglich 20 Euro pro Tonne für den Transport von Rotterdam nach Karlsruhe, liegen die Kosten mittlerweile bei 110 Euro. Weyerstrass: “In Zeiten ohnehin hoher Inflation ist das nicht unbedingt förderlich”.

Vielzahl negativer Einflüsse

Auch Margaretha Gansterer zeichnet ein größeres Bild. “Wenn es nur das Niedrigwasser wäre, das die Wirtschaft belastet, könnte ich mir gut vorstellen, dass das Problem relativ leicht kompensiert werden könnte”, sagt die Logistik-Spezialistin. Weil es aktuell aber eine Vielzahl an negativen Einflüssen auf Europas Wirtschaft gäbe, könnten die niedrigen Pegel “durchaus zu großen Herausforderungen führen”. Diese Gemengelage unterscheide die aktuelle Situation auch von jener im Jahr 2018. Damals lagen die Pegelstände vieler Flüsse sogar noch tiefer, die wirtschaftliche Lage war allerdings in Summe entspannter.