Alternativen zur Sargbestattung werden immer beliebter

27.10.2026 • 05:00 Uhr
Alternativen zur Sargbestattung werden immer beliebter

Die Wiener Friedhofs- und Gedenkkultur befindet sich im Wandel. Das Totengedenken, besonders zu Allerheiligen und Allerseelen, findet für viele Menschen nicht mehr ausschließlich auf dem Friedhof statt. Ob in der Natur oder im digitalen Raum, die Möglichkeiten, sich an Verstorbene zu erinnern, gehen längst weit über das Grab hinaus. Die Bestattungsfirma “Himmelblau” und die Wiener Friedhöfe zeigten im Gespräch mit der APA alternative Möglichkeiten des Gedenkens auf.

In der Bundeshauptstadt nehmen klassische Sargbeisetzungen ab, während Feuerbestattungen immer beliebter werden. Laut “Himmelblau” ist hier ein grundlegender Wandel zu erkennen. Innerhalb von zwölf Jahren hat sich das Verhältnis in Wien umgedreht. Waren 2013 Erdbestattungen mit 62 Prozent noch deutlich häufiger gefragt als Feuerbestattungen, lag letztere 2025 mit 60 Prozent vorne.

Bei den Wiener Friedhöfen ist ebenfalls eine Verschiebung hin zu alternativen Beisetzungsformen zu beobachten. Erdbestattungen machen mit 59 Prozent zwar nach wie vor den größeren Anteil aus, Urnenbeisetzungen kommen mittlerweile aber bereits auf 41 Prozent. Zum Vergleich: 2015 waren es 70 Prozent Erd- und nur 30 Prozent Urnenbestattungen. Da die Beisetzungszahlen österreichweit bisher nicht einheitlich erfasst werden, liegen keine Vergleichsdaten für ganz Österreich vor.

“Die Friedhöfe sterben aus”

Für den Gründer und Gesellschafter des Bestattungsunternehmens “Himmelblau”, Georg Haas, ist die Lage dramatisch: “Die Friedhöfe sterben aus.” Er beobachte einen starken Rückgang aufgrund der hohen Grabnutzungsentgelte und der aktuellen Inflationskrise. “Man stirbt nur einmal im Leben, aber es kostet dann trotzdem zwischen fünf- und zehntausend Euro. Viele Menschen sagen, da geht mir finanziell die Luft aus.” Der Bestatter erklärt sich den Rückgang auch mit dem Wunsch nach geografischer Unabhängigkeit. Für viele Angehörige, die nicht mehr in ihrer Heimat leben, gewinnen demnach ortsunabhängige Formen des Gedenkens an Bedeutung.

Auch Lisa Pernkopf, Sprecherin der Friedhöfe Wien, sieht die Friedhofskultur im Wandel. Der Besuch von Gräbern bleibe jedoch insbesondere an Feiertagen eine wichtige Tradition: “Der Friedhof wird besucht. Allerheiligen und auch der Muttertag sind absolute Höhepunkte in der Saison. Das sind nach wie vor Fixpunkte für viele Wienerinnen und Wiener.”

Naturgräber im Aufblühen

Von Wald-, Baum- und Strauchgräbern bis hin zu Weinreben- und Rosenstockbestattung, die Auswahl ist bereits vielfältig und das Angebot an Naturgräbern wächst stetig. Bei Naturgräbern sieht die Bestattungsbranche großes Entwicklungspotenzial. “Himmelblau” spricht davon, dass sich knapp ein Drittel seiner Kundinnen und Kunden heute einen Abschied in der Natur wünsche. Laut Haas bieten Naturbestattungen viele Vorteile für Kundinnen und Kunden: “Mitten in der Natur ist es extrem schön, ich bin preislich deutlich tiefer unten, und ich kann das flexibel gestalten.”

