Analyst: “Marokko soll für Europa den Gendarm spielen”

06.08.2026 • 05:00 Uhr
Analyst: "Marokko soll für Europa den Gendarm spielen"

“Die Grenze nach Spanien ist offen. Wenn du es schaffst, ein paar Kilometer weit zu schwimmen, wirst du Europäer.” Diese Falschmeldung las der Politikanalyst Mohamed Chtatou zu Beginn der Ceuta-Krise im Internet. Kurz darauf war die Website verschwunden. “Für junge, abenteuerlustige und leichtsinnige Menschen war das eine starke Botschaft”, sagt er im APA-Gespräch. Chtatou hat als Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Rabat viel mit Marokkos Jugend zu tun.

Hinter Falschmeldungen, die den Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta am 29. und 30. Juli befeuerten, vermutet der Analyst Schleppernetzwerke. Auch eine russische Desinformationskampagne schließt er nicht aus. “Auf Arabisch nennen wir Menschen, die solche Meldungen verbreiten, “elektronische Fliegen” (dhubab al-elektroni). Hast du schon mal versucht, eine Fliege zu fangen? Sie sind schwer fassbar, man kann sie nicht ausrotten.” Solche Personen oder Bots würden online Desinformation verbreiten und dann spurlos verschwinden. Sie hätten eine Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofs von Mitte Juni instrumentalisiert.

“Marokko soll für Europa den Gendarm spielen”

Spaniens Oberster Gerichtshof hatte Mitte Juni entschieden, dass Migranten, die auf dem Seeweg in die Exklaven Ceuta oder Melilla abgefangen werden, nicht umgehend wieder zurückgeschickt werden dürfen. “Das war eine lächerliche Entscheidung”, kritisiert Chtatou. “Das verstößt gegen die Sicherheitsabkommen, die Europa mit Ländern in Nordafrika an den Grenzen geschlossen hat.” Anhand solcher Abkommen habe Europa aus Sicht des Politikanalysten die Sicherung der EU-Außengrenzen ausgelagert. “Marokko soll für Europa den Gendarm spielen”, sagt der Professor.

Vor diesem Hintergrund wirft er europäischen Regierungen und der EU Doppelstandards vor. “Wenn ich von Doppelmoral spreche, meine ich damit, dass sie einerseits behaupten, sie seien an Menschenrechten interessiert – etwa in Bezug auf Menschen, die nach Ceuta gelangen.” Andererseits würde Europa Druck auf Regierungen in Nordafrika ausüben, um Migration nach Europa zu stoppen.

Überforderung der marokkanischen Sicherheitskräfte

In Marokko sei die Bestürzung über die mehr als 70 Toten groß. “Das Gefühl ist eigentlich Empörung. Totale Empörung”, betont Chtatou. Von der Fluchtbewegung nach Ceuta seien die marokkanischen Sicherheitskräfte seiner Meinung nach schlichtweg überfordert gewesen. “Wenn man es mit 60.000 Jugendlichen zu tun hat, kann man sie nicht einfach aufhalten. Es ist unmöglich, sie unter Kontrolle zu bringen. Man müsste auf sie schießen, und das kann man ja nicht tun, oder?” Viele Menschen seien auch wütend, dass Marokko für die Krise verantwortlich gemacht werde.

So bezeichnete etwa Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas die Grenzübertritte in Ceuta als “wenn nicht von Marokko inszeniert, so doch zumindest von Marokko gefördert oder geduldet”. Auch internationale Medien berichteten über eine Beteiligung marokkanischer Behörden an der Fluchtbewegung. Der “Guardian” zitierte etwa einen 28-jährigen Marokkaner, der nach eigenen Angaben nach Ceuta geschwommen war: “Die marokkanische Polizei drängte uns ins Wasser und rief uns zu: ‘Schwimmt, schwimmt!'” Eine derartige Ermutigung vonseiten der marokkanischen Sicherheitskräfte kann Chtatou sich nicht erklären.

Auch “Politico” verwies auf Berichte der spanischen Nationalgarde, laut denen marokkanische Gendarmen, die die Grenze normalerweise sichern, ihre Posten zu Beginn des Massenandrangs “unerklärlicherweise” verlassen hätten. Laut AFP erklärte ein marokkanischer Regierungsvertreter die Abwesenheit der Gendarmen damit, dass die Zahl der Migranten derart angeschwollen sei, dass die Sicherheitskräfte “an einem bestimmten Punkt” den Menschen nicht mehr hätten entgegentreten können.

Europa als “Eldorado”

Viele Menschen in Marokko würden sich Europa als eine Art “Eldorado” vorstellen, wo das Leben ungemein besser sei. Laut Chtatou sei dieser Eldorado-Mythos nicht neu, sondern historisch und kulturell in Marokko verankert. “Nach Europa zu gehen, war schon immer der Traum vieler Gemeinschaften im Norden Marokkos”. Europa habe sich den Mythos selbst zu eigen gemacht, um nach dem Zweiten Weltkrieg Arbeitskräfte aus Marokko anzuwerben.

Zugleich sei der Mythos auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Der Politikanalyst weist darauf hin, dass das durchschnittliche Einkommen in Europa nach wie vor höher als in Marokko ist. Solche Ungleichheiten würden die Sehnsucht nach einem europäischen Eldorado verstärken und Schleppernetzwerken Tür und Tor öffnen.

(Das Gespräch führte Pia Hecher/APA)