Bei den Wiener Friedhöfen sind rund elf Prozent aller Urnenbeisetzungen Naturgräber, 2015 waren es erst sechs Prozent. Als Gründe für ein steigendes Interesse nennt Pernkopf den geringeren Pflegeaufwand und die Verbundenheit mit der Natur. Viele Menschen wollen demnach ihren Angehörigen die Grabpflege ersparen und nach dem Tod wieder Teil des natürlichen Kreislaufs werden. Die beliebtesten Naturgrabarten bei den Wiener Friedhöfen sind mit 79 Prozent klar Waldgräber, gefolgt von Baumgräbern (sieben Prozent), Rasengräbern (fünf Prozent) und Urnengarten (fünf Prozent).

Immer mehr Zulauf zu Digitalem Grab

Die Digitalisierung macht auch vor der Bestattungsbranche nicht Halt. Seit 2020 gehört bei den Friedhöfen Wien zu jeder der rund 550.000 Grabstellen auch ein Digitales Grab. Neben grundlegenden Serviceangeboten wie Nutzungsdauerverlängerung oder Adressänderungen dient das Angebot auch als ein virtueller Erinnerungsort. In “Gedenkräumen” können Angehörige Kerzen entzünden oder ein Foto ihrer Grabstelle anfertigen.

Aktuell nutzen rund 24.000 Menschen den digitalen Service. Laut Pernkopf wächst die Nachfrage stetig. Trotz der digitalen Möglichkeit gehen die Friedhöfe Wien nicht davon aus, dass der reale Kontakt verschwinden wird, das Angebot diene eher als Erweiterung beispielsweise für Angehörige, die nicht in der Nähe der Grabstätte wohnen. Friedhöfe seien zwar ein Ort der Toten, aber auch für die Lebenden, meint Pernkopf. “Trauer ist individuell, aber ich glaube, den physischen Friedhof wird das digitale Grab nicht ablösen.”

Faber als KI-Trauerredner

Auch in Richtung künstliche Intelligenz entwickelt sich die Trauerkultur weiter. Vor kurzem hat das steirische Start-up “Lebensstimmen” seine neuen KI-Trauerreden präsentiert. Dabei können aus Fotos individualisierte Video-Reden für das eigene Begräbnis erstellt werden. Selbst Wiens Dompfarrer Toni Faber wird als vorgefertigter KI-Trauerredner angeboten.

In Partnerschaft mit der Bestattung “Himmelblau” sollen die KI-generierten Grußbotschaften der Firma “Lebensstimmen” Anfang 2027 angeboten werden. Wie viele Menschen das tatsächlich erstellen lassen, wird sich erst in einem Jahr zeigen. Gesellschafter Haas sieht bei seinen Kundinnen und Kunden schon jetzt den Wunsch nach Individualität. Mit einer eigenen KI-Grußbotschaft könnten Trauerfeiern in Zukunft noch persönlicher gestaltet werden.

Tierische Beisetzung

Wer sich über den Tod hinaus von seinen Vierbeinern nicht trennen will, kann sich für ein “Mensch-Tier-Grab” entscheiden. Seit 2018 befinden sich am Friedhof Feuerhalle Simmering 64 Grabstellen, die es ermöglichen, gemeinsam mit seinem Haustier bestattet zu werden. “Im Normalfall ist es so, dass schon zu Lebzeiten Tierbesitzerinnen und -besitzer sich eine Grabstelle reservieren und meist das Tier vorangeht”, erklärt Pernkopf.

Der Hund ist auch am Friedhof Feuerhalle Simmering der beste Freund des Menschen. 78 Prozent der Beisetzungen entfallen auf die bellenden Vierbeiner, 17 Prozent auf Katzen und fünf Prozent auf Hamster. Ein anderes Bild zeichnet allerdings der Tierfriedhof Wien. Katzen liegen hier mit 44 Prozent an der Spitze, dicht gefolgt von Hunden mit 42 Prozent. Die restlichen 14 Prozent verteilen sich auf andere Tierarten wie Vögel, Schildkröten und Hamster. Seit Eröffnung 2011 wurden am Tierfriedhof Wien bereits rund 1.300 Tiere bestattet